Die Menschenrechtsabkommen der Vereinten Nationen

Jah­res­be­rich­te der Chef­an­klä­ge­rin des Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs

Die Chef­an­klä­ge­rin des Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richt­hofs, Frau Fatou Ben­sou­da (Gam­bia) hat den Jah­re­be­richt über die vor­läu­fi­gen Prü­fungs­hand­lun­gen ver­öf­fent­licht. Begon­nen wor­den ist mit der Ver­öf­fent­li­chung die­ser Berich­te im Jahr 2011 in Ver­bin­dung mit der Jah­res­ta­gung der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten. Der Bericht zielt dar­auf ab, das öffent­li­che Bewusst­sein zu stär­ken und die Trans­pa­renz hin­sicht­lich des Vor­prü­fungs­ver­fah­rens und der damit zusam­men­hän­gen­den Tätig­kei­ten des Amtes zu för­dern. Der dies­jäh­ri­ge 6. Bericht gibt einen Über­blick über die Vor­prü­fungs­ar­bei­ten vom 1. Novem­ber 2015 bis zum 31. Okto­ber 2016 in Bezug auf zehn betrof­fe­ne Situa­tio­nen für mög­li­che Unter­su­chun­gen. Dar­un­ter sind zwei neu eröff­ne­te vor­läu­fi­ge Prü­fun­gen betref­fend die Lage in Burun­di und Gabun. Wei­ter­hin unter Beob­ach­tung blei­ben die Situa­tio­nen in Afgha­ni­stan, Kolum­bi­en, Gui­nea, Irak / Groß­bri­tan­ni­en, Paläs­ti­na, Nige­ria, Ukrai­ne und die Lage der regis­trier­ten Schif­fe der Komo­ren, Grie­chen­land und Kam­bo­dscha.

Beson­de­res Inter­es­se hat die Mit­tei­lung der Chef­an­klä­ge­rin geweckt, dass geplant ist in naher Zukunft eine end­gül­ti­ge Ent­schei­dung hin­sicht­lich der Situa­ti­on in Afgha­ni­stan zu tref­fen.

Das Amt hat 112 Mit­tei­lun­gen gemäß Arti­kel 15 des Rom-Sta­tuts betref­fend der Situa­ti­on in Afgha­ni­stan erhal­ten. Die vor­läu­fi­ge Prü­fung der Lage in Afgha­ni­stan wur­de 2007 ver­öf­fent­licht. Afgha­ni­stan hat das Rom-Sta­tut am 10. Febru­ar 2003 rati­fi­ziert. Daher ist der Inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof seit dem 1. Mai 2003 für alle im Rom-Sta­tut fest­ge­hal­te­nen Ver­bre­chen in Bezug auf Afgha­ni­stan oder sei­nen Staats­an­ge­hö­ri­gen zustän­dig.

In die­sem Zusam­men­hang sind die Taten, die angeb­lich von Ange­hö­ri­gen der US-Streit­kräf­te und der CIA began­gen wur­den, beson­ders bri­sant: Nach Mit­tei­lung der Chef­an­klä­ge­rin lie­fern die zur Ver­fü­gung ste­hen­den Infor­ma­tio­nen eine hin­rei­chend siche­re Grund­la­ge für die Annah­me, dass die Mit­glie­der der US-Streit­kräf­te und die US-ame­ri­ka­ni­sche Zen­tra­le Nach­rich­ten­agen­tur (CIA) sich bei der Befra­gung von Gefan­ge­nen und zur Unter­stüt­zung der Ver­hö­re sich der Fol­ter, grau­sa­mer Behand­lung und Ver­ge­wal­ti­gung bedient haben. Die­se Hand­lun­gen sind nach Arti­kel 8 Abs. 2 c) i ) und ii) und nach Arti­kel 8 Abs. 2 e vi) des Rom-Sta­tuts straf­bar.

Ins­be­son­de­re schei­nen die Ange­hö­ri­gen der US-Streit­kräf­te nach Anga­ben der Chef­an­klä­ge­rin min­des­tens 61 fest­ge­nom­me­ne Per­so­nen gefol­tert, grau­sam behan­delt und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen auf dem Ter­ri­to­ri­um Afgha­ni­stans zwi­schen dem 1. Mai 2003 und dem 31. Dezem­ber 2014 began­gen zu haben. Ein Groß­teil die­ser Vor­komm­nis­se hat angeb­lich 2003 — 2004 statt­ge­fun­den.

Dar­über hin­aus sol­len die Mit­glie­der der CIA zwi­schen Dezem­ber 2002 und März 2003 min­des­tens 27 fest­ge­nom­me­ne Per­so­nen gefol­tert und grau­sam behan­delt zu haben. Außer­dem sol­len Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und / oder Ver­ge­wal­ti­gun­gen auf dem Ter­ri­to­ri­um von Afgha­ni­stan und ande­ren Ver­trags­staa­ten des Rom-Sta­tuts (Polen, Rumä­ni­en und Litau­en) began­gen wor­den sein. Die meis­ten Miss­bräu­che sind angeb­lich im Jahr 2003 auf­ge­tre­ten.

Die Chef­an­klä­ge­rin weist dar­auf hin, dass im Fall von Ver­bre­chen, die im Aus­land von US-Staats­an­ge­hö­ri­gen began­gen wer­den, die US-Zivil- und Mili­tär­ge­rich­te ihre Zustän­dig­keit aus­üben kön­nen — auch wenn das Ver­bre­chen in die Zustän­dig­keit des Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs (Kriegs­ver­bre­chen, Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit und Völ­ker­mord) fällt. Im Novem­ber 2015 erwi­der­te die USA auf das Komi­tee gegen Fol­ter, dass „mehr als 70 Unter­su­chun­gen über Vor­wür­fe wegen des Miss­brauchs von Inhaf­tier­ten durch Mili­tär­per­so­nal in Afgha­ni­stan zu einer Gerichts­ver­hand­lung führ­ten, und ca. 200 Unter­su­chun­gen zum Häft­lings­miss­brauch ent­we­der zu nicht­ge­richt­li­chen Stra­fen oder ver­wal­tungs­tech­ni­schen Maß­nah­men führ­ten. Hier sieht die Chef­an­klä­ge­rin aber kei­ne Über­schnei­dung, da die über­wie­gen­de Anzahl der Ermitt­lun­gen und Straf­ver­fol­gun­gen im Zusam­men­hang mit Vor­komm­nis­sen im Irak stan­den. Ledig­lich gan­ze 7 Gerichts­ver­hand­lun­gen wur­den auf­grund von Miss­hand­lun­gen in Afgha­ni­stan im Jah­re 2002 geführt.

Aus die­sen Grün­den sieht die Chef­an­klä­ge­rin kei­ne wesent­li­chen Grün­de zu der Annah­me, dass die Eröff­nung einer Unter­su­chung nicht im Inter­es­se der Gerech­tig­keit wäre.

Auch wenn die USA das Rom-Sta­tut nicht rati­fi­ziert hat, könn­te ein Ver­fah­ren vor dem Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof eröff­net wer­den, da die vor­ge­wor­fe­nen Ver­bre­chen in Afgha­ni­stan statt­ge­fun­den haben sol­len. Die­ses Land gehört zu den Unter­zeich­ner-Staa­ten. Und laut Sta­tut müs­sen die Ver­bre­chen sich in einem Mit­glied­staat ereig­net haben oder Bür­ger eines sol­chen Staa­tes sind Leid­tra­gen­de der Ver­bre­chen gewe­sen.