Die Menschenrechtsabkommen der Vereinten Nationen

Römi­sches Sta­tut des Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs

blue-40635_640Abge­schlos­sen in Rom am 17. Juli 1998

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Prä­am­bel[↑]

Die Ver­trags­staa­ten die­ses Sta­tuts -

im Bewusst­sein, dass alle Völ­ker durch gemein­sa­me Ban­de ver­bun­den sind und ihre Kul­tu­ren ein gemein­sa­mes Erbe bil­den, und besorgt dar­über, dass die­ses zer­brech­li­che Mosa­ik jeder­zeit zer­stört wer­den kann,

ein­ge­denk des­sen, dass in die­sem Jahr­hun­dert Mil­lio­nen von Kin­dern, Frau­en und Män­nern Opfer unvor­stell­ba­rer Gräu­el­ta­ten gewor­den sind, die das Gewis­sen der Mensch­heit zutiefst erschüt­tern,

in der Erkennt­nis, dass sol­che schwe­ren Ver­bre­chen den Frie­den, die Sicher­heit und das Wohl der Welt bedro­hen,

bekräf­ti­gend, dass die schwers­ten Ver­bre­chen, wel­che die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft als Gan­zes berüh­ren, nicht unbe­straft blei­ben dür­fen und dass ihre wirk­sa­me Ver­fol­gung durch Mass­nah­men auf ein­zel­staat­li­cher Ebe­ne und durch ver­stärk­te inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit gewähr­leis­tet wer­den muss,

ent­schlos­sen, der Straf­lo­sig­keit der Täter ein Ende zu set­zen und so zur Ver­hü­tung sol­cher Ver­bre­chen bei­zu­tra­gen,

dar­an erin­nernd, dass es die Pflicht eines jeden Staa­tes ist, sei­ne Straf­ge­richts­bar­keit über die für inter­na­tio­na­le Ver­bre­chen Ver­ant­wort­li­chen aus­zu­üben,

in Bekräf­ti­gung der Zie­le und Grund­sät­ze der Char­ta der Ver­ein­ten Nationen4 und ins­be­son­de­re des Grund­sat­zes, dass alle Staa­ten jede gegen die ter­ri­to­ria­le Unver­sehrt­heit oder die poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit eines Staa­tes gerich­te­te oder sonst mit den Zie­len der Ver­ein­ten Natio­nen unver­ein­ba­re Andro­hung oder Anwen­dung von Gewalt zu unter­las­sen haben,

in die­sem Zusam­men­hang nach­drück­lich dar­auf hin­wei­send, dass die­ses Sta­tut nicht so aus­zu­le­gen ist, als ermäch­ti­ge es einen Ver­trags­staat, in einen bewaff­ne­ten Kon­flikt oder in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten eines Staa­tes ein­zu­grei­fen,

im fes­ten Wil­len, zu die­sem Zweck und um der heu­ti­gen und der künf­ti­gen Gene­ra­tio­nen wil­len einen mit dem Sys­tem der Ver­ein­ten Natio­nen in Bezie­hung ste­hen­den unab­hän­gi­gen stän­di­gen Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof zu errich­ten, der Gerichts­bar­keit über die schwers­ten Ver­bre­chen hat, wel­che die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft als Gan­zes berüh­ren,

nach­drück­lich dar­auf hin­wei­send, dass der auf Grund die­ses Sta­tuts errich­te­te Inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof die inner­staat­li­che Straf­ge­richts­bar­keit ergänzt,

ent­schlos­sen, die Ach­tung und die Durch­set­zung der inter­na­tio­na­len Rechts­pfle­ge dau­er­haft zu gewähr­leis­ten,

sind wie folgt über­ein­ge­kom­men:

 

Teil 1: Errich­tung des Gerichts­hofs[↑]

Arti­kel 1 Der Gerichts­hof[↑]

Hier­mit wird der Inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof («Gerichts­hof») errich­tet. Der Gerichts­hof ist eine stän­di­ge Ein­rich­tung und ist befugt, sei­ne Gerichts­bar­keit über Per­so­nen wegen der in die­sem Sta­tut genann­ten schwers­ten Ver­bre­chen von inter­na­tio­na­lem Belang aus­zu­üben; er ergänzt die inner­staat­li­che Straf­ge­richts­bar­keit. Die Zustän­dig­keit und die Arbeits­wei­se des Gerichts­hofs wer­den durch die­ses Sta­tut gere­gelt.

 

Art. 2 Ver­hält­nis des Gerichts­hofs zu den Ver­ein­ten Natio­nen[↑]

Der Gerichts­hof wird durch ein Abkom­men, das von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten die­ses Sta­tuts zu geneh­mi­gen und danach vom Prä­si­den­ten des Gerichts­hofs in des­sen Namen zu schlies­sen ist, mit den Ver­ein­ten Natio­nen in Bezie­hung gebracht.

 

Art. 3 Sitz des Gerichts­hofs[↑]

  1. Sitz des Gerichts­hofs ist Den Haag in den Nie­der­lan­den («Gast­staat»).
  2. Der Gerichts­hof schliesst mit dem Gast­staat ein Sitz­ab­kom­men, das von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten zu geneh­mi­gen und danach vom Prä­si­den­ten des Gerichts­hofs in des­sen Namen zu schlies­sen ist.
  3. Der Gerichts­hof kann, wie in die­sem Sta­tut vor­ge­se­hen, an einem ande­ren Ort tagen, wenn er dies für wün­schens­wert hält.

 

Art. 4 Rechts­stel­lung und Befug­nis­se des Gerichts­hofs[↑]

  1. Der Gerichts­hof besitzt Völ­ker­rechts­per­sön­lich­keit. Er besitzt aus­ser­dem die Rechts- und Geschäfts­fä­hig­keit, die zur Wahr­neh­mung sei­ner Auf­ga­ben und zur Ver­wirk­li­chung sei­ner Zie­le erfor­der­lich ist.
  2. Der Gerichts­hof kann sei­ne Auf­ga­ben und Befug­nis­se, wie in die­sem Sta­tut vor­ge­se­hen, im Hoheits­ge­biet eines jeden Ver­trags­staats und nach Mass­ga­be einer beson­de­ren Über­ein­kunft im Hoheits­ge­biet eines jeden ande­ren Staa­tes wahr­neh­men.

 

Teil 2: Gerichts­bar­keit, Zuläs­sig­keit und anwend­ba­res Recht[↑]

Art. 5 Der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­de Ver­bre­chen[↑]

  1. Die Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs ist auf die schwers­ten Ver­bre­chen beschränkt, wel­che die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft als Gan­zes berüh­ren. Die Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs erstreckt sich in Über­ein­stim­mung mit die­sem Sta­tut auf fol­gen­de Ver­bre­chen:
    1. das Ver­bre­chen des Völ­ker­mords;
    2. Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit;
    3. Kriegs­ver­bre­chen;
    4. das Ver­bre­chen der Aggres­si­on.
  2. Der Gerichts­hof übt die Gerichts­bar­keit über das Ver­bre­chen der Aggres­si­on aus, sobald in Über­ein­stim­mung mit den Arti­keln 121 und 123 eine Bestim­mung ange­nom­men wor­den ist, die das Ver­bre­chen defi­niert und die Bedin­gun­gen für die Aus­übung der Gerichts­bar­keit im Hin­blick auf die­ses Ver­bre­chen fest­legt. Die­se Bestim­mung muss mit den ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen ver­ein­bar sein.

 

Art. 6 Völ­ker­mord[↑]

Im Sin­ne die­ses Sta­tuts bedeu­tet «Völ­ker­mord» jede der fol­gen­den Hand­lun­gen, die in der Absicht began­gen wird, eine natio­na­le, eth­ni­sche, ras­si­sche oder reli­giö­se Grup­pe als sol­che ganz oder teil­wei­se zu zer­stö­ren:

  1. Tötung von Mit­glie­dern der Grup­pe;
  2. Ver­ur­sa­chung von schwe­rem kör­per­li­chem oder see­li­schem Scha­den an Mit­glie­dern der Grup­pe;
  3. vor­sätz­li­che Auf­er­le­gung von Lebens­be­din­gun­gen für die Grup­pe, die geeig­net sind, ihre kör­per­li­che Zer­stö­rung ganz oder teil­wei­se her­bei­zu­füh­ren;
  4. Ver­hän­gung von Mass­nah­men, die auf die Gebur­ten­ver­hin­de­rung inner­halb der Grup­pe gerich­tet sind;
  5. gewalt­sa­me Über­füh­rung von Kin­dern der Grup­pe in eine ande­re Grup­pe.

 

Art. 7 Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit[↑]

  1. Im Sin­ne die­ses Sta­tuts bedeu­tet «Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit» jede der fol­gen­den Hand­lun­gen, die im Rah­men eines aus­ge­dehn­ten oder sys­te­ma­ti­schen Angriffs gegen die Zivil­be­völ­ke­rung und in Kennt­nis des Angriffs began­gen wird:
    1. vor­sätz­li­che Tötung;
    2. Aus­rot­tung;
    3. Ver­skla­vung;
    4. Ver­trei­bung oder zwangs­wei­se Über­füh­rung der Bevöl­ke­rung;
    5. Frei­heits­ent­zug oder sons­ti­ge schwer wie­gen­de Berau­bung der kör­per­li­chen Frei­heit unter Ver­stoss gegen die Grund­re­geln des Völ­ker­rechts;
    6. Fol­ter;
    7. Ver­ge­wal­ti­gung, sexu­el­le Skla­ve­rei, Nöti­gung zur Pro­sti­tu­ti­on, erzwun­ge­ne Schwan­ger­schaft, Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on oder jede ande­re Form sexu­el­ler Gewalt von ver­gleich­ba­rer Schwe­re;
    8. Ver­fol­gung einer iden­ti­fi­zier­ba­ren Grup­pe oder Gemein­schaft aus poli­ti­schen, ras­si­schen, natio­na­len, eth­ni­schen, kul­tu­rel­len oder reli­giö­sen Grün­den, Grün­den des Geschlechts im Sin­ne des Absat­zes 3 oder aus ande­ren nach dem Völ­ker­recht uni­ver­sell als unzu­läs­sig aner­kann­ten Grün­den im Zusam­men­hang mit einer in die­sem Absatz genann­ten Hand­lung oder einem der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chen;
    9. zwangs­wei­ses Ver­schwin­den­las­sen von Per­so­nen;
    10. das Ver­bre­chen der Apart­heid;
    11. ande­re unmensch­li­che Hand­lun­gen ähn­li­cher Art, mit denen vor­sätz­lich gros­se Lei­den oder eine schwe­re Beein­träch­ti­gung der kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit oder der geis­ti­gen oder kör­per­li­chen Gesund­heit ver­ur­sacht wer­den.
  2. Im Sin­ne des Absat­zes 1
    1. bedeu­tet «Angriff gegen die Zivil­be­völ­ke­rung» eine Ver­hal­tens­wei­se, die mit der mehr­fa­chen Bege­hung der in Absatz 1 genann­ten Hand­lun­gen gegen eine Zivil­be­völ­ke­rung ver­bun­den ist, in Aus­füh­rung oder zur Unter­stüt­zung der Poli­tik eines Staa­tes oder einer Orga­ni­sa­ti­on, die einen sol­chen Angriff zum Ziel hat;
    2. umfasst «Aus­rot­tung» die vor­sätz­li­che Auf­er­le­gung von Lebens­be­din­gun­gen — unter ande­rem das Vor­ent­hal­ten des Zugangs zu Nah­rungs­mit­teln und Medi­ka­men­ten -, die geeig­net sind, die Ver­nich­tung eines Tei­les der Bevöl­ke­rung her­bei­zu­füh­ren;
    3. bedeu­tet «Ver­skla­vung» die Aus­übung aller oder ein­zel­ner mit einem Eigen­tums­recht an einer Per­son ver­bun­de­nen Befug­nis­se und umfasst die Aus­übung die­ser Befug­nis­se im Rah­men des Han­dels mit Men­schen, ins­be­son­de­re mit Frau­en und Kin­dern;
    4. bedeu­tet «Ver­trei­bung oder zwangs­wei­se Über­füh­rung der Bevöl­ke­rung» die erzwun­ge­ne, völ­ker­recht­lich unzu­läs­si­ge Ver­brin­gung der betrof­fe­nen Per­so­nen durch Aus­wei­sung oder ande­re Zwangs­mass­nah­men aus dem Gebiet, in dem sie sich recht­mäs­sig auf­hal­ten;
    5. bedeu­tet «Fol­ter», dass einer im Gewahr­sam oder unter der Kon­trol­le des Beschul­dig­ten befind­li­chen Per­son vor­sätz­lich gros­se kör­per­li­che oder see­li­sche Schmer­zen oder Lei­den zuge­fügt wer­den; Fol­ter umfasst jedoch nicht Schmer­zen oder Lei­den, die sich ledig­lich aus gesetz­lich zuläs­si­gen Sank­tio­nen erge­ben, dazu gehö­ren oder damit ver­bun­den sind;
    6. bedeu­tet «erzwun­ge­ne Schwan­ger­schaft» die rechts­wid­ri­ge Gefan­gen­hal­tung einer zwangs­wei­se geschwän­ger­ten Frau in der Absicht, die eth­ni­sche Zusam­men­set­zung einer Bevöl­ke­rung zu beein­flus­sen oder ande­re schwe­re Ver­stös­se gegen das Völ­ker­recht zu bege­hen. Die­se Begriffs­be­stim­mung ist nicht so aus­zu­le­gen, als berüh­re sie inner­staat­li­che Geset­ze in Bezug auf Schwan­ger­schaft;
    7. bedeu­tet «Ver­fol­gung» den völ­ker­rechts­wid­ri­gen, vor­sätz­li­chen und schwer wie­gen­den Ent­zug von Grund­rech­ten wegen der Iden­ti­tät einer Grup­pe oder Gemein­schaft;
    8. bedeu­tet «Ver­bre­chen der Apart­heid» unmensch­li­che Hand­lun­gen ähn­li­cher Art wie die in Absatz 1 genann­ten, die von einer ras­si­schen Grup­pe im Zusam­men­hang mit einem insti­tu­tio­na­li­sier­ten Regime der sys­te­ma­ti­schen Unter­drü­ckung und Beherr­schung einer oder meh­re­rer ande­rer ras­si­scher Grup­pen in der Absicht began­gen wer­den, die­ses Regime auf­recht­zu­er­hal­ten;
    9. bedeu­tet «zwangs­wei­ses Ver­schwin­den­las­sen von Per­so­nen» die Fest­nah­me, den Ent­zug der Frei­heit oder die Ent­füh­rung von Per­so­nen durch einen Staat oder eine poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on oder mit Ermäch­ti­gung, Unter­stüt­zung oder Dul­dung des Staa­tes oder der Orga­ni­sa­ti­on, gefolgt von der Wei­ge­rung, die­se Frei­heits­be­rau­bung anzu­er­ken­nen oder Aus­kunft über das Schick­sal oder den Ver­bleib die­ser Per­so­nen zu ertei­len, in der Absicht, sie für län­ge­re Zeit dem Schutz des Geset­zes zu ent­zie­hen.
  3. Im Sin­ne die­ses Sta­tuts bezieht sich der Aus­druck «Geschlecht» auf bei­de Geschlech­ter, das männ­li­che und das weib­li­che, im gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hang. Er hat kei­ne ande­re als die vor­ge­nann­te Bedeu­tung.

 

Art. 8 Kriegs­ver­bre­chen[↑]

  1. Der Gerichts­hof hat Gerichts­bar­keit in Bezug auf Kriegs­ver­bre­chen, ins­be­son­de­re wenn die­se als Teil eines Pla­nes oder einer Poli­tik oder als Teil der Bege­hung sol­cher Ver­bre­chen in gros­sem Umfang ver­übt wer­den.
  2. Im Sin­ne die­ses Sta­tuts bedeu­tet «Kriegs­ver­bre­chen»
    1. schwe­re Ver­let­zun­gen der Gen­fer Abkom­men vom 12. August 1949, näm­lich jede der fol­gen­den Hand­lun­gen gegen die nach dem jewei­li­gen Gen­fer Abkom­men geschütz­ten Per­so­nen oder Güter:
      1. vor­sätz­li­che Tötung;
      2. Fol­ter oder unmensch­li­che Behand­lung ein­schliess­lich bio­lo­gi­scher Ver­su­che;
      3. vor­sätz­li­che Ver­ur­sa­chung gros­ser Lei­den oder schwe­re Beein­träch­ti­gung der kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit oder der Gesund­heit;
      4. Zer­stö­rung und Aneig­nung von Eigen­tum in gros­sem Aus­mass, die durch mili­tä­ri­sche Erfor­der­nis­se nicht gerecht­fer­tigt sind und rechts­wid­rig und will­kür­lich vor­ge­nom­men wer­den;
      5. Nöti­gung eines Kriegs­ge­fan­ge­nen oder einer ande­ren geschütz­ten Per­son zur Dienst­leis­tung in den Streit­kräf­ten einer feind­li­chen Macht;
      6. vor­sätz­li­cher Ent­zug des Rechts eines Kriegs­ge­fan­ge­nen oder einer ande­ren geschütz­ten Per­son auf ein unpar­tei­isches ordent­li­ches Gerichts­ver­fah­ren;
      7. rechts­wid­ri­ge Ver­trei­bung oder Über­füh­rung oder rechts­wid­ri­ge Gefan­gen­hal­tung;
      8. Gei­sel­nah­me;
    2. ande­re schwe­re Ver­stös­se gegen die inner­halb des fest­ste­hen­den Rah­mens des Völ­ker­rechts im inter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flikt anwend­ba­ren Geset­ze und Gebräu­che, näm­lich jede der fol­gen­den Hand­lun­gen:
      1. vor­sätz­li­che Angrif­fe auf die Zivil­be­völ­ke­rung als sol­che oder auf ein­zel­ne Zivil­per­so­nen, die an den Feind­se­lig­kei­ten nicht unmit­tel­bar teil­neh­men;
      2. vor­sätz­li­che Angrif­fe auf zivi­le Objek­te, das heisst auf Objek­te, die nicht mili­tä­ri­sche Zie­le sind;
      3. vor­sätz­li­che Angrif­fe auf Per­so­nal, Ein­rich­tun­gen, Mate­ri­al, Ein­hei­ten oder Fahr­zeu­ge, die an einer huma­ni­tä­ren Hilfs­mis­si­on oder frie­dens­er­hal­ten­den Mis­si­on in Über­ein­stim­mung mit der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen betei­ligt sind, solan­ge sie Anspruch auf den Schutz haben, der Zivil­per­so­nen oder zivi­len Objek­ten nach dem inter­na­tio­na­len Recht des bewaff­ne­ten Kon­flikts gewährt wird;
      4. vor­sätz­li­ches Füh­ren eines Angriffs in der Kennt­nis, dass die­ser auch Ver­lus­te an Men­schen­le­ben, die Ver­wun­dung von Zivil­per­so­nen, die Beschä­di­gung zivi­ler Objek­te oder weit rei­chen­de, lang­fris­ti­ge und schwe­re Schä­den an der natür­li­chen Umwelt ver­ur­sa­chen wird, die ein­deu­tig in kei­nem Ver­hält­nis zu dem ins­ge­samt erwar­te­ten kon­kre­ten und unmit­tel­ba­ren mili­tä­ri­schen Vor­teil ste­hen;
      5. der Angriff auf unver­tei­dig­te Städ­te, Dör­fer, Wohn­stät­ten oder Gebäu­de, die nicht mili­tä­ri­sche Zie­le sind, oder deren Beschies­sung, gleich­viel mit wel­chen Mit­teln;
      6. die Tötung oder Ver­wun­dung eines die Waf­fen stre­cken­den oder wehr­lo­sen Kom­bat­tan­ten, der sich auf Gna­de oder Ungna­de erge­ben hat;
      7. der Miss­brauch der Par­la­men­tär­flag­ge, der Flag­ge oder der mili­tä­ri­schen Abzei­chen oder der Uni­form des Fein­des oder der Ver­ein­ten Natio­nen sowie der Schutz­zei­chen der Gen­fer Abkom­men, wodurch Tod oder schwe­re Ver­let­zun­gen ver­ur­sacht wer­den;
      8. die unmit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Über­füh­rung durch die Besat­zungs­macht eines Tei­les ihrer eige­nen Zivil­be­völ­ke­rung in das von ihr besetz­te Gebiet oder die Ver­trei­bung oder Über­füh­rung der Gesamt­heit oder eines Tei­les der Bevöl­ke­rung des besetz­ten Gebiets inner­halb des­sel­ben oder aus die­sem Gebiet;
      9. vor­sätz­li­che Angrif­fe auf Gebäu­de, die dem Got­tes­dienst, der Erzie­hung, der Kunst, der Wis­sen­schaft oder der Wohl­tä­tig­keit gewid­met sind, auf geschicht­li­che Denk­mä­ler, Kran­ken­häu­ser und Sam­mel­plät­ze für Kran­ke und Ver­wun­de­te, sofern es nicht mili­tä­ri­sche Zie­le sind;
      10. die kör­per­li­che Ver­stüm­me­lung von Per­so­nen, die sich in der Gewalt einer geg­ne­ri­schen Par­tei befin­den, oder die Vor­nah­me medi­zi­ni­scher oder wis­sen­schaft­li­cher Ver­su­che jeder Art an die­sen Per­so­nen, die nicht durch deren ärzt­li­che, zahn­ärzt­li­che oder Kran­ken­haus­be­hand­lung gerecht­fer­tigt sind oder in ihrem Inter­es­se durch­ge­führt wer­den und die zu ihrem Tod füh­ren oder ihre Gesund­heit ernst­haft gefähr­den;
      11. die meuch­le­ri­sche Tötung oder Ver­wun­dung von Ange­hö­ri­gen des feind­li­chen Vol­kes oder Hee­res;
      12. die Erklä­rung, dass kein Par­don gege­ben wird;
      13. die Zer­stö­rung oder Beschlag­nah­me feind­li­chen Eigen­tums, sofern die­se nicht durch die Erfor­der­nis­se des Krie­ges zwin­gend gebo­ten ist;
      14. die Erklä­rung, dass Rech­te und For­de­run­gen von Ange­hö­ri­gen der Gegen­par­tei auf­ge­ho­ben, zeit­wei­lig aus­ge­setzt oder vor Gericht nicht ein­klag­bar sind;
      15. der Zwang gegen Ange­hö­ri­ge der Gegen­par­tei, an den Kriegs­hand­lun­gen gegen ihr eige­nes Land teil­zu­neh­men, selbst wenn sie bereits vor Aus­bruch des Krie­ges im Dienst des Krieg­füh­ren­den stan­den;
      16. die Plün­de­rung einer Stadt oder Ansied­lung, selbst wenn sie im Sturm genom­men wur­de;
      17. die Ver­wen­dung von Gift oder ver­gif­te­ten Waf­fen;
      18. die Ver­wen­dung ersti­cken­der, gif­ti­ger oder gleich­ar­ti­ger Gase sowie aller ähn­li­chen Flüs­sig­kei­ten, Stof­fe oder Vor­rich­tun­gen;
      19. die Ver­wen­dung von Geschos­sen, die sich im Kör­per des Men­schen leicht aus­deh­nen oder flach­drü­cken, bei­spiels­wei­se Geschos­se mit einem har­ten Man­tel, der den Kern nicht ganz umschliesst oder mit Ein­schnit­ten ver­se­hen ist;
      20. die Ver­wen­dung von Waf­fen, Geschos­sen, Stof­fen und Metho­den der Krieg­füh­rung, die geeig­net sind, über­flüs­si­ge Ver­let­zun­gen oder unnö­ti­ge Lei­den zu ver­ur­sa­chen, oder die unter Ver­stoss gegen das inter­na­tio­na­le Recht des bewaff­ne­ten Kon­flikts ihrer Natur nach unter­schieds­los wir­ken, vor­aus­ge­setzt, dass die­se Waf­fen, Geschos­se, Stof­fe und Metho­den der Krieg­füh­rung Gegen­stand eines umfas­sen­den Ver­bots und auf Grund einer Ände­rung ent­spre­chend den ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen in den Arti­keln 121 und 123 in einer Anla­ge die­ses Sta­tuts ent­hal­ten sind;
      21. die Beein­träch­ti­gung der per­sön­li­chen Wür­de, ins­be­son­de­re eine ent­wür­di­gen­de und ernied­ri­gen­de Behand­lung;
      22. Ver­ge­wal­ti­gung, sexu­el­le Skla­ve­rei, Nöti­gung zur Pro­sti­tu­ti­on, erzwun­ge­ne Schwan­ger­schaft im Sin­ne des Arti­kels 7 Absatz 2 Buch­sta­be f, Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on oder jede ande­re Form sexu­el­ler Gewalt, die eben­falls eine schwe­re Ver­let­zung der Gen­fer Abkom­men dar­stellt;
      23. die Benut­zung der Anwe­sen­heit einer Zivil­per­son oder einer ande­ren geschütz­ten Per­son, um Kampf­hand­lun­gen von gewis­sen Punk­ten, Gebie­ten oder Streit­kräf­ten fern zu hal­ten;
      24. vor­sätz­li­che Angrif­fe auf Gebäu­de, Mate­ri­al, Sani­täts­ein­hei­ten, Sani­täts­trans­port­mit­tel und Per­so­nal, die in Über­ein­stim­mung mit dem Völ­ker­recht mit den Schutz­zei­chen der Gen­fer Abkom­men ver­se­hen sind;
      25. das vor­sätz­li­che Aus­hun­gern von Zivil­per­so­nen als Metho­de der Krieg­füh­rung durch das Vor­ent­hal­ten der für sie lebens­not­wen­di­gen Gegen­stän­de, ein­schliess­lich der vor­sätz­li­chen Behin­de­rung von Hilfs­lie­fe­run­gen, wie sie nach den Gen­fer Abkom­men vor­ge­se­hen sind;
      26. die Zwangs­ver­pflich­tung oder Ein­glie­de­rung von Kin­dern unter fünf­zehn Jah­ren in die natio­na­len Streit­kräf­te oder ihre Ver­wen­dung zur akti­ven Teil­nah­me an Feind­se­lig­kei­ten;
    3. im Fall eines bewaff­ne­ten Kon­flikts, der kei­nen inter­na­tio­na­len Cha­rak­ter hat, schwe­re Ver­stös­se gegen den gemein­sa­men Arti­kel 3 der vier Gen­fer Abkom­men vom 12. August 1949, näm­lich die Ver­übung jeder der fol­gen­den Hand­lun­gen gegen Per­so­nen, die nicht unmit­tel­bar an den Feind­se­lig­kei­ten teil­neh­men, ein­schliess­lich der Ange­hö­ri­gen der Streit­kräf­te, wel­che die Waf­fen gestreckt haben, und der Per­so­nen, die durch Krank­heit, Ver­wun­dung, Gefan­gen­nah­me oder eine ande­re Ursa­che aus­ser Gefecht befind­lich sind:
      1. Angrif­fe auf Leib und Leben, ins­be­son­de­re vor­sätz­li­che Tötung jeder Art, Ver­stüm­me­lung, grau­sa­me Behand­lung und Fol­ter;
      2. die Beein­träch­ti­gung der per­sön­li­chen Wür­de, ins­be­son­de­re ent­wür­di­gen­de und ernied­ri­gen­de Behand­lung;
      3. Gei­sel­nah­me;
      4. Ver­ur­tei­lun­gen und Hin­rich­tun­gen ohne vor­her­ge­hen­des Urteil eines ordent­lich bestell­ten Gerichts, das die all­ge­mein als uner­läss­lich aner­kann­ten Rechts­ga­ran­ti­en bie­tet;
    4. Absatz 2 Buch­sta­be c fin­det Anwen­dung auf bewaff­ne­te Kon­flik­te, die kei­nen inter­na­tio­na­len Cha­rak­ter haben, und somit nicht auf Fäl­le inne­rer Unru­hen und Span­nun­gen wie Tumul­te, ver­ein­zelt auf­tre­ten­de Gewalt­ta­ten oder ande­re ähn­li­che Hand­lun­gen;
    5. ande­re schwe­re Ver­stös­se gegen die inner­halb des fest­ste­hen­den Rah­mens des Völ­ker­rechts anwend­ba­ren Geset­ze und Gebräu­che im bewaff­ne­ten Kon­flikt, der kei­nen inter­na­tio­na­len Cha­rak­ter hat, näm­lich jede der fol­gen­den Hand­lun­gen:
      1. vor­sätz­li­che Angrif­fe auf die Zivil­be­völ­ke­rung als sol­che oder auf ein­zel­ne Zivil­per­so­nen, die an den Feind­se­lig­kei­ten nicht unmit­tel­bar teil­neh­men;
      2. vor­sätz­li­che Angrif­fe auf Gebäu­de, Mate­ri­al, Sani­täts­ein­hei­ten, Sani­täts­trans­port­mit­tel und Per­so­nal, die in Über­ein­stim­mung mit dem Völ­ker­recht mit den Schutz­zei­chen der Gen­fer Abkom­men ver­se­hen sind;
      3. vor­sätz­li­che Angrif­fe auf Per­so­nal, Ein­rich­tun­gen, Mate­ri­al, Ein­hei­ten oder Fahr­zeu­ge, die an einer huma­ni­tä­ren Hilfs­mis­si­on oder frie­dens­er­hal­ten­den Mis­si­on in Über­ein­stim­mung mit der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen betei­ligt sind, solan­ge sie Anspruch auf den Schutz haben, der Zivil­per­so­nen oder zivi­len Objek­ten nach dem inter­na­tio­na­len Recht des bewaff­ne­ten Kon­flikts gewährt wird;
      4. vor­sätz­li­che Angrif­fe auf Gebäu­de, die dem Got­tes­dienst, der Erzie­hung, der Kunst, der Wis­sen­schaft oder der Wohl­tä­tig­keit gewid­met sind, auf geschicht­li­che Denk­mä­ler, Kran­ken­häu­ser und Sam­mel­plät­ze für Kran­ke und Ver­wun­de­te, sofern es nicht mili­tä­ri­sche Zie­le sind;
      5. die Plün­de­rung einer Stadt oder Ansied­lung, selbst wenn sie im Sturm genom­men wur­de;
      6. Ver­ge­wal­ti­gung, sexu­el­le Skla­ve­rei, Nöti­gung zur Pro­sti­tu­ti­on, erzwun­ge­ne Schwan­ger­schaft im Sin­ne des Arti­kels 7 Absatz 2 Buch­sta­be f, Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on und jede ande­re Form sexu­el­ler Gewalt, die eben­falls einen schwe­ren Ver­stoss gegen den gemein­sa­men Arti­kel 3 der vier Gen­fer Abkom­men dar­stellt;
      7. die Zwangs­ver­pflich­tung oder Ein­glie­de­rung von Kin­dern unter fünf­zehn Jah­ren in Streit­kräf­te oder bewaff­ne­te Grup­pen oder ihre Ver­wen­dung zur akti­ven Teil­nah­me an Feind­se­lig­kei­ten;
      8. die Anord­nung der Ver­le­gung der Zivil­be­völ­ke­rung aus Grün­den im Zusam­men­hang mit dem Kon­flikt, sofern dies nicht im Hin­blick auf die Sicher­heit der betref­fen­den Zivil­per­so­nen oder aus zwin­gen­den mili­tä­ri­schen Grün­den gebo­ten ist;
      9. die meuch­le­ri­sche Tötung oder Ver­wun­dung eines geg­ne­ri­schen Kom­bat­tan­ten;
      10. die Erklä­rung, dass kein Par­don gege­ben wird;
      11. die kör­per­li­che Ver­stüm­me­lung von Per­so­nen, die sich in der Gewalt einer ande­ren Kon­flikt­par­tei befin­den, oder die Vor­nah­me medi­zi­ni­scher oder wis­sen­schaft­li­cher Ver­su­che jeder Art an die­sen Per­so­nen, die nicht durch deren ärzt­li­che, zahn­ärzt­li­che oder Kran­ken­haus­be­hand­lung gerecht­fer­tigt sind oder in ihrem Inter­es­se durch­ge­führt wer­den und die zu ihrem Tod füh­ren oder ihre Gesund­heit ernst­haft gefähr­den;
      12. die Zer­stö­rung oder Beschlag­nah­me geg­ne­ri­schen Eigen­tums, sofern die­se nicht durch die Erfor­der­nis­se des Kon­flikts zwin­gend gebo­ten ist;
    6. Absatz 2 Buch­sta­be e fin­det Anwen­dung auf bewaff­ne­te Kon­flik­te, die kei­nen inter­na­tio­na­len Cha­rak­ter haben, und somit nicht auf Fäl­le inne­rer Unru­hen und Span­nun­gen wie Tumul­te, ver­ein­zelt auf­tre­ten­de Gewalt­ta­ten oder ande­re ähn­li­che Hand­lun­gen. Er fin­det Anwen­dung auf bewaff­ne­te Kon­flik­te, die im Hoheits­ge­biet eines Staa­tes statt­fin­den, wenn zwi­schen den staat­li­chen Behör­den und orga­ni­sier­ten bewaff­ne­ten Grup­pen oder zwi­schen sol­chen Grup­pen ein lang anhal­ten­der bewaff­ne­ter Kon­flikt besteht.
  3. Absatz 2 Buch­sta­ben c und e berührt nicht die Ver­ant­wor­tung einer Regie­rung, die öffent­li­che Ord­nung im Staat auf­recht­zu­er­hal­ten oder wie­der­her­zu­stel­len oder die Ein­heit und ter­ri­to­ria­le Unver­sehrt­heit des Staa­tes mit allen recht­mäs­si­gen Mit­teln zu ver­tei­di­gen.

 

Art. 9 «Ver­bre­chens­ele­men­te»[↑]

  1. Die «Ver­bre­chens­ele­men­te» hel­fen dem Gerichts­hof bei der Aus­le­gung und Anwen­dung der Arti­kel 6, 7 und 8. Sie wer­den von den Mit­glie­dern der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten mit Zwei­drit­tel­mehr­heit ange­nom­men.
  2. Ände­run­gen der «Ver­bre­chens­ele­men­te» kön­nen vor­ge­schla­gen wer­den von
    1. jedem Ver­trags­staat;
    2. den Rich­tern mit abso­lu­ter Mehr­heit;
    3. dem Anklä­ger.

    Die­se Ände­run­gen wer­den von den Mit­glie­dern der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten mit Zwei­drit­tel­mehr­heit ange­nom­men.

  3. Die «Ver­bre­chens­ele­men­te» und ihre Ände­run­gen müs­sen mit dem Sta­tut ver­ein­bar sein.

 

Art. 10[↑]

Die­ser Teil ist nicht so aus­zu­le­gen, als beschrän­ke oder berüh­re er bestehen­de oder sich ent­wi­ckeln­de Regeln des Völ­ker­rechts für ande­re Zwe­cke als die­je­ni­gen die­ses Sta­tuts.

 

Art. 11 Gerichts­bar­keit ratio­ne tem­po­ris[↑]

  1. Die Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs erstreckt sich nur auf Ver­bre­chen, die nach Inkraft­tre­ten die­ses Sta­tuts began­gen wer­den.
  2. Wird ein Staat nach Inkraft­tre­ten die­ses Sta­tuts des­sen Ver­trags­par­tei, so kann der Gerichts­hof sei­ne Gerichts­bar­keit nur in Bezug auf Ver­bre­chen aus­üben, die nach Inkraft­tre­ten des Sta­tuts für die­sen Staat began­gen wur­den, es sei denn, der Staat hat eine Erklä­rung nach Arti­kel 12 Absatz 3 abge­ge­ben.

 

Art. 12 Vor­aus­set­zun­gen für die Aus­übung der Gerichts­bar­keit[↑]

  1. Ein Staat, der Ver­trags­par­tei die­ses Sta­tuts wird, erkennt damit die Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs für die in Arti­kel 5 bezeich­ne­ten Ver­bre­chen an.
  2. Im Fall des Arti­kels 13 Buch­sta­be a oder c kann der Gerichts­hof sei­ne Gerichts­bar­keit aus­üben, wenn einer oder meh­re­re der fol­gen­den Staa­ten Ver­trags­par­tei die­ses Sta­tuts sind oder in Über­ein­stim­mung mit Absatz 3 die Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs aner­kannt haben:
    1. der Staat, in des­sen Hoheits­ge­biet das frag­li­che Ver­hal­ten statt­ge­fun­den hat, oder, sofern das Ver­bre­chen an Bord eines Schif­fes oder Luft­fahr­zeugs began­gen wur­de, der Staat, in dem die­ses regis­triert ist;
    2. der Staat, des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit die des Ver­bre­chens beschul­dig­te Per­son besitzt.
  3. Ist nach Absatz 2 die Aner­ken­nung der Gerichts­bar­keit durch einen Staat erfor­der­lich, der nicht Ver­trags­par­tei die­ses Sta­tuts ist, so kann die­ser Staat durch Hin­ter­le­gung einer Erklä­rung beim Kanz­ler die Aus­übung der Gerichts­bar­keit durch den Gerichts­hof in Bezug auf das frag­li­che Ver­bre­chen aner­ken­nen. Der aner­ken­nen­de Staat arbei­tet mit dem Gerichts­hof ohne Ver­zö­ge­rung oder Aus­nah­me in Über­ein­stim­mung mit Teil 9 zusam­men.

 

Art. 13 Aus­übung der Gerichts­bar­keit[↑]

Der Gerichts­hof kann in Über­ein­stim­mung mit die­sem Sta­tut sei­ne Gerichts­bar­keit über ein in Arti­kel 5 bezeich­ne­tes Ver­bre­chen aus­üben, wenn

  1. eine Situa­ti­on, in der es den Anschein hat, dass eines oder meh­re­re die­ser Ver­bre­chen began­gen wur­den, von einem Ver­trags­staat nach Arti­kel 14 dem Anklä­ger unter­brei­tet wird,
  2. eine Situa­ti­on, in der es den Anschein hat, dass eines oder meh­re­re die­ser Ver­bre­chen began­gen wur­den, vom Sicher­heits­rat, der nach Kapi­tel VII der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen tätig wird, dem Anklä­ger unter­brei­tet wird, oder
  3. der Anklä­ger nach Arti­kel 15 Ermitt­lun­gen in Bezug auf eines die­ser Ver­bre­chen ein­ge­lei­tet hat.

 

Art. 14 Unter­brei­tung einer Situa­ti­on durch einen Ver­trags­staat[↑]

  1. Ein Ver­trags­staat kann eine Situa­ti­on, in der es den Anschein hat, dass ein oder meh­re­re der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­de Ver­bre­chen began­gen wur­den, dem Anklä­ger unter­brei­ten und die­sen ersu­chen, die Situa­ti­on zu unter­su­chen, um fest­zu­stel­len, ob eine oder meh­re­re bestimm­te Per­so­nen ange­klagt wer­den sol­len, die­se Ver­bre­chen began­gen zu haben.
  2. Soweit mög­lich, sind in der Unter­brei­tung die mass­geb­li­chen Umstän­de anzu­ge­ben und die­je­ni­gen Unter­la­gen zur Begrün­dung bei­zu­fü­gen, über die der unter­brei­ten­de Staat ver­fügt.

 

Art. 15 Anklä­ger[↑]

  1. Der Anklä­ger kann auf der Grund­la­ge von Infor­ma­tio­nen über der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­de Ver­bre­chen aus eige­ner Initia­ti­ve Ermitt­lun­gen ein­lei­ten.
  2. Der Anklä­ger prüft die Stich­hal­tig­keit der erhal­te­nen Infor­ma­tio­nen. Zu die­sem Zweck kann er von Staa­ten, Orga­nen der Ver­ein­ten Natio­nen, zwi­schen­staat­li­chen oder nicht­staat­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen oder ande­ren von ihm als geeig­net erach­te­ten zuver­läs­si­gen Stel­len zusätz­li­che Aus­künf­te ein­ho­len und am Sitz des Gerichts­hofs schrift­li­che oder münd­li­che Zeu­gen­aus­sa­gen ent­ge­gen­neh­men.
  3. Gelangt der Anklä­ger zu dem Schluss, dass eine hin­rei­chen­de Grund­la­ge für die Auf­nah­me von Ermitt­lun­gen besteht, so legt er der Vor­ver­fah­rens­kam­mer einen Antrag auf Geneh­mi­gung von Ermitt­lun­gen zusam­men mit den gesam­mel­ten Unter­la­gen zu sei­ner Begrün­dung vor. Opfer kön­nen in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung Ein­ga­ben an die Vor­ver­fah­rens­kam­mer machen.
  4. Ist die Vor­ver­fah­rens­kam­mer nach Prü­fung des Antrags und der Unter­la­gen zu sei­ner Begrün­dung der Auf­fas­sung, dass eine hin­rei­chen­de Grund­la­ge für die Auf­nah­me von Ermitt­lun­gen besteht und dass die Sache unter die Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs zu fal­len scheint, so erteilt sie die Geneh­mi­gung zur Ein­lei­tung der Ermitt­lun­gen, unbe­scha­det spä­te­rer Ent­schei­dun­gen des Gerichts­hofs betref­fend die Gerichts­bar­keit für eine Sache und ihre Zuläs­sig­keit.
  5. Ver­wei­gert die Vor­ver­fah­rens­kam­mer die Geneh­mi­gung zur Auf­nah­me von Ermitt­lun­gen, so schliesst dies einen auf neue Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel gestütz­ten spä­te­ren Antrag des Anklä­gers in Bezug auf die­sel­be Situa­ti­on nicht aus.
  6. Gelangt der Anklä­ger nach der in den Absät­zen 1 und 2 genann­ten Vor­prü­fung zu dem Schluss, dass die zur Ver­fü­gung gestell­ten Infor­ma­tio­nen kei­ne hin­rei­chen­de Grund­la­ge für Ermitt­lun­gen dar­stel­len, so teilt er dies den Infor­man­ten mit. Dies schliesst nicht aus, dass der Anklä­ger im Licht neu­er Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel wei­te­re Infor­ma­tio­nen prüft, die ihm in Bezug auf die­sel­be Situa­ti­on zur Ver­fü­gung gestellt wer­den.

 

Art. 16 Auf­schub der Ermitt­lun­gen oder der Straf­ver­fol­gung[↑]

Rich­tet der Sicher­heits­rat in einer nach Kapi­tel VII der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen ange­nom­me­nen Reso­lu­ti­on ein ent­spre­chen­des Ersu­chen an den Gerichts­hof, so dür­fen für einen Zeit­raum von 12 Mona­ten kei­ne Ermitt­lun­gen und kei­ne Straf­ver­fol­gung auf Grund die­ses Sta­tuts ein­ge­lei­tet oder fort­ge­führt wer­den; das Ersu­chen kann vom Sicher­heits­rat unter den­sel­ben Bedin­gun­gen erneu­ert wer­den.

 

Art. 17 Fra­gen der Zuläs­sig­keit[↑]

  1. Im Hin­blick auf Absatz 10 der Prä­am­bel und Arti­kel 1 ent­schei­det der Gerichts­hof, dass eine Sache nicht zuläs­sig ist, wenn
    1. in der Sache von einem Staat, der Gerichts­bar­keit dar­über hat, Ermitt­lun­gen oder eine Straf­ver­fol­gung durch­ge­führt wer­den, es sei denn, der Staat ist nicht wil­lens oder nicht in der Lage, die Ermitt­lun­gen oder die Straf­ver­fol­gung ernst­haft durch­zu­füh­ren;
    2. in der Sache von einem Staat, der Gerichts­bar­keit dar­über hat, Ermitt­lun­gen durch­ge­führt wor­den sind und der Staat ent­schie­den hat, die betref­fen­de Per­son nicht straf­recht­lich zu ver­fol­gen, es sei denn, die Ent­schei­dung war das Ergeb­nis des man­geln­den Wil­lens oder des Unver­mö­gens des Staa­tes, eine Straf­ver­fol­gung ernst­haft durch­zu­füh­ren;
    3. die betref­fen­de Per­son wegen des Ver­hal­tens, das Gegen­stand des Tat­vor­wurfs ist, bereits gericht­lich belangt wor­den ist und die Sache nach Arti­kel 20 Absatz 3 nicht beim Gerichts­hof anhän­gig gemacht wer­den kann;
    4. die Sache nicht schwer wie­gend genug ist, um wei­te­re Mass­nah­men des Gerichts­hofs zu recht­fer­ti­gen.
  2. Zur Fest­stel­lung des man­geln­den Wil­lens in einem bestimm­ten Fall prüft der Gerichts­hof unter Berück­sich­ti­gung der völ­ker­recht­lich aner­kann­ten Grund­sät­ze eines ord­nungs­ge­mäs­sen Ver­fah­rens, ob gege­be­nen­falls eine oder meh­re­re der fol­gen­den Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen:
    1. Das Ver­fah­ren wur­de oder wird geführt oder die staat­li­che Ent­schei­dung wur­de getrof­fen, um die betref­fen­de Per­son vor straf­recht­li­cher Ver­ant­wort­lich­keit für die in Arti­kel 5 bezeich­ne­ten, der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chen zu schüt­zen;
    2. in dem Ver­fah­ren gab es eine nicht gerecht­fer­tig­te Ver­zö­ge­rung, die unter den gege­be­nen Umstän­den mit der Absicht unver­ein­bar ist, die betref­fen­de Per­son vor Gericht zu stel­len;
    3. das Ver­fah­ren war oder ist nicht unab­hän­gig oder unpar­tei­isch und wur­de oder wird in einer Wei­se geführt, die unter den gege­be­nen Umstän­den mit der Absicht unver­ein­bar ist, die betref­fen­de Per­son vor Gericht zu stel­len.
  3. Zur Fest­stel­lung des Unver­mö­gens in einem bestimm­ten Fall prüft der Gerichts­hof, ob der Staat wegen des völ­li­gen oder weit gehen­den Zusam­men­bruchs oder der man­geln­den Ver­füg­bar­keit sei­nes inner­staat­li­chen Jus­tiz­sys­tems nicht in der Lage ist, des Beschul­dig­ten hab­haft zu wer­den oder die erfor­der­li­chen Beweis­mit­tel und Zeu­gen­aus­sa­gen zu erlan­gen, oder aus ande­ren Grün­den nicht in der Lage ist, ein Ver­fah­ren durch­zu­füh­ren.

 

Art. 18 Vor­läu­fi­ge Ent­schei­dun­gen betref­fend die Zuläs­sig­keit[↑]

  1. Wur­de eine Situa­ti­on nach Arti­kel 13 Buch­sta­be a dem Gerichts­hof unter­brei­tet und hat der Anklä­ger fest­ge­stellt, dass eine hin­rei­chen­de Grund­la­ge für die Ein­lei­tung von Ermitt­lun­gen bestün­de, oder lei­tet der Anklä­ger Ermitt­lun­gen nach Arti­kel 13 Buch­sta­be c und Arti­kel 15 ein, so benach­rich­tigt der Anklä­ger förm­lich alle Ver­trags­staa­ten und die­je­ni­gen Staa­ten, die unter Berück­sich­ti­gung der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Infor­ma­tio­nen im Regel­fall die Gerichts­bar­keit über die betref­fen­den Ver­bre­chen aus­üben wür­den. Der Anklä­ger kann die­se Staa­ten ver­trau­lich benach­rich­ti­gen und, sofern er dies für not­wen­dig hält, um Per­so­nen zu schüt­zen, die Ver­nich­tung von Beweis­mit­teln oder die Flucht von Per­so­nen zu ver­hin­dern, den Umfang der den Staa­ten zur Ver­fü­gung gestell­ten Infor­ma­tio­nen begren­zen.
  2. Bin­nen eines Monats nach Ein­gang die­ser förm­li­chen Benach­rich­ti­gung kann ein Staat den Gerichts­hof davon in Kennt­nis set­zen, dass er gegen sei­ne Staats­an­ge­hö­ri­gen oder ande­re Per­so­nen unter sei­ner Hoheits­ge­walt in Bezug auf Straf­ta­ten ermit­telt oder ermit­telt hat, die mög­li­cher­wei­se den Tat­be­stand der in Arti­kel 5 bezeich­ne­ten Ver­bre­chen erfül­len und die mit den Infor­ma­tio­nen in Zusam­men­hang ste­hen, wel­che in der an die Staa­ten gerich­te­ten Benach­rich­ti­gung ent­hal­ten sind. Auf Ersu­chen des betref­fen­den Staa­tes stellt der Anklä­ger die Ermitt­lun­gen gegen die­se Per­so­nen zu Guns­ten der Ermitt­lun­gen des Staa­tes zurück, es sei denn, die Vor­ver­fah­rens­kam­mer beschliesst auf Antrag des Anklä­gers, die­sen zu den Ermitt­lun­gen zu ermäch­ti­gen.
  3. Die Zurück­stel­lung der Ermitt­lun­gen durch den Anklä­ger zu Guns­ten der Ermitt­lun­gen eines Staa­tes kann vom Anklä­ger sechs Mona­te nach dem Zeit­punkt der Zurück­stel­lung oder jeder­zeit über­prüft wer­den, wenn sich auf Grund des man­geln­den Wil­lens oder des Unver­mö­gens des betref­fen­den Staa­tes zur ernst­haf­ten Durch­füh­rung von Ermitt­lun­gen die Sach­la­ge wesent­lich geän­dert hat.
  4. Der betref­fen­de Staat oder der Anklä­ger kann nach Arti­kel 82 gegen eine Ent­schei­dung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer bei der Beru­fungs­kam­mer Beschwer­de ein­le­gen. Die Beschwer­de kann beschleu­nigt behan­delt wer­den.
  5. Hat der Anklä­ger nach Absatz 2 Ermitt­lun­gen zurück­ge­stellt, so kann er den betref­fen­den Staat ersu­chen, ihn regel­mäs­sig über den Fort­gang sei­ner Ermitt­lun­gen und jede anschlies­sen­de Straf­ver­fol­gung zu unter­rich­ten. Die Ver­trags­staa­ten kom­men einem sol­chen Ersu­chen ohne unan­ge­mes­se­ne Ver­zö­ge­rung nach.
  6. Bis zu einer Ent­schei­dung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer oder jeder­zeit, nach­dem der Anklä­ger nach die­sem Arti­kel Ermitt­lun­gen zurück­ge­stellt hat, kann er aus­nahms­wei­se die Vor­ver­fah­rens­kam­mer um die Ermäch­ti­gung zu not­wen­di­gen Ermitt­lungs­mass­nah­men zum Zweck der Siche­rung von Beweis­mit­teln ersu­chen, wenn eine ein­ma­li­ge Gele­gen­heit zur Beschaf­fung wich­ti­ger Beweis­mit­tel oder eine erheb­li­che Gefahr besteht, dass die­se Beweis­mit­tel spä­ter nicht ver­füg­bar sein wer­den.
  7. Ein Staat, der eine Ent­schei­dung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer nach die­sem Arti­kel ange­foch­ten hat, kann die Zuläs­sig­keit einer Sache nach Arti­kel 19 auf Grund zusätz­li­cher wesent­li­cher Tat­sa­chen oder einer wesent­li­chen Ände­rung der Sach­la­ge anfech­ten.

 

Art. 19 Anfech­tung der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs oder der Zuläs­sig­keit einer Sache[↑]

  1. Der Gerichts­hof ver­ge­wis­sert sich, dass er in jeder bei ihm anhän­gig gemach­ten Sache Gerichts­bar­keit hat. Der Gerichts­hof kann aus eige­ner Initia­ti­ve über die Zuläs­sig­keit einer Sache nach Arti­kel 17 ent­schei­den.
  2. Sowohl die Zuläs­sig­keit einer Sache aus den in Arti­kel 17 genann­ten Grün­den als auch die Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs kön­nen ange­foch­ten wer­den von
    1. einem Ange­klag­ten oder einer Per­son, gegen die ein Haft­be­fehl oder eine Ladung nach Arti­kel 58 ergan­gen ist,
    2. einem Staat, der Gerichts­bar­keit über eine Sache hat, weil er in der Sache Ermitt­lun­gen oder eine Straf­ver­fol­gung durch­führt oder durch­ge­führt hat, oder
    3. einem Staat, der nach Arti­kel 12 die Gerichts­bar­keit aner­kannt haben muss.
  3. Der Anklä­ger kann über eine Fra­ge der Gerichts­bar­keit oder der Zuläs­sig­keit eine Ent­schei­dung des Gerichts­hofs erwir­ken. In Ver­fah­ren über die Gerichts­bar­keit oder die Zuläs­sig­keit kön­nen beim Gerichts­hof auch die­je­ni­gen, wel­che ihm die Situa­ti­on nach Arti­kel 13 unter­brei­tet haben, sowie die Opfer Stel­lung­nah­men abge­ben.
  4. Die Zuläs­sig­keit einer Sache oder die Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs kann von jeder in Absatz 2 bezeich­ne­ten Per­son oder jedem dort bezeich­ne­ten Staat nur ein­mal ange­foch­ten wer­den. Die Anfech­tung erfolgt vor oder bei Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens. Unter aus­ser­ge­wöhn­li­chen Umstän­den kann der Gerichts­hof gestat­ten, eine Anfech­tung mehr als ein­mal oder erst nach Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens vor­zu­brin­gen. Anfech­tun­gen der Zuläs­sig­keit einer Sache, die bei oder, sofern der Gerichts­hof dies gestat­tet, nach Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens vor­ge­bracht wer­den, kön­nen nur auf Arti­kel 17 Absatz 1 Buch­sta­be c gestützt wer­den.
  5. Ein in Absatz 2 Buch­sta­ben b und c bezeich­ne­ter Staat bringt eine Anfech­tung bei frü­hest­mög­li­cher Gele­gen­heit vor.
  6. Vor Bestä­ti­gung der Ankla­ge wer­den Anfech­tun­gen der Zuläs­sig­keit einer Sache oder Anfech­tun­gen der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs an die Vor­ver­fah­rens­kam­mer ver­wie­sen. Nach Bestä­ti­gung der Ankla­ge wer­den sie an die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer ver­wie­sen. Gegen Ent­schei­dun­gen über die Gerichts­bar­keit oder die Zuläs­sig­keit kann nach Arti­kel 82 bei der Beru­fungs­kam­mer Beschwer­de ein­ge­legt wer­den.
  7. Bringt ein in Absatz 2 Buch­sta­be b oder c bezeich­ne­ter Staat eine Anfech­tung vor, so setzt der Anklä­ger die Ermitt­lun­gen so lan­ge aus, bis der Gerichts­hof eine Ent­schei­dung nach Arti­kel 17 getrof­fen hat.
  8. Bis zu einer Ent­schei­dung des Gerichts­hofs kann der Anklä­ger die­sen um die Ermäch­ti­gung ersu­chen,
    1. not­wen­di­ge Ermitt­lungs­mass­nah­men der in Arti­kel 18 Absatz 6 bezeich­ne­ten Art zu ergrei­fen,
    2. schrift­li­che oder münd­li­che Zeu­gen­aus­sa­gen ein­zu­ho­len oder die Erhe­bung und Prü­fung von Beweis­mit­teln abzu­schlies­sen, mit der vor Erklä­rung der Anfech­tung begon­nen wor­den war, und
    3. in Zusam­men­ar­beit mit den in Betracht kom­men­den Staa­ten die Flucht von Per­so­nen zu ver­hin­dern, für die er bereits einen Haft­be­fehl nach Arti­kel 58 bean­tragt hat.
  9. Das Vor­brin­gen einer Anfech­tung beein­träch­tigt nicht die Gül­tig­keit einer zuvor vom Anklä­ger vor­ge­nom­me­nen Hand­lung oder einer Anord­nung oder eines Befehls des Gerichts­hofs.
  10. Hat der Gerichts­hof ent­schie­den, dass eine Sache nach Arti­kel 17 unzu­läs­sig ist, so kann der Anklä­ger eine Über­prü­fung der Ent­schei­dung bean­tra­gen, wenn sei­ner vol­len Über­zeu­gung nach infol­ge neu­er Tat­sa­chen die Grund­la­ge ent­fällt, derent­we­gen die Sache zuvor nach Arti­kel 17 für unzu­läs­sig befun­den wor­den war.
  11. Stellt der Anklä­ger unter Berück­sich­ti­gung der in Arti­kel 17 genann­ten Ange­le­gen­hei­ten Ermitt­lun­gen zurück, so kann er den betref­fen­den Staat ersu­chen, ihm Infor­ma­tio­nen über das Ver­fah­ren zur Ver­fü­gung zu stel­len. Auf Ersu­chen des betref­fen­den Staa­tes sind die­se Infor­ma­tio­nen ver­trau­lich. Beschliesst der Anklä­ger danach die Fort­füh­rung der Ermitt­lun­gen, so benach­rich­tigt er den Staat, zu des­sen Guns­ten das Ver­fah­ren zurück­ge­stellt wur­de.

 

Art. 20 Ne bis in idem[↑]

  1. Sofern in die­sem Sta­tut nichts ande­res bestimmt ist, darf nie­mand wegen eines Ver­hal­tens vor den Gerichts­hof gestellt wer­den, das den Tat­be­stand der Ver­bre­chen erfüllt, derent­we­gen er bereits vom Gerichts­hof ver­ur­teilt oder frei­ge­spro­chen wur­de.
  2. Nie­mand darf wegen eines in Arti­kel 5 bezeich­ne­ten Ver­bre­chens, des­sent­we­gen er vom Gerichts­hof bereits ver­ur­teilt oder frei­ge­spro­chen wur­de, vor ein ande­res Gericht gestellt wer­den.
  3. Nie­mand, der wegen eines auch nach Arti­kel 6, 7 oder 8 ver­bo­te­nen Ver­hal­tens vor ein ande­res Gericht gestellt wur­de, darf vom Gerichts­hof für das­sel­be Ver­hal­ten belangt wer­den, es sei denn, das Ver­fah­ren vor dem ande­ren Gericht
    1. dien­te dem Zweck, ihn vor straf­recht­li­cher Ver­ant­wort­lich­keit für der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­de Ver­bre­chen zu schüt­zen, oder
    2. war in sons­ti­ger Hin­sicht nicht unab­hän­gig oder unpar­tei­isch ent­spre­chend den völ­ker­recht­lich aner­kann­ten Grund­sät­zen eines ord­nungs­ge­mäs­sen Ver­fah­rens und wur­de in einer Wei­se geführt, die unter den gege­be­nen Umstän­den mit der Absicht, die betref­fen­de Per­son vor Gericht zu stel­len, unver­ein­bar war.

 

Art. 21 Anwend­ba­res Recht[↑]

  1. Der Gerichts­hof wen­det Fol­gen­des an:
    1. an ers­ter Stel­le die­ses Sta­tut, die «Ver­bre­chens­ele­men­te» sowie sei­ne Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung;
    2. an zwei­ter Stel­le, soweit ange­bracht, anwend­ba­re Ver­trä­ge sowie die Grund­sät­ze und Regeln des Völ­ker­rechts, ein­schliess­lich der aner­kann­ten Grund­sät­ze des inter­na­tio­na­len Rechts des bewaff­ne­ten Kon­flikts;
    3. soweit sol­che feh­len, all­ge­mei­ne Rechts­grund­sät­ze, die der Gerichts­hof aus ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten der Rechts­sys­te­me der Welt, ein­schliess­lich, soweit ange­bracht, der inner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten der Staa­ten, die im Regel­fall Gerichts­bar­keit über das Ver­bre­chen aus­üben wür­den, abge­lei­tet hat, sofern die­se Grund­sät­ze nicht mit die­sem Sta­tut, dem Völ­ker­recht und den inter­na­tio­nal aner­kann­ten Regeln und Nor­men unver­ein­bar sind.
  2. Der Gerichts­hof kann Rechts­grund­sät­ze und Rechts­nor­men ent­spre­chend sei­ner Aus­le­gung in frü­he­ren Ent­schei­dun­gen anwen­den.
  3. Die Anwen­dung und Aus­le­gung des Rechts nach die­sem Arti­kel muss mit den inter­na­tio­nal aner­kann­ten Men­schen­rech­ten ver­ein­bar sein und darf kei­ne benach­tei­li­gen­de Unter­schei­dung etwa auf Grund des Geschlechts im Sin­ne des Arti­kels 7 Absatz 3, des Alters, der Ras­se, der Haut­far­be, der Spra­che, der Reli­gi­on oder Welt­an­schau­ung, der poli­ti­schen oder sons­ti­gen Anschau­ung, der natio­na­len, eth­ni­schen oder sozia­len Her­kunft, des Ver­mö­gens, der Geburt oder des sons­ti­gen Sta­tus machen.

 

Teil 3: All­ge­mei­ne Grund­sät­ze des Straf­rechts[↑]

Art. 22 Nul­lum cri­men sine lege[↑]

  1. Eine Per­son ist nur dann nach die­sem Sta­tut straf­recht­lich ver­ant­wort­lich, wenn das frag­li­che Ver­hal­ten zur Zeit der Tat den Tat­be­stand eines der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chens erfüllt.
  2. Die Begriffs­be­stim­mung eines Ver­bre­chens ist eng aus­zu­le­gen und darf nicht durch Ana­lo­gie erwei­tert wer­den. Im Zwei­fels­fall ist die Begriffs­be­stim­mung zu Guns­ten der Per­son aus­zu­le­gen, gegen die sich die Ermitt­lun­gen, die Straf­ver­fol­gung oder das Urteil rich­ten.
  3. Die­ser Arti­kel bedeu­tet nicht, dass ein Ver­hal­ten nicht unab­hän­gig von die­sem Sta­tut als nach dem Völ­ker­recht straf­bar beur­teilt wer­den kann.

 

Art. 23 Nul­la poe­na sine lege[↑]

Eine vom Gerichts­hof für schul­dig erklär­te Per­son darf nur nach Mass­ga­be die­ses Sta­tuts bestraft wer­den.

 

Art. 24 Rück­wir­kungs­ver­bot ratio­ne per­so­nae[↑]

  1. Nie­mand ist nach die­sem Sta­tut für ein Ver­hal­ten straf­recht­lich ver­ant­wort­lich, das vor Inkraft­tre­ten des Sta­tuts statt­ge­fun­den hat.
  2. Ändert sich das auf einen bestimm­ten Fall anwend­ba­re Recht vor dem Erge­hen des rechts­kräf­ti­gen Urteils, so ist das für die Per­son, gegen die sich die Ermitt­lun­gen, die Straf­ver­fol­gung oder das Urteil rich­ten, mil­de­re Recht anzu­wen­den.

 

Art. 25 Indi­vi­du­el­le straf­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit[↑]

  1. Der Gerichts­hof hat auf Grund die­ses Sta­tuts Gerichts­bar­keit über natür­li­che Per­so­nen.
  2. Wer ein der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­des Ver­bre­chen begeht, ist dafür in Über­ein­stim­mung mit die­sem Sta­tut indi­vi­du­ell ver­ant­wort­lich und straf­bar.
  3. In Über­ein­stim­mung mit die­sem Sta­tut ist für ein der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­des Ver­bre­chen straf­recht­lich ver­ant­wort­lich und straf­bar, wer
    1. ein sol­ches Ver­bre­chen selbst, gemein­schaft­lich mit einem ande­ren oder durch einen ande­ren begeht, gleich­viel ob der ande­re straf­recht­lich ver­ant­wort­lich ist;
    2. die Bege­hung eines sol­chen Ver­bre­chens, das tat­säch­lich voll­endet oder ver­sucht wird, anord­net, dazu auf­for­dert oder dazu anstif­tet;
    3. zur Erleich­te­rung eines sol­chen Ver­bre­chens Bei­hil­fe oder sons­ti­ge Unter­stüt­zung bei sei­ner Bege­hung oder ver­such­ten Bege­hung leis­tet, ein­schliess­lich der Bereit­stel­lung der Mit­tel für die Bege­hung;
    4. auf sons­ti­ge Wei­se zur Bege­hung oder ver­such­ten Bege­hung eines sol­chen Ver­bre­chens durch eine mit einem gemein­sa­men Ziel han­deln­de Grup­pe von Per­so­nen bei­trägt. Ein der­ar­ti­ger Bei­trag muss vor­sätz­lich sein und ent­we­der
      1. mit dem Ziel geleis­tet wer­den, die kri­mi­nel­le Tätig­keit oder die straf­ba­re Absicht der Grup­pe zu för­dern, soweit sich die­se auf die Bege­hung eines der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chens bezie­hen, oder
      2. in Kennt­nis des Vor­sat­zes der Grup­pe, das Ver­bre­chen zu bege­hen, geleis­tet wer­den;
    5. in Bezug auf das Ver­bre­chen des Völ­ker­mords ande­re unmit­tel­bar und öffent­lich zur Bege­hung von Völ­ker­mord auf­sta­chelt;
    6. ver­sucht, ein sol­ches Ver­bre­chen zu bege­hen, indem er eine Hand­lung vor­nimmt, die einen wesent­li­chen Schritt zum Beginn sei­ner Aus­füh­rung dar­stellt, wobei es jedoch auf Grund von Umstän­den, die vom Wil­len des Täters unab­hän­gig sind, nicht zur Tat­aus­füh­rung kommt. Wer jedoch die wei­te­re Aus­füh­rung des Ver­bre­chens auf­gibt oder des­sen Voll­endung auf ande­re Wei­se ver­hin­dert, ist auf Grund die­ses Sta­tuts für den Ver­such des Ver­bre­chens nicht straf­bar, wenn er das straf­ba­re Ziel voll­stän­dig und frei­wil­lig auf­ge­ge­ben hat.
  4. Die Bestim­mun­gen die­ses Sta­tuts betref­fend die indi­vi­du­el­le straf­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit berüh­ren nicht die Ver­ant­wor­tung der Staa­ten nach dem Völ­ker­recht.

 

Art. 26 Aus­schluss der Gerichts­bar­keit über Per­so­nen unter 18 Jah­ren[↑]

Der Gerichts­hof hat kei­ne Gerichts­bar­keit über eine Per­son, die zum Zeit­punkt der angeb­li­chen Bege­hung eines Ver­bre­chens noch nicht acht­zehn Jah­re alt war.

 

Art. 27 Uner­heb­lich­keit der amt­li­chen Eigen­schaft[↑]

  1. Die­ses Sta­tut gilt glei­cher­mas­sen für alle Per­so­nen, ohne jeden Unter­schied nach amt­li­cher Eigen­schaft. Ins­be­son­de­re ent­hebt die amt­li­che Eigen­schaft als Staats- oder Regie­rungs­chef, als Mit­glied einer Regie­rung oder eines Par­la­ments, als gewähl­ter Ver­tre­ter oder als Amts­trä­ger einer Regie­rung eine Per­son nicht der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit nach die­sem Sta­tut und stellt für sich genom­men kei­nen Straf­mil­de­rungs­grund dar.
  2. Immu­ni­tä­ten oder beson­de­re Ver­fah­rens­re­geln, die nach inner­staat­li­chem Recht oder nach dem Völ­ker­recht mit der amt­li­chen Eigen­schaft einer Per­son ver­bun­den sind, hin­dern den Gerichts­hof nicht an der Aus­übung sei­ner Gerichts­bar­keit über eine sol­che Per­son.

 

Art. 28 Ver­ant­wort­lich­keit mili­tä­ri­scher Befehls­ha­ber und ande­rer Vor­ge­setz­ter[↑]

Neben ande­ren Grün­den für die straf­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit auf Grund die­ses Sta­tuts für der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­de Ver­bre­chen gilt Fol­gen­des:

  1. Ein mili­tä­ri­scher Befehls­ha­ber oder eine tat­säch­lich als mili­tä­ri­scher Befehls­ha­ber han­deln­de Per­son ist straf­recht­lich ver­ant­wort­lich für der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­de Ver­bre­chen, die von Trup­pen unter sei­ner oder ihrer tat­säch­li­chen Befehls- bezie­hungs­wei­se Füh­rungs­ge­walt und Kon­trol­le als Fol­ge sei­nes oder ihres Ver­säum­nis­ses began­gen wur­den, eine ord­nungs­ge­mäs­se Kon­trol­le über die­se Trup­pen aus­zu­üben, wenn
    1. der betref­fen­de mili­tä­ri­sche Befehls­ha­ber oder die betref­fen­de Per­son wuss­te oder auf Grund der zu der Zeit gege­be­nen Umstän­de hät­te wis­sen müs­sen, dass die Trup­pen die­se Ver­bre­chen begin­gen oder zu bege­hen im Begriff waren, und
    2. der betref­fen­de mili­tä­ri­sche Befehls­ha­ber oder die betref­fen­de Per­son nicht alle in sei­ner oder ihrer Macht ste­hen­den erfor­der­li­chen und ange­mes­se­nen Mass­nah­men ergriff, um ihre Bege­hung zu ver­hin­dern oder zu unter­bin­den oder die Ange­le­gen­heit den zustän­di­gen Behör­den zur Unter­su­chung und Straf­ver­fol­gung vor­zu­le­gen.
  2. In Bezug auf unter Buch­sta­be a nicht beschrie­be­ne Vor­ge­setz­ten- und Unter­ge­be­nen­ver­hält­nis­se ist ein Vor­ge­setz­ter straf­recht­lich ver­ant­wort­lich für der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­de Ver­bre­chen, die von Unter­ge­be­nen unter sei­ner tat­säch­li­chen Füh­rungs­ge­walt und Kon­trol­le als Fol­ge sei­nes Ver­säum­nis­ses began­gen wur­den, eine ord­nungs­ge­mäs­se Kon­trol­le über die­se Unter­ge­be­nen aus­zu­üben, wenn
    1. der Vor­ge­setz­te ent­we­der wuss­te, dass die Unter­ge­be­nen sol­che Ver­bre­chen begin­gen oder zu bege­hen im Begriff waren, oder ein­deu­tig dar­auf hin­wei­sen­de Infor­ma­tio­nen bewusst aus­ser Acht liess;
    2. die Ver­bre­chen Tätig­kei­ten betra­fen, die unter die tat­säch­li­che Ver­ant­wor­tung und Kon­trol­le des Vor­ge­setz­ten fie­len, und
    3. der Vor­ge­setz­te nicht alle in sei­ner Macht ste­hen­den erfor­der­li­chen und ange­mes­se­nen Mass­nah­men ergriff, um ihre Bege­hung zu ver­hin­dern oder zu unter­bin­den oder die Ange­le­gen­heit den zustän­di­gen Behör­den zur Unter­su­chung und Straf­ver­fol­gung vor­zu­le­gen.

 

Art. 29 Nicht­an­wend­bar­keit von Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten[↑]

Die der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chen ver­jäh­ren nicht.

 

Art. 30 Sub­jek­ti­ve Tat­be­stands­merk­ma­le[↑]

  1. Sofern nichts ande­res bestimmt ist, ist eine Per­son für ein der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­des Ver­bre­chen nur dann straf­recht­lich ver­ant­wort­lich und straf­bar, wenn die objek­ti­ven Tat­be­stands­merk­ma­le vor­sätz­lich und wis­sent­lich ver­wirk­licht wer­den.
  2. «Vor­satz» im Sin­ne die­ses Arti­kels liegt vor, wenn die betref­fen­de Per­son
    1. im Hin­blick auf ein Ver­hal­ten die­ses Ver­hal­ten set­zen will;
    2. im Hin­blick auf die Fol­gen die­se Fol­gen her­bei­füh­ren will oder ihr bewusst ist, dass die­se im gewöhn­li­chen Ver­lauf der Ereig­nis­se ein­tre­ten wer­den.
  3. «Wis­sen» im Sin­ne die­ses Arti­kels bedeu­tet das Bewusst­sein, dass ein Umstand vor­liegt oder dass im gewöhn­li­chen Ver­lauf der Ereig­nis­se eine Fol­ge ein­tre­ten wird. «Wis­sent­lich» und «wis­sen» sind ent­spre­chend aus­zu­le­gen.

 

Art. 31 Grün­de für den Aus­schluss der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit[↑]

  1. Neben ande­ren in die­sem Sta­tut vor­ge­se­he­nen Grün­den für den Aus­schluss der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit ist straf­recht­lich nicht ver­ant­wort­lich, wer zur Zeit des frag­li­chen Ver­hal­tens
    1. wegen einer see­li­schen Krank­heit oder Stö­rung unfä­hig ist, die Rechts­wid­rig­keit oder Art sei­nes Ver­hal­tens zu erken­nen oder die­ses so zu steu­ern, dass es den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spricht;
    2. wegen eines Rausch­zu­stands unfä­hig ist, die Rechts­wid­rig­keit oder Art sei­nes Ver­hal­tens zu erken­nen oder die­ses so zu steu­ern, dass es den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spricht, sofern er sich nicht frei­wil­lig und unter sol­chen Umstän­den berauscht hat, unter denen er wuss­te oder in Kauf nahm, dass er sich infol­ge des Rau­sches wahr­schein­lich so ver­hält, dass der Tat­be­stand eines der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chens erfüllt wird;
    3. in ange­mes­se­ner Wei­se han­delt, um sich oder einen ande­ren oder, im Fall von Kriegs­ver­bre­chen, für sich oder einen ande­ren lebens­not­wen­di­ges oder für die Aus­füh­rung eines mili­tä­ri­schen Ein­sat­zes unver­zicht­ba­res Eigen­tum vor einer unmit­tel­bar dro­hen­den und rechts­wid­ri­gen Anwen­dung von Gewalt in einer Wei­se zu ver­tei­di­gen, die in einem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zum Umfang der ihm, dem ande­ren oder dem geschütz­ten Eigen­tum dro­hen­den Gefahr steht. Die Teil­nah­me an einem von Trup­pen durch­ge­führ­ten Ver­tei­di­gungs­ein­satz stellt für sich genom­men kei­nen Grund für den Aus­schluss der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit nach die­sem Buch­sta­ben dar;
    4. wegen einer ihm selbst oder einem ande­ren unmit­tel­bar dro­hen­den Gefahr für das Leben oder einer dau­ern­den oder unmit­tel­bar dro­hen­den Gefahr schwe­ren kör­per­li­chen Scha­dens zu einem Ver­hal­ten genö­tigt ist, das angeb­lich den Tat­be­stand eines der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chens erfüllt, und in not­wen­di­ger und ange­mes­se­ner Wei­se han­delt, um die­se Gefahr abzu­wen­den, sofern er nicht grös­se­ren Scha­den zuzu­fü­gen beab­sich­tigt als den, den er abzu­wen­den trach­tet. Eine sol­che Gefahr kann ent­we­der
      1. von ande­ren Per­so­nen aus­ge­hen oder
      2. durch ande­re Umstän­de bedingt sein, die von ihm nicht zu ver­tre­ten sind.
  2. Der Gerichts­hof ent­schei­det über die Anwend­bar­keit der in die­sem Sta­tut vor­ge­se­he­nen Grün­de für den Aus­schluss der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit auf die anhän­gi­ge Sache.
  3. Bei der Ver­hand­lung kann der Gerichts­hof einen ande­ren als die in Absatz 1 genann­ten Grün­de für den Aus­schluss der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit in Betracht zie­hen, sofern die­ser aus dem anwend­ba­ren Recht nach Arti­kel 21 abge­lei­tet ist. Das ent­spre­chen­de Ver­fah­ren ist in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung fest­zu­le­gen.

 

Art. 32 Tat- oder Rechts­irr­tum[↑]

  1. Ein Tatirr­tum ist nur dann ein Grund für den Aus­schluss der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit, wenn er die für den Ver­bre­chens­tat­be­stand erfor­der­li­chen sub­jek­ti­ven Tat­be­stands­merk­ma­le auf­hebt.
  2. Ein Rechts­irr­tum im Hin­blick auf die Fra­ge, ob ein bestimm­tes Ver­hal­ten den Tat­be­stand eines der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chens erfüllt, ist kein Grund für den Aus­schluss der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit. Ein Rechts­irr­tum kann jedoch ein Grund für den Aus­schluss der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit sein, wenn er die für den Ver­bre­chens­tat­be­stand erfor­der­li­chen sub­jek­ti­ven Tat­be­stands­merk­ma­le auf­hebt oder wenn die in Arti­kel 33 genann­ten Umstän­de vor­lie­gen.

 

Art. 33 Anord­nun­gen Vor­ge­setz­ter und gesetz­li­che Vor­schrif­ten[↑]

  1. Die Tat­sa­che, dass ein der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­des Ver­bre­chen auf Anord­nung einer Regie­rung oder eines mili­tä­ri­schen oder zivi­len Vor­ge­setz­ten began­gen wur­de, ent­hebt den Täter nicht der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit, es sei denn
    1. der Täter war gesetz­lich ver­pflich­tet, den Anord­nun­gen der betref­fen­den Regie­rung oder des betref­fen­den Vor­ge­setz­ten Fol­ge zu leis­ten,
    2. der Täter wuss­te nicht, dass die Anord­nung rechts­wid­rig ist, und
    3. die Anord­nung war nicht offen­sicht­lich rechts­wid­rig.
  2. Anord­nun­gen zur Bege­hung von Völ­ker­mord oder von Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit sind im Sin­ne die­ses Arti­kels offen­sicht­lich rechts­wid­rig.

 

Teil 4: Zusam­men­set­zung und Ver­wal­tung des Gerichts­hofs[↑]

Art. 34 Orga­ne des Gerichts­hofs[↑]

Der Gerichts­hof setzt sich aus fol­gen­den Orga­nen zusam­men:

  1. dem Prä­si­di­um;
  2. einer Beru­fungs­ab­tei­lung, einer Haupt­ver­fah­rens­ab­tei­lung und einer Vor­ver­fah­rens­ab­tei­lung;
  3. der Ankla­ge­be­hör­de;
  4. der Kanz­lei.

 

Art. 35 Rich­ter­amt[↑]

  1. Alle Rich­ter wer­den als haupt­amt­li­che Mit­glie­der des Gerichts­hofs gewählt und ste­hen als sol­che mit Beginn ihrer Amts­zeit zur Aus­übung ihres Amtes zur Ver­fü­gung.
  2. Die Rich­ter, die das Prä­si­di­um bil­den, üben ihr Amt haupt­amt­lich aus, sobald sie gewählt wor­den sind.
  3. Das Prä­si­di­um kann von Zeit zu Zeit auf der Grund­la­ge des Arbeits­an­falls des Gerichts­hofs und nach Rück­spra­che mit sei­nen Mit­glie­dern ent­schei­den, inwie­weit die übri­gen Rich­ter ihr Amt haupt­amt­lich aus­zu­üben haben. Eine sol­che Rege­lung erfolgt unbe­scha­det des Arti­kels 40.
  4. Die finan­zi­el­len Rege­lun­gen für Rich­ter, die ihr Amt nicht haupt­amt­lich aus­zu­üben brau­chen, wer­den nach Arti­kel 49 getrof­fen.

 

Art. 36 Befä­hi­gung, Benen­nung und Wahl der Rich­ter[↑]

  1. Vor­be­halt­lich des Absat­zes 2 hat der Gerichts­hof acht­zehn Rich­ter.
    1. Das Prä­si­di­um kann im Namen des Gerichts­hofs unter Anga­be der Grün­de, aus denen es dies als not­wen­dig und ange­mes­sen erach­tet, eine Erhö­hung der in Absatz 1 genann­ten Anzahl der Rich­ter vor­schla­gen. Der Kanz­ler lei­tet einen sol­chen Vor­schlag umge­hend allen Ver­trags­staa­ten zu.
    2. Jeder der­ar­ti­ge Vor­schlag wird sodann auf einer nach Arti­kel 112 ein­be­ru­fe­nen Sit­zung der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten erör­tert. Der Vor­schlag gilt als ange­nom­men, wenn er auf der Sit­zung von zwei Drit­teln der Mit­glie­der der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten geneh­migt wird; er tritt zu dem von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten beschlos­se­nen Zeit­punkt in Kraft.
      1. Ist ein Vor­schlag auf Erhö­hung der Anzahl der Rich­ter nach Buch­sta­be b ange­nom­men wor­den, so fin­det die Wahl der zusätz­li­chen Rich­ter nach den Absät­zen 3 bis 8 sowie nach Arti­kel 37 Absatz 2 auf der dar­auf fol­gen­den Sit­zung der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten statt.
      2. Ist ein Vor­schlag auf Erhö­hung der Anzahl der Rich­ter nach den Buch­sta­ben b und c Zif­fer i ange­nom­men wor­den und wirk­sam gewor­den, so steht es dem Prä­si­di­um jeder­zeit danach frei, wenn der Arbeits­an­fall des Gerichts­hofs dies recht­fer­tigt, eine Ver­rin­ge­rung der Anzahl der Rich­ter vor­zu­schla­gen; die­se darf jedoch die in Absatz 1 fest­ge­leg­te Anzahl nicht unter­schrei­ten. Der Vor­schlag wird nach dem unter den Buch­sta­ben a und b fest­ge­leg­ten Ver­fah­ren behan­delt. Wird der Vor­schlag ange­nom­men, so wird die Anzahl der Rich­ter mit dem Aus­lau­fen der Amts­zei­ten der amtie­ren­den Rich­ter so lan­ge schritt­wei­se ver­rin­gert, bis die not­wen­di­ge Anzahl erreicht ist.
    1. Die Rich­ter wer­den unter Per­so­nen von hohem sitt­li­chem Anse­hen aus­ge­wählt, die sich durch Unpar­tei­lich­keit und Ehren­haf­tig­keit aus­zeich­nen und die in ihrem Staat die für die höchs­ten rich­ter­li­chen Ämter erfor­der­li­chen Vor­aus­set­zun­gen erfül­len.
    2. Jeder Kan­di­dat für die Wahl zum Gerichts­hof muss
      1. über nach­weis­li­che Fach­kennt­nis­se auf dem Gebiet des Straf- und des Straf­ver­fah­rens­rechts sowie über die not­wen­di­ge ein­schlä­gi­ge Erfah­rung als Rich­ter, Anklä­ger, Anwalt oder in ähn­li­cher Eigen­schaft bei Straf­ver­fah­ren oder
      2. über nach­weis­li­che Fach­kennt­nis­se in ein­schlä­gi­gen Berei­chen des Völ­ker­rechts, wie etwa des huma­ni­tä­ren Völ­ker­rechts und der Men­schen­rech­te, sowie über weit rei­chen­de Erfah­rung in einem Rechts­be­ruf, der für die rich­ter­li­che Arbeit des Gerichts­hofs von Bedeu­tung ist, ver­fü­gen.
    3. Jeder Kan­di­dat für die Wahl zum Gerichts­hof muss über aus­ge­zeich­ne­te Kennt­nis­se min­des­tens einer der Arbeits­spra­chen des Gerichts­hofs ver­fü­gen und die­se flies­send spre­chen.
    1. Jeder Ver­trags­staat die­ses Sta­tuts kann Kan­di­da­ten für die Wahl zum Gerichts­hof benen­nen, und zwar ent­we­der
      1. nach dem Ver­fah­ren für die Benen­nung von Kan­di­da­ten für die höchs­ten rich­ter­li­chen Ämter des jewei­li­gen Staa­tes oder
      2. nach dem Ver­fah­ren, das im Sta­tut des Inter­na­tio­na­len Gerichts­hofs für die Benen­nung von Kan­di­da­ten für jenen Gerichts­hof vor­ge­se­hen ist.

      Den Benen­nun­gen ist eine hin­rei­chend aus­führ­li­che Erklä­rung bei­zu­fü­gen, aus der her­vor­geht, inwie­fern der Kan­di­dat die Anfor­de­run­gen in Absatz 3 erfüllt.

    2. Jeder Ver­trags­staat kann für jede Wahl einen Kan­di­da­ten auf­stel­len, der zwar nicht unbe­dingt Staats­an­ge­hö­ri­ger die­ses Ver­trags­staats, in jedem Fall jedoch Staats­an­ge­hö­ri­ger eines Ver­trags­staats sein muss.
    3. Die Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten kann beschlies­sen, gege­be­nen­falls einen Bera­ten­den Aus­schuss für Benen­nun­gen ein­zu­set­zen. In die­sem Fall bestimmt die Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten die Zusam­men­set­zung und das Man­dat des Aus­schus­ses.
  2. Für die Zwe­cke der Wahl wer­den zwei Kan­di­da­ten­lis­ten auf­ge­stellt:
    • Lis­te A ent­hält die Namen der Kan­di­da­ten mit den in Absatz 3 Buch­sta­be b Zif­fer i genann­ten Vor­aus­set­zun­gen, und
    • Lis­te B ent­hält die Namen der Kan­di­da­ten mit den in Absatz 3 Buch­sta­be b Zif­fer ii genann­ten Vor­aus­set­zun­gen.

    Kan­di­da­ten, die über hin­rei­chen­de Vor­aus­set­zun­gen für bei­de Lis­ten ver­fü­gen, kön­nen wäh­len, auf wel­che Lis­te sie gesetzt wer­den möch­ten. Bei der ers­ten Wahl zum Gerichts­hof wer­den min­des­tens neun Rich­ter aus der Lis­te A und min­des­tens fünf Rich­ter aus der Lis­te B gewählt. Dar­auf fol­gen­de Wah­len sind so zu gestal­ten, dass das zah­len­mäs­si­ge Ver­hält­nis der Rich­ter im Gerichts­hof, wel­che die Vor­aus­set­zun­gen für die jewei­li­ge Lis­te erfül­len, gewahrt bleibt.

    1. Die Rich­ter wer­den in gehei­mer Abstim­mung auf einer zu die­sem Zweck nach Arti­kel 112 ein­be­ru­fe­nen Sit­zung der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten gewählt. Vor­be­halt­lich des Absat­zes 7 wer­den die acht­zehn Kan­di­da­ten zum Gerichts­hof gewählt, wel­che die höchs­te Stim­men­zahl und die Zwei­drit­tel­mehr­heit der anwe­sen­den und abstim­men­den Ver­trags­staa­ten auf sich ver­ei­nen.
    2. Wird im ers­ten Wahl­gang nicht die aus­rei­chen­de Anzahl der Rich­ter gewählt, so fin­den so lan­ge wei­te­re Wahl­gän­ge nach dem Ver­fah­ren unter Buch­sta­be a statt, bis die ver­blei­ben­den Sit­ze besetzt sind.
  3. Nicht mehr als ein Rich­ter darf Staats­an­ge­hö­ri­ger des­sel­ben Staa­tes sein. Wer im Hin­blick auf die Mit­glied­schaft beim Gerichts­hof als Staats­an­ge­hö­ri­ger mehr als eines Staa­tes ange­se­hen wer­den kann, gilt als Staats­an­ge­hö­ri­ger des Staa­tes, in dem er gewöhn­lich sei­ne bür­ger­li­chen und poli­ti­schen Rech­te aus­übt.
    1. Bei der Aus­wahl der Rich­ter berück­sich­ti­gen die Ver­trags­staa­ten die Not­wen­dig­keit, in der Mit­glied­schaft des Gerichts­hofs Fol­gen­des zu gewähr­leis­ten:
      1. die Ver­tre­tung der haupt­säch­li­chen Rechts­sys­te­me der Welt,
      2. eine gerech­te geo­gra­fi­sche Ver­tei­lung und
      3. eine aus­ge­wo­ge­ne Ver­tre­tung weib­li­cher und männ­li­cher Rich­ter.
    2. Die Ver­trags­staa­ten berück­sich­ti­gen aus­ser­dem die Not­wen­dig­keit, Rich­ter mit juris­ti­schen Fach­kennt­nis­sen auf bestimm­ten Gebie­ten ein­zu­be­zie­hen, ins­be­son­de­re, jedoch nicht aus­schliess­lich, auf dem Gebiet der Gewalt gegen Frau­en oder Kin­der.
    1. Vor­be­halt­lich des Buch­sta­bens b wer­den die Rich­ter für die Dau­er von neun Jah­ren gewählt; vor­be­halt­lich des Buch­sta­bens c und des Arti­kels 37 Absatz 2 ist eine Wie­der­wahl nicht zuläs­sig.
    2. Bei der ers­ten Wahl wird durch das Los die Amts­zeit eines Drit­tels der gewähl­ten Rich­ter auf drei Jah­re und eines wei­te­ren Drit­tels auf sechs Jah­re fest­ge­legt; die Amts­zeit der übri­gen Rich­ter beträgt neun Jah­re.
    3. Ein Rich­ter, des­sen Amts­zeit nach Buch­sta­be b auf drei Jah­re fest­ge­legt wur­de, kann für eine vol­le Amts­zeit wie­der gewählt wer­den.
  4. Unge­ach­tet des Absat­zes 9 bleibt ein Rich­ter, der nach Arti­kel 39 einer Haupt­ver­fah­rens- oder einer Beru­fungs­kam­mer zuge­teilt wur­de, so lan­ge im Amt, bis alle Haupt- oder Rechts­mit­tel­ver­fah­ren abge­schlos­sen sind, deren Ver­hand­lung vor die­ser Kam­mer bereits begon­nen hat.

 

Art. 37 Frei gewor­de­ne Sit­ze[↑]

  1. Wird ein Sitz frei, so fin­det zur Beset­zung des frei gewor­de­nen Sit­zes eine Wahl nach Arti­kel 36 statt.
  2. Ein Rich­ter, der auf einen frei gewor­de­nen Sitz gewählt wird, übt sein Amt für die rest­li­che Lauf­zeit sei­nes Vor­gän­gers aus; beträgt die­se drei Jah­re oder weni­ger, so ist sei­ne Wie­der­wahl für eine vol­le Amts­zeit nach Arti­kel 36 zuläs­sig.

 

Art. 38 Prä­si­di­um[↑]

  1. Der Prä­si­dent sowie der Ers­te und der Zwei­te Vize­prä­si­dent wer­den von den Rich­tern mit abso­lu­ter Mehr­heit gewählt. Sie üben ihr Amt für die Dau­er von drei Jah­ren bezie­hungs­wei­se bis zum Ende ihrer jewei­li­gen Amts­zeit als Rich­ter aus, sofern die­ser Zeit­punkt frü­her liegt. Ihre ein­ma­li­ge Wie­der­wahl ist zuläs­sig.
  2. Der Ers­te Vize­prä­si­dent tritt an die Stel­le des Prä­si­den­ten, wenn die­ser ver­hin­dert ist oder aus­ge­schlos­sen wur­de. Der Zwei­te Vize­prä­si­dent tritt an die Stel­le des Prä­si­den­ten, wenn sowohl der Prä­si­dent als auch der Ers­te Vize­prä­si­dent ver­hin­dert sind oder aus­ge­schlos­sen wur­den.
  3. Der Prä­si­dent sowie der Ers­te und der Zwei­te Vize­prä­si­dent bil­den das Prä­si­di­um, dem Fol­gen­des obliegt:
    1. die ord­nungs­ge­mäs­se Ver­wal­tung des Gerichts­hofs mit Aus­nah­me der Ankla­ge­be­hör­de und
    2. die sons­ti­gen ihm auf Grund die­ses Sta­tuts über­tra­ge­nen Auf­ga­ben.
  4. Bei der Wahr­neh­mung sei­ner Ver­ant­wor­tung nach Absatz 3 Buch­sta­be a han­delt das Prä­si­di­um in Abstim­mung mit dem Anklä­ger und sucht des­sen Zustim­mung in allen Ange­le­gen­hei­ten von gemein­sa­mem Belang.

 

Art. 39 Kam­mern[↑]

  1. Nach der Wahl der Rich­ter bil­det der Gerichts­hof so bald wie mög­lich die in Arti­kel 34 Buch­sta­be b genann­ten Abtei­lun­gen. Die Beru­fungs­ab­tei­lung setzt sich aus dem Prä­si­den­ten und vier wei­te­ren Rich­tern, die Haupt­ver­fah­rens­ab­tei­lung aus min­des­tens sechs Rich­tern und die Vor­ver­fah­rens­ab­tei­lung aus min­des­tens sechs Rich­tern zusam­men. Die Zutei­lung der Rich­ter zu den Abtei­lun­gen rich­tet sich nach der Art der von jeder Abtei­lung wahr­zu­neh­men­den Auf­ga­ben sowie nach der Befä­hi­gung und der Erfah­rung der in den Gerichts­hof gewähl­ten Rich­ter, sodass in jeder Abtei­lung eine ange­mes­se­ne Mischung von Fach­wis­sen auf dem Gebiet des Straf- und des Straf­ver­fah­rens­rechts sowie des Völ­ker­rechts vor­han­den ist. Die Haupt­ver­fah­rens­ab­tei­lung und die Vor­ver­fah­rens­ab­tei­lung sol­len über­wie­gend aus Rich­tern mit Erfah­rung auf dem Gebiet der Ver­hand­lung von Straf­sa­chen bestehen.
    1. Die rich­ter­li­chen Auf­ga­ben des Gerichts­hofs wer­den in jeder Abtei­lung von Kam­mern wahr­ge­nom­men.
      1. Die Beru­fungs­kam­mer setzt sich aus allen Rich­tern der Beru­fungs­ab­tei­lung zusam­men;
      2. die Auf­ga­ben der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer wer­den von drei Rich­tern der Haupt­ver­fah­rens­ab­tei­lung wahr­ge­nom­men;
      3. die Auf­ga­ben der Vor­ver­fah­rens­kam­mer wer­den ent­we­der von drei Rich­tern der Vor­ver­fah­rens­ab­tei­lung oder in Über­ein­stim­mung mit die­sem Sta­tut sowie mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung von einem ein­zel­nen Rich­ter die­ser Abtei­lung wahr­ge­nom­men;
    2. die­ser Absatz schliesst die gleich­zei­ti­ge Bil­dung von mehr als einer Haupt­ver­fah­rens­kam­mer oder Vor­ver­fah­rens­kam­mer nicht aus, wenn die wirk­sa­me Erle­di­gung der beim Gerichts­hof anfal­len­den Arbeit dies ver­langt.
    1. Die der Haupt­ver­fah­rens­ab­tei­lung und der Vor­ver­fah­rens­ab­tei­lung zuge­teil­ten Rich­ter üben ihr Amt in die­sen Abtei­lun­gen für die Dau­er von drei Jah­ren aus und danach so lan­ge, bis jede Sache abge­schlos­sen ist, deren Ver­hand­lung in der betref­fen­den Abtei­lung bereits begon­nen hat.
    2. Die der Beru­fungs­ab­tei­lung zuge­teil­ten Rich­ter üben ihr Amt in die­ser Abtei­lung für die gesam­te Dau­er ihrer Amts­zeit aus.
  2. Die der Beru­fungs­ab­tei­lung zuge­teil­ten Rich­ter üben ihr Amt aus­schliess­lich in die­ser Abtei­lung aus. Die­ser Arti­kel schliesst jedoch die zeit­wei­li­ge Zutei­lung von Rich­tern der Haupt­ver­fah­rens­ab­tei­lung zur Vor­ver­fah­rens­ab­tei­lung oder umge­kehrt nicht aus, wenn das Prä­si­di­um dies im Inter­es­se der wirk­sa­men Erle­di­gung der beim Gerichts­hof anfal­len­den Arbeit für erfor­der­lich hält; aller­dings darf ein Rich­ter, der am Vor­ver­fah­ren in einer Sache mit­ge­wirkt hat, unter kei­nen Umstän­den der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer ange­hö­ren, die in die­ser Sache ver­han­delt.

 

Art. 40 Unab­hän­gig­keit der Rich­ter[↑]

  1. Die Rich­ter sind bei der Erfül­lung ihrer Auf­ga­ben unab­hän­gig.
  2. Die Rich­ter dür­fen kei­ne Tätig­keit aus­üben, die sich auf ihre rich­ter­li­chen Auf­ga­ben aus­wir­ken oder das Ver­trau­en in ihre Unab­hän­gig­keit beein­träch­ti­gen könn­te.
  3. Die Rich­ter, die ihr Amt haupt­amt­lich am Sitz des Gerichts­hofs aus­zu­üben haben, dür­fen sich kei­ner ande­ren Beschäf­ti­gung beruf­li­cher Art wid­men.
  4. Alle Fra­gen betref­fend die Anwen­dung der Absät­ze 2 und 3 wer­den von den Rich­tern mit abso­lu­ter Mehr­heit ent­schie­den. Betrifft eine sol­che Fra­ge einen ein­zel­nen Rich­ter, so nimmt die­ser an der Ent­schei­dung nicht teil.

 

Art. 41 Frei­stel­lung und Aus­schluss von Rich­tern[↑]

  1. Das Prä­si­di­um kann einen Rich­ter auf des­sen Ersu­chen in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung von der Wahr­neh­mung einer Auf­ga­be nach die­sem Sta­tut frei­stel­len.
    1. Ein Rich­ter nimmt an einer Sache nicht teil, wenn aus irgend­ei­nem Grund berech­tig­te Zwei­fel an sei­ner Unpar­tei­lich­keit gel­tend gemacht wer­den könn­ten. Ein Rich­ter wird unter ande­rem dann von einer Sache in Über­ein­stim­mung mit die­sem Absatz aus­ge­schlos­sen, wenn er zuvor in irgend­ei­ner Eigen­schaft an die­ser beim Gerichts­hof anhän­gi­gen Sache oder einer damit zusam­men­hän­gen­den Straf­sa­che auf ein­zel­staat­li­cher Ebe­ne betei­ligt war, wel­che die Per­son betraf, gegen die sich die Ermitt­lun­gen oder die Straf­ver­fol­gung rich­ten. Ein Rich­ter kann auch aus ande­ren in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­he­nen Grün­den aus­ge­schlos­sen wer­den.
    2. Der Anklä­ger oder die Per­son, gegen die sich die Ermitt­lun­gen oder die Straf­ver­fol­gung rich­ten, kön­nen nach die­sem Absatz den Aus­schluss eines Rich­ters bean­tra­gen.
    3. Jede Fra­ge betref­fend den Aus­schluss eines Rich­ters wird von den Rich­tern mit abso­lu­ter Mehr­heit ent­schie­den. Der Rich­ter, des­sen Aus­schluss bean­tragt wird, hat Anspruch dar­auf, zu der Ange­le­gen­heit Stel­lung zu neh­men, nimmt jedoch an der Ent­schei­dung nicht teil.

 

Art. 42 Ankla­ge­be­hör­de[↑]

  1. Die Ankla­ge­be­hör­de han­delt unab­hän­gig als selbst­stän­di­ges Organ des Gerichts­hofs. Ihr obliegt es, Unter­brei­tun­gen und inhalt­lich erhär­te­te Infor­ma­tio­nen über der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­de Ver­bre­chen ent­ge­gen­zu­neh­men und zu prü­fen sowie die Ermitt­lun­gen durch­zu­füh­ren und vor dem Gerichts­hof die Ankla­ge zu ver­tre­ten. Ein Mit­glied der Ankla­ge­be­hör­de darf Wei­sun­gen von einer Stel­le aus­ser­halb des Gerichts­hofs weder ein­ho­len noch befol­gen.
  2. Der Anklä­ger ist Lei­ter der Ankla­ge­be­hör­de. Er besitzt die vol­le Dienst­auf­sicht über Füh­rung und Ver­wal­tung der Behör­de ein­schliess­lich ihres Per­so­nals, ihrer Ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Mit­tel. Dem Anklä­ger ste­hen ein oder meh­re­re Stell­ver­tre­ten­de Anklä­ger zur Sei­te, die zur Aus­füh­rung aller Hand­lun­gen befugt sind, wel­che nach die­sem Sta­tut dem Anklä­ger oblie­gen. Der Anklä­ger und die Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger müs­sen unter­schied­li­che Staats­an­ge­hö­rig­keit besit­zen. Sie üben ihr Amt haupt­amt­lich aus.
  3. Der Anklä­ger und die Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger müs­sen ein hohes sitt­li­ches Anse­hen genies­sen sowie ein Höchst­mass an Sach­ver­stand und umfang­rei­che prak­ti­sche Erfah­rung in der Straf­ver­fol­gung oder der Ver­hand­lung von Straf­sa­chen besit­zen. Sie müs­sen über aus­ge­zeich­ne­te Kennt­nis­se min­des­tens einer der Arbeits­spra­chen des Gerichts­hofs ver­fü­gen und die­se flies­send spre­chen.

Der Anklä­ger wird in gehei­mer Abstim­mung von der abso­lu­ten Mehr­heit der Mit­glie­der der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten gewählt. Die Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger wer­den in der­sel­ben Wei­se aus einer vom Anklä­ger vor­ge­leg­ten Kan­di­da­ten­lis­te gewählt. Der Anklä­ger benennt drei Kan­di­da­ten für jede zu beset­zen­de Stel­le eines Stell­ver­tre­ten­den Anklä­gers. Sofern nicht zum Zeit­punkt ihrer Wahl eine kür­ze­re Amts­zeit beschlos­sen wird, wer­den der Anklä­ger und die Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger für die Dau­er von neun Jah­ren gewählt; ihre Wie­der­wahl ist nicht zuläs­sig.

  • Weder der Anklä­ger noch die Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger dür­fen eine Tätig­keit aus­üben, die sich auf ihre Auf­ga­ben bei der Straf­ver­fol­gung aus­wir­ken oder das Ver­trau­en in ihre Unab­hän­gig­keit beein­träch­ti­gen könn­te. Sie dür­fen sich kei­ner ande­ren Beschäf­ti­gung beruf­li­cher Art wid­men.
  • Das Prä­si­di­um kann den Anklä­ger oder einen Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger auf des­sen Ersu­chen von einem Tätig­wer­den in einer bestimm­ten Sache frei­stel­len.
  • Der Anklä­ger oder ein Stell­ver­tre­ten­der Anklä­ger nimmt an einer Ange­le­gen­heit nicht teil, wenn aus irgend­ei­nem Grund berech­tig­te Zwei­fel an sei­ner Unpar­tei­lich­keit gel­tend gemacht wer­den könn­ten. Er wird unter ande­rem dann von einer Sache in Über­ein­stim­mung mit die­sem Absatz aus­ge­schlos­sen, wenn er zuvor in irgend­ei­ner Eigen­schaft an die­ser beim Gerichts­hof anhän­gi­gen Sache oder einer damit zusam­men­hän­gen­den Straf­sa­che auf ein­zel­staat­li­cher Ebe­ne betei­ligt war, wel­che die Per­son betraf, gegen die sich die Ermitt­lun­gen oder die Straf­ver­fol­gung rich­ten.
  • Jede Fra­ge betref­fend den Aus­schluss des Anklä­gers oder eines Stell­ver­tre­ten­den Anklä­gers wird von der Beru­fungs­kam­mer ent­schie­den.
    1. Die Per­son, gegen die sich die Ermitt­lun­gen oder die Straf­ver­fol­gung rich­ten, kann jeder­zeit den Aus­schluss des Anklä­gers oder eines Stell­ver­tre­ten­den Anklä­gers aus den in die­sem Arti­kel fest­ge­leg­ten Grün­den bean­tra­gen.
    2. Der Anklä­ger bezie­hungs­wei­se der Stell­ver­tre­ten­de Anklä­ger hat Anspruch dar­auf, zu der Ange­le­gen­heit Stel­lung zu neh­men.
  • Der Anklä­ger ernennt Bera­ter mit juris­ti­schen Fach­kennt­nis­sen auf bestimm­ten Gebie­ten, ins­be­son­de­re, jedoch nicht aus­schliess­lich, auf dem Gebiet der sexu­el­len und geschlechts­spe­zi­fi­schen Gewalt sowie der Gewalt gegen Kin­der.

 

 

Art. 43 Kanz­lei[↑]

  1. Der Kanz­lei oblie­gen die nicht mit der Recht­spre­chung zusam­men­hän­gen­den Aspek­te der Ver­wal­tung und der Betreu­ung des Gerichts­hofs, unbe­scha­det der Auf­ga­ben und Befug­nis­se des Anklä­gers nach Arti­kel 42.
  2. Der Kanz­ler ist Lei­ter der Kanz­lei und höchs­ter Ver­wal­tungs­be­am­ter des Gerichts­hofs. Er nimmt sei­ne Auf­ga­ben unter der Auf­sicht des Prä­si­den­ten des Gerichts­hofs wahr.
  3. Der Kanz­ler und der Stell­ver­tre­ten­de Kanz­ler müs­sen ein hohes sitt­li­ches Anse­hen genies­sen sowie ein Höchst­mass an Sach­ver­stand und aus­ge­zeich­ne­te Kennt­nis­se min­des­tens einer der Arbeits­spra­chen des Gerichts­hofs besit­zen und die­se flies­send spre­chen.
  4. Die Rich­ter wäh­len den Kanz­ler in gehei­mer Abstim­mung mit abso­lu­ter Mehr­heit unter Berück­sich­ti­gung etwai­ger Emp­feh­lun­gen der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten. Bei Bedarf wäh­len die Rich­ter auf Emp­feh­lung des Kanz­lers in der­sel­ben Wei­se einen Stell­ver­tre­ten­den Kanz­ler.
  5. Der Kanz­ler wird für die Dau­er von fünf Jah­ren gewählt; sei­ne ein­ma­li­ge Wie­der­wahl ist zuläs­sig; er übt sein Amt haupt­amt­lich aus. Der Stell­ver­tre­ten­de Kanz­ler wird für die Dau­er von fünf Jah­ren oder für eine von den Rich­tern mit abso­lu­ter Mehr­heit beschlos­se­ne kür­ze­re Zeit gewählt; er kann auch mit der Mass­ga­be gewählt wer­den, dass er sein Amt nach Bedarf aus­übt.
  6. Der Kanz­ler rich­tet inner­halb der Kanz­lei eine Abtei­lung für Opfer und Zeu­gen ein. Die­se Abtei­lung stellt nach Rück­spra­che mit der Ankla­ge­be­hör­de Schutz­mass­nah­men, Sicher­heits­vor­keh­run­gen, Bera­tung und ande­re ange­mes­se­ne Hil­fe für Zeu­gen, für die vor dem Gerichts­hof erschei­nen­den Opfer und ande­re durch die Aus­sa­gen die­ser Zeu­gen gefähr­de­te Per­so­nen zur Ver­fü­gung. Die Abtei­lung umfasst auch Per­so­nal mit Fach­kennt­nis­sen über Trau­ma­ta, ein­schliess­lich der Trau­ma­ta im Zusam­men­hang mit sexu­el­len Gewalt­ver­bre­chen.

 

Art. 44 Per­so­nal[↑]

  1. Der Anklä­ger und der Kanz­ler ernen­nen für ihre jewei­li­ge Behör­de das not­wen­di­ge fach­lich befä­hig­te Per­so­nal. Im Fall des Anklä­gers schliesst dies die Ernen­nung von Ermitt­lern ein.
  2. Bei der Ein­stel­lung des Per­so­nals stel­len der Anklä­ger und der Kanz­ler ein Höchst­mass an Leis­tungs­fä­hig­keit, fach­li­chem Kön­nen und Ehren­haf­tig­keit sicher und berück­sich­ti­gen sinn­ge­mäss die in Arti­kel 36 Absatz 8 ent­hal­te­nen Kri­te­ri­en.
  3. Der Kanz­ler schlägt mit Zustim­mung des Prä­si­di­ums und des Anklä­gers ein Per­so­nal­sta­tut vor, das die Bedin­gun­gen für die Ernen­nung, Besol­dung und Ent­las­sung des Per­so­nals des Gerichts­hofs ent­hält. Das Per­so­nal­sta­tut wird von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten geneh­migt.
  4. In Aus­nah­me­fäl­len kann der Gerichts­hof die Fach­kennt­nis­se von Per­so­nal her­an­zie­hen, das ihm von Ver­trags­staa­ten, von zwi­schen­staat­li­chen oder nicht­staat­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen unent­gelt­lich zur Ver­fü­gung gestellt wird, um ein Organ des Gerichts­hofs bei sei­ner Arbeit zu unter­stüt­zen. Der Anklä­ger kann ein sol­ches Ange­bot im Namen der Ankla­ge­be­hör­de anneh­men. Die­ses Per­so­nal wird in Über­ein­stim­mung mit Richt­li­ni­en beschäf­tigt, die von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten auf­zu­stel­len sind.

 

Art. 45 Fei­er­li­ches Ver­spre­chen[↑]

Bevor die Rich­ter, der Anklä­ger, die Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger, der Kanz­ler und der Stell­ver­tre­ten­de Kanz­ler ihr Amt nach die­sem Sta­tut antre­ten, geben sie in öffent­li­cher Sit­zung das fei­er­li­che Ver­spre­chen ab, ihre Auf­ga­ben unpar­tei­isch und gewis­sen­haft wahr­zu­neh­men.

 

Art. 46 Amts­ent­he­bung[↑]

  1. Ein Rich­ter, der Anklä­ger, ein Stell­ver­tre­ten­der Anklä­ger, der Kanz­ler oder der Stell­ver­tre­ten­de Kanz­ler wird durch einen ent­spre­chen­den Beschluss nach Absatz 2 sei­nes Amtes ent­ho­ben, wenn er
    1. wie in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung fest­ge­legt, nach­weis­lich eine schwe­re Ver­feh­lung oder eine schwe­re Ver­let­zung sei­ner Amts­pflich­ten nach die­sem Sta­tut began­gen hat oder
    2. zur Wahr­neh­mung der ihm nach die­sem Sta­tut oblie­gen­den Auf­ga­ben unfä­hig ist.
  2. Die Amts­ent­he­bung eines Rich­ters, des Anklä­gers oder eines Stell­ver­tre­ten­den Anklä­gers nach Absatz 1 wird von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten in gehei­mer Abstim­mung beschlos­sen
    1. im Fall eines Rich­ters mit Zwei­drit­tel­mehr­heit der Ver­trags­staa­ten auf Grund einer von den übri­gen Rich­tern mit Zwei­drit­tel­mehr­heit beschlos­se­nen Emp­feh­lung;
    2. im Fall des Anklä­gers mit der abso­lu­ten Mehr­heit der Ver­trags­staa­ten;
    3. im Fall eines Stell­ver­tre­ten­den Anklä­gers mit der abso­lu­ten Mehr­heit der Ver­trags­staa­ten auf Emp­feh­lung des Anklä­gers.
  3. Die Amts­ent­he­bung des Kanz­lers oder des Stell­ver­tre­ten­den Kanz­lers wird von den Rich­tern mit abso­lu­ter Mehr­heit beschlos­sen.
  4. Ein Rich­ter, Anklä­ger, Stell­ver­tre­ten­der Anklä­ger, Kanz­ler oder Stell­ver­tre­ten­der Kanz­ler, des­sen Ver­hal­ten oder Fähig­keit zur Wahr­neh­mung der ihm nach die­sem Sta­tut oblie­gen­den dienst­li­chen Auf­ga­ben nach die­sem Arti­kel in Fra­ge gestellt wird, erhält unein­ge­schränkt Gele­gen­heit, in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung Beweis­mit­tel vor­zu­le­gen und ent­ge­gen­zu­neh­men und Stel­lung­nah­men abzu­ge­ben. An der Erör­te­rung der Ange­le­gen­heit darf er im Übri­gen nicht teil­neh­men.

 

Art. 47 Dis­zi­pli­nar­mass­nah­men[↑]

Gegen einen Rich­ter, Anklä­ger, Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger, Kanz­ler oder Stell­ver­tre­ten­den Kanz­ler, der eine weni­ger schwe­re Ver­feh­lung als die in Arti­kel 46 Absatz 1 genann­te began­gen hat, wer­den in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung Dis­zi­pli­nar­mass­nah­men ergrif­fen.

 

Art. 48 Vor­rech­te und Immu­ni­tä­ten[↑]

  1. Der Gerichts­hof geniesst im Hoheits­ge­biet jedes Ver­trags­staats die für die Erfül­lung sei­ner Zie­le not­wen­di­gen Vor­rech­te und Immu­ni­tä­ten.
  2. Die Rich­ter, der Anklä­ger, die Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger und der Kanz­ler genies­sen bei der Wahr­neh­mung der Geschäf­te des Gerichts­hofs oder in Bezug auf die­se die glei­chen Vor­rech­te und Immu­ni­tä­ten wie Chefs diplo­ma­ti­scher Mis­sio­nen; nach Ablauf ihrer Amts­zeit wird ihnen wei­ter­hin Immu­ni­tät von der Gerichts­bar­keit in Bezug auf ihre in amt­li­cher Eigen­schaft vor­ge­nom­me­nen Hand­lun­gen, ein­schliess­lich ihrer münd­li­chen oder schrift­li­chen Äus­se­run­gen, gewährt.
  3. Der Stell­ver­tre­ten­de Kanz­ler, das Per­so­nal der Ankla­ge­be­hör­de und das Per­so­nal der Kanz­lei genies­sen in Über­ein­stim­mung mit dem Über­ein­kom­men über die Vor­rech­te und Immu­ni­tä­ten des Gerichts­hofs die zur Erfül­lung ihrer Auf­ga­ben not­wen­di­gen Vor­rech­te, Immu­ni­tä­ten und Erleich­te­run­gen.
  4. Bera­tern, Sach­ver­stän­di­gen, Zeu­gen und allen ande­ren Per­so­nen, deren Anwe­sen­heit am Sitz des Gerichts­hofs erfor­der­lich ist, wird in Über­ein­stim­mung mit dem Über­ein­kom­men über die Vor­rech­te und Immu­ni­tä­ten des Gerichts­hofs die Stel­lung ein­ge­räumt, die für die ord­nungs­ge­mäs­se Arbeit des Gerichts­hofs erfor­der­lich ist.
  5. Die Vor­rech­te und Immu­ni­tä­ten
    1. eines Rich­ters oder des Anklä­gers kön­nen von den Rich­tern mit abso­lu­ter Mehr­heit auf­ge­ho­ben wer­den;
    2. des Kanz­lers kön­nen vom Prä­si­di­um auf­ge­ho­ben wer­den;
    3. der Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger und des Per­so­nals der Ankla­ge­be­hör­de kön­nen vom Anklä­ger auf­ge­ho­ben wer­den;
    4. des Stell­ver­tre­ten­den Kanz­lers und des Per­so­nals der Kanz­lei kön­nen vom Kanz­ler auf­ge­ho­ben wer­den.

 

Art. 49 Gehäl­ter, Zula­gen und Auf­wands­ent­schä­di­gung[↑]

Die Rich­ter, der Anklä­ger, die Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger, der Kanz­ler und der Stell­ver­tre­ten­de Kanz­ler erhal­ten die von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten beschlos­se­nen Gehäl­ter, Zula­gen und Auf­wands­ent­schä­di­gun­gen. Die­se Gehäl­ter und Zula­gen wer­den wäh­rend ihrer Amts­zeit nicht her­ab­ge­setzt.

 

Art. 50 Amts- und Arbeits­spra­chen[↑]

  1. Die Amts­spra­chen des Gerichts­hofs sind Ara­bisch, Chi­ne­sisch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Rus­sisch und Spa­nisch. Die Urtei­le des Gerichts­hofs sowie sons­ti­ge Ent­schei­dun­gen zur Rege­lung grund­le­gen­der Fra­gen, die beim Gerichts­hof anhän­gig sind, wer­den in den Amts­spra­chen ver­öf­fent­licht. Das Prä­si­di­um ent­schei­det in Über­ein­stim­mung mit den durch die Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung fest­ge­leg­ten Kri­te­ri­en, wel­che Ent­schei­dun­gen als Ent­schei­dun­gen zur Rege­lung grund­le­gen­der Fra­gen im Sin­ne die­ses Absat­zes ange­se­hen wer­den kön­nen.
  2. Die Arbeits­spra­chen des Gerichts­hofs sind Eng­lisch und Fran­zö­sisch. Die Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung bestimmt die Fäl­le, in denen ande­re Amts­spra­chen als Arbeits­spra­chen benutzt wer­den kön­nen.
  3. Auf Ersu­chen einer Par­tei eines Ver­fah­rens oder eines zur Teil­nah­me an einem Ver­fah­ren zuge­las­se­nen Staa­tes gestat­tet der Gerichts­hof die Benut­zung einer ande­ren als der eng­li­schen oder fran­zö­si­schen Spra­che, sofern er dies als aus­rei­chend gerecht­fer­tigt erach­tet.

 

Art. 51 Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung[↑]

  1. Die Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung tritt nach ihrer Annah­me durch zwei Drit­tel der Mit­glie­der der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten in Kraft.
  2. Ände­run­gen der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung kön­nen
    1. von jedem Ver­trags­staat,
    2. von den Rich­tern mit abso­lu­ter Mehr­heit oder
    3. vom Anklä­ger

    vor­ge­schla­gen wer­den. Die Ände­run­gen tre­ten nach ihrer Annah­me durch zwei Drit­tel der Mit­glie­der der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten in Kraft.

  3. Nach Annah­me der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung kön­nen die Rich­ter in drin­gen­den Fäl­len, wenn eine bestimm­te beim Gerichts­hof anhän­gi­ge Situa­ti­on durch die Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung nicht erfasst ist, mit Zwei­drit­tel­mehr­heit vor­läu­fi­ge Regeln auf­stel­len, die bis zu ihrer Annah­me, Ände­rung oder Ableh­nung auf der nächs­ten ordent­li­chen oder aus­ser­or­dent­li­chen Tagung der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten Anwen­dung fin­den.
  4. Die Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung, ihre Ände­run­gen und jede vor­läu­fi­ge Regel müs­sen mit die­sem Sta­tut ver­ein­bar sein. Ände­run­gen der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung sowie vor­läu­fi­ge Regeln wer­den nicht rück­wir­kend zum Nach­teil der Per­son ange­wandt, gegen die sich die Ermitt­lun­gen, die Straf­ver­fol­gung oder das Urteil rich­ten.
  5. Im Fall eines Wider­spruchs zwi­schen dem Sta­tut und der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung hat das Sta­tut Vor­rang.

 

Art. 52 Geschäfts­ord­nung des Gerichts­hofs[↑]

  1. Die Rich­ter neh­men in Über­ein­stim­mung mit die­sem Sta­tut sowie der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung die für den nor­ma­len Geschäfts­gang not­wen­di­ge Geschäfts­ord­nung des Gerichts­hofs mit abso­lu­ter Mehr­heit an.
  2. Der Anklä­ger und der Kanz­ler sind bei der Aus­ar­bei­tung der Geschäfts­ord­nung und aller Ände­run­gen zu kon­sul­tie­ren.
  3. Sofern die Rich­ter nichts ande­res beschlies­sen, tre­ten die Geschäfts­ord­nung und alle Ände­run­gen mit ihrer jewei­li­gen Annah­me in Kraft. Unmit­tel­bar nach ihrer Annah­me wer­den sie den Ver­trags­staa­ten zur Stel­lung­nah­me zuge­lei­tet. Lie­gen bin­nen sechs Mona­ten kei­ne Ein­wän­de sei­tens der Mehr­heit der Ver­trags­staa­ten vor, so blei­ben sie in Kraft.

 

Teil 5: Ermitt­lun­gen und Straf­ver­fol­gung[↑]

Art. 53 Ein­lei­tung von Ermitt­lun­gen[↑]

  1. Nach Aus­wer­tung der ihm zur Ver­fü­gung gestell­ten Infor­ma­tio­nen lei­tet der Anklä­ger Ermitt­lun­gen ein, sofern er nicht fest­stellt, dass es für die Ver­fah­rens­ein­lei­tung nach die­sem Sta­tut kei­ne hin­rei­chen­de Grund­la­ge gibt. Bei sei­ner Ent­schei­dung über die Ein­lei­tung von Ermitt­lun­gen prüft der Anklä­ger,
    1. ob die ihm vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen hin­rei­chen­de Ver­dachts­grün­de dafür bie­ten, dass ein der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­des Ver­bre­chen began­gen wur­de oder wird,
    2. ob die Sache nach Arti­kel 17 zuläs­sig ist oder wäre und
    3. ob unter Berück­sich­ti­gung der Schwe­re des Ver­bre­chens und der Inter­es­sen der Opfer den­noch wesent­li­che Grün­de für die Annah­me vor­lie­gen, dass die Durch­füh­rung von Ermitt­lun­gen nicht im Inter­es­se der Gerech­tig­keit läge.

    Stellt der Anklä­ger fest, dass es für die Ver­fah­rens­ein­lei­tung kei­ne hin­rei­chen­de Grund­la­ge gibt, und beruht die­se Fest­stel­lung aus­schliess­lich auf Buch­sta­be c, so unter­rich­tet er die Vor­ver­fah­rens­kam­mer.

  2. Gelangt der Anklä­ger nach den Ermitt­lun­gen zu dem Schluss, dass es für eine Straf­ver­fol­gung kei­ne hin­rei­chen­de Grund­la­ge gibt, weil
    1. kei­ne hin­rei­chen­de recht­li­che oder sach­li­che Grund­la­ge für die Bean­tra­gung eines Haft­be­fehls oder einer Ladung nach Arti­kel 58 besteht,
    2. die Sache nach Arti­kel 17 unzu­läs­sig ist oder
    3. eine Straf­ver­fol­gung unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de, ein­schliess­lich der Schwe­re des Ver­bre­chens, der Inter­es­sen der Opfer, des Alters oder der Gebrech­lich­keit des angeb­li­chen Täters sowie sei­ner Rol­le bei dem angeb­li­chen Ver­bre­chen, nicht im Inter­es­se der Gerech­tig­keit liegt,

    so unter­rich­tet der Anklä­ger die Vor­ver­fah­rens­kam­mer und den nach Arti­kel 14 unter­brei­ten­den Staat oder den Sicher­heits­rat im Fall des Arti­kels 13 Buch­sta­be b von sei­ner Schluss­fol­ge­rung und den Grün­den dafür.

    1. Auf Ersu­chen des nach Arti­kel 14 unter­brei­ten­den Staa­tes oder des Sicher­heits­rats im Fall des Arti­kels 13 Buch­sta­be b kann die Vor­ver­fah­rens­kam­mer eine Ent­schei­dung des Anklä­gers nach Absatz 1 oder 2, nicht wei­ter vor­zu­ge­hen, nach­prü­fen und den Anklä­ger ersu­chen, sie zu über­prü­fen.
    2. Dar­über hin­aus kann die Vor­ver­fah­rens­kam­mer aus eige­ner Initia­ti­ve eine Ent­schei­dung des Anklä­gers, nicht wei­ter vor­zu­ge­hen, nach­prü­fen, wenn die­se aus­schliess­lich auf Absatz 1 Buch­sta­be c oder Absatz 2 Buch­sta­be c beruht. In die­sem Fall wird die Ent­schei­dung des Anklä­gers nur dann wirk­sam, wenn sie von der Vor­ver­fah­rens­kam­mer bestä­tigt wird.
  3. Der Anklä­ger kann eine Ent­schei­dung über die Ein­lei­tung der Ermitt­lun­gen oder der Straf­ver­fol­gung auf der Grund­la­ge neu­er Tat­sa­chen oder Infor­ma­tio­nen jeder­zeit über­prü­fen.

 

Art. 54 Pflich­ten und Befug­nis­se des Anklä­gers bei Ermitt­lun­gen[↑]

  1. Der Anklä­ger
    1. dehnt die Ermitt­lun­gen zum Zweck der Wahr­heits­fin­dung auf alle Tat­sa­chen und Beweis­mit­tel aus, die für die Beur­tei­lung, ob eine straf­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit auf Grund die­ses Sta­tuts besteht, erheb­lich sind, und erforscht dabei glei­cher­mas­sen die belas­ten­den wie die ent­las­ten­den Umstän­de,
    2. ergreift geeig­ne­te Mass­nah­men, um die wirk­sa­me Ermitt­lung und Straf­ver­fol­gung von der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chen zu gewähr­leis­ten, wobei er die Inter­es­sen und per­sön­li­chen Lebens­um­stän­de der Opfer und Zeu­gen, nament­lich Alter, Geschlecht im Sin­ne des Arti­kels 7 Absatz 3 und Gesund­heits­zu­stand, ach­tet und die Art des Ver­bre­chens berück­sich­tigt, ins­be­son­de­re soweit es mit sexu­el­ler Gewalt, geschlechts­spe­zi­fi­scher Gewalt oder Gewalt gegen Kin­der ver­bun­den ist, und
    3. ach­tet unein­ge­schränkt die sich aus die­sem Sta­tut erge­ben­den Rech­te der Per­so­nen.
  2. Der Anklä­ger kann Ermitt­lun­gen im Hoheits­ge­biet eines Staa­tes durch­füh­ren
    1. in Über­ein­stim­mung mit Teil 9 oder
    2. auf Grund einer Ermäch­ti­gung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer nach Arti­kel 57 Absatz 3 Buch­sta­be d.
  3. Der Anklä­ger kann
    1. Beweis­mit­tel sam­meln und prü­fen,
    2. die Anwe­sen­heit von Per­so­nen, gegen die ermit­telt wird, von Opfern und von Zeu­gen ver­lan­gen und die­se ver­neh­men,
    3. einen Staat oder eine zwi­schen­staat­li­che Orga­ni­sa­ti­on oder Stel­le ent­spre­chend ihrer jewei­li­gen Zustän­dig­keit bezie­hungs­wei­se ihrem Man­dat um Zusam­men­ar­beit ersu­chen,
    4. alle die­sem Sta­tut nicht ent­ge­gen­ste­hen­den Abma­chun­gen und Über­ein­künf­te ein­ge­hen, die not­wen­dig sind, um einem Staat, einer zwi­schen­staat­li­chen Orga­ni­sa­ti­on oder einer Per­son die Zusam­men­ar­beit zu erleich­tern,
    5. ein­wil­li­gen, in kei­ner Pha­se des Ver­fah­rens Doku­men­te oder Infor­ma­tio­nen offen zu legen, die er unter der Bedin­gung der Ver­trau­lich­keit und aus­schliess­lich zum Zweck der Erlan­gung neu­er Beweis­mit­tel erhält, sofern nicht der Infor­mant sein Ein­ver­ständ­nis erklärt, und
    6. die not­wen­di­gen Mass­nah­men zur Gewähr­leis­tung der Ver­trau­lich­keit von Infor­ma­tio­nen, des Schut­zes einer Per­son oder der Beweis­si­che­rung tref­fen oder ver­lan­gen, dass sie getrof­fen wer­den.

 

Art. 55 Rech­te der Per­so­nen wäh­rend der Ermitt­lun­gen[↑]

  1. Bei Ermitt­lun­gen auf Grund die­ses Sta­tuts
    1. darf eine Per­son nicht gezwun­gen wer­den, sich selbst zu belas­ten oder sich schul­dig zu beken­nen;
    2. darf eine Per­son nicht Zwang, Nöti­gung oder Dro­hung, Fol­ter oder einer ande­ren Form grau­sa­mer, unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung oder Stra­fe unter­wor­fen wer­den;
    3. wer­den einer Per­son, deren Ver­neh­mung in einer Spra­che erfolgt, die sie nicht voll­stän­dig ver­steht und spricht, unent­gelt­lich ein sach­kun­di­ger Dol­met­scher und die Über­set­zun­gen zur Ver­fü­gung gestellt, die erfor­der­lich sind, um dem Gebot der Fair­ness Genü­ge zu tun, und
    4. darf eine Per­son nicht will­kür­lich fest­ge­nom­men oder in Haft gehal­ten wer­den und darf einer Per­son die Frei­heit nur aus Grün­den und in Über­ein­stim­mung mit Ver­fah­ren ent­zo­gen wer­den, die in die­sem Sta­tut vor­ge­se­hen sind.
  2. Bestehen Ver­dachts­grün­de, dass eine Per­son ein der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­des Ver­bre­chen began­gen hat, und steht ihre Ver­neh­mung ent­we­der durch den Anklä­ger oder durch ein­zel­staat­li­che Behör­den ent­spre­chend einem Ersu­chen nach Teil 9 unmit­tel­bar bevor, so hat sie aus­ser­dem fol­gen­de Rech­te, über die sie vor der Ver­neh­mung zu beleh­ren ist:
    1. das Recht, vor der Ver­neh­mung dar­über belehrt zu wer­den, dass Ver­dachts­grün­de bestehen, wonach sie ein der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­des Ver­bre­chen began­gen hat;
    2. das Recht, zu schwei­gen, ohne dass die­ses Schwei­gen bei der Fest­stel­lung von Schuld oder Unschuld in Betracht gezo­gen wird;
    3. das Recht, sich durch einen Ver­tei­di­ger ihrer Wahl ver­tei­di­gen zu las­sen oder, falls sie kei­nen Ver­tei­di­ger hat, auf Bestel­lung eines Ver­tei­di­gers, wenn dies im Inter­es­se der Rechts­pfle­ge erfor­der­lich ist; feh­len ihr die Mit­tel zur Bezah­lung eines Ver­tei­di­gers, so ist ihr in einem sol­chen Fall ein Ver­tei­di­ger unent­gelt­lich zu bestel­len, und
    4. das Recht, in Anwe­sen­heit eines Rechts­bei­stands ver­nom­men zu wer­den, sofern sie nicht frei­wil­lig auf ihr Recht auf Rechts­bei­stand ver­zich­tet hat.

 

Art. 56 Rol­le der Vor­ver­fah­rens­kam­mer bei einer ein­ma­li­gen Gele­gen­heit zu Ermitt­lungs­mass­nah­men[↑]

    1. Ist der Anklä­ger der Auf­fas­sung, dass Ermitt­lun­gen eine ein­ma­li­ge Gele­gen­heit dar­stel­len, münd­li­che oder schrift­li­che Zeu­gen­aus­sa­gen zu erhal­ten oder Beweis­mit­tel zu prü­fen, zu sam­meln oder auf ihre Beweis­kraft zu unter­su­chen, die für die Zwe­cke einer Ver­hand­lung spä­ter mög­li­cher­wei­se nicht mehr ver­füg­bar sein wer­den, so unter­rich­tet er die Vor­ver­fah­rens­kam­mer dahin­ge­hend.
    2. In die­sem Fall kann die Vor­ver­fah­rens­kam­mer auf Antrag des Anklä­gers die not­wen­di­gen Mass­nah­men ergrei­fen, um die Wirk­sam­keit und Ord­nungs­mäs­sig­keit des Ver­fah­rens zu gewähr­leis­ten und ins­be­son­de­re die Rech­te der Ver­tei­di­gung zu wah­ren.
    3. Sofern die Vor­ver­fah­rens­kam­mer nichts ande­res anord­net, stellt der Anklä­ger der fest­ge­nom­me­nen oder der nach Ladung im Zusam­men­hang mit den unter Buch­sta­be a genann­ten Ermitt­lun­gen erschie­ne­nen Per­son die sach­dien­li­chen Infor­ma­tio­nen zur Ver­fü­gung, damit sie in der Ange­le­gen­heit gehört wer­den kann.
  1. Die in Absatz 1 Buch­sta­be b genann­ten Mass­nah­men kön­nen Fol­gen­des um fas­sen:
    1. die Abga­be von Emp­feh­lun­gen oder Anord­nun­gen betref­fend die anzu­wen­den­den Ver­fah­ren;
    2. die Anord­nung, ein Ver­fah­rens­pro­to­koll zu füh­ren;
    3. die Bestel­lung eines Sach­ver­stän­di­gen zur Unter­stüt­zung;
    4. die Ermäch­ti­gung des Rechts­bei­stands einer fest­ge­nom­me­nen oder einer nach Ladung vor dem Gerichts­hof erschie­ne­nen Per­son zur Teil­nah­me oder, falls eine Fest­nah­me noch nicht erfolgt ist, die Per­son noch nicht erschie­nen ist oder kein Rechts­bei­stand benannt wur­de, die Bestel­lung eines ande­ren Rechts­bei­stands, der die Inter­es­sen der Ver­tei­di­gung wahr­nimmt und ver­tritt;
    5. die Benen­nung eines ihrer Mit­glie­der oder erfor­der­li­chen­falls eines ande­ren ver­füg­ba­ren Rich­ters der Vor­ver­fah­rens­ab­tei­lung oder der Haupt­ver­fah­rens­ab­tei­lung, der hin­sicht­lich der Samm­lung und Siche­rung von Beweis­mit­teln und der Ver­neh­mung von Per­so­nen als Beob­ach­ter tätig wird und Emp­feh­lun­gen abgibt oder Anord­nun­gen erlässt;
    6. das Ergrei­fen etwai­ger ande­rer zur Samm­lung oder Siche­rung von Beweis­mit­teln erfor­der­li­cher Mass­nah­men.
    1. Hat der Anklä­ger kei­ne Mass­nah­men nach die­sem Arti­kel bean­tragt, ist die Vor­ver­fah­rens­kam­mer jedoch der Auf­fas­sung, dass es sol­cher Mass­nah­men bedarf, um Beweis­mit­tel zu sichern, die sie für die Ver­tei­di­gung im Haupt­ver­fah­ren als wesent­lich erach­tet, so kon­sul­tiert sie den Anklä­ger bezüg­lich der Fra­ge, ob er die­se Mass­nah­men aus gutem Grund nicht bean­tragt hat. Gelangt die Vor­ver­fah­rens­kam­mer auf Grund der Kon­sul­ta­ti­on zu dem Schluss, dass die Nicht­be­an­tra­gung die­ser Mass­nah­men durch den Anklä­ger nicht gerecht­fer­tigt ist, so kann die Vor­ver­fah­rens­kam­mer die­se Mass­nah­men aus eige­ner Initia­ti­ve ergrei­fen.
    2. Der Anklä­ger kann gegen die Ent­schei­dung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer, nach die­sem Absatz aus eige­ner Initia­ti­ve tätig zu wer­den, Beschwer­de ein­le­gen. Über die Beschwer­de wird beschleu­nigt ver­han­delt.
  2. Die Zuläs­sig­keit der nach die­sem Arti­kel für das Haupt­ver­fah­ren gesi­cher­ten oder gesam­mel­ten Beweis­mit­tel oder des dar­über auf­ge­nom­me­nen Pro­to­kolls rich­tet sich im Haupt­ver­fah­ren nach Arti­kel 69; die Beweis­wür­di­gung erfolgt durch die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer.

 

Art. 57 Auf­ga­ben und Befug­nis­se der Vor­ver­fah­rens­kam­mer[↑]

  1. Sofern in die­sem Sta­tut nichts ande­res bestimmt ist, nimmt die Vor­ver­fah­rens­kam­mer ihre Auf­ga­ben in Über­ein­stim­mung mit die­sem Arti­kel wahr.
    1. Von der Vor­ver­fah­rens­kam­mer erlas­se­ne Anord­nun­gen oder Ent­schei­dun­gen nach den Arti­keln 15, 18, 19, 54 Absatz 2, 61 Absatz 7 und 72 bedür­fen der Zustim­mung der Mehr­heit ihrer Rich­ter.
    2. In allen ande­ren Fäl­len kann ein ein­zel­ner Rich­ter der Vor­ver­fah­rens­kam­mer die in die­sem Sta­tut vor­ge­se­he­nen Auf­ga­ben wahr­neh­men, sofern in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung oder durch Stim­men­mehr­heit der Vor­ver­fah­rens­kam­mer nichts ande­res bestimmt wird.
  2. Neben ihren ande­ren Auf­ga­ben auf Grund die­ses Sta­tuts kann die Vor­ver­fah­rens­kam­mer
    1. auf Antrag des Anklä­gers die für die Zwe­cke der Ermitt­lun­gen erfor­der­li­chen Anord­nun­gen und Befeh­le erlas­sen;
    2. auf Antrag einer fest­ge­nom­me­nen oder einer auf Grund einer Ladung nach Arti­kel 58 erschie­ne­nen Per­son die not­wen­di­gen Anord­nun­gen erlas­sen, ein­schliess­lich der in Arti­kel 56 beschrie­be­nen Mass­nah­men, und sich um die not­wen­di­ge Zusam­men­ar­beit nach Teil 9 bemü­hen, um ihr bei der Vor­be­rei­tung ihrer Ver­tei­di­gung behilf­lich zu sein;
    3. erfor­der­li­chen­falls für den Schutz von Opfern und Zeu­gen und die Wah­rung ihrer Pri­vat­sphä­re, die Siche­rung von Beweis­mit­teln, den Schutz der fest­ge­nom­me­nen oder auf Grund einer Ladung erschie­ne­nen Per­so­nen sowie den Schutz von Infor­ma­tio­nen, wel­che die natio­na­le Sicher­heit betref­fen, Sor­ge tra­gen;
    4. den Anklä­ger ermäch­ti­gen, bestimm­te Ermitt­lungs­mass­nah­men im Hoheits­ge­biet eines Ver­trags­staats vor­zu­neh­men, ohne sich der Zusam­men­ar­beit die­ses Staa­tes nach Teil 9 ver­si­chert zu haben, wenn die Vor­ver­fah­rens­kam­mer, nach Mög­lich­keit unter Berück­sich­ti­gung der Auf­fas­sun­gen des betref­fen­den Staa­tes, in die­ser Sache ent­schie­den hat, dass der Staat ein­deu­tig nicht in der Lage ist, ein Ersu­chen um Zusam­men­ar­beit nach Teil 9 zu erle­di­gen, weil kei­ne zustän­di­ge Behör­de bezie­hungs­wei­se kein zustän­di­ger Teil sei­nes Jus­tiz­sys­tems für die Erle­di­gung eines sol­chen Ersu­chens zur Ver­fü­gung steht;
    5. die Staa­ten nach Arti­kel 93 Absatz 1 Buch­sta­be k um ihre Zusam­men­ar­beit im Hin­blick auf vor­sorg­li­che Mass­nah­men für die Zwe­cke der Ein­zie­hung ersu­chen, ins­be­son­de­re zum letzt­end­li­chen Nut­zen der Opfer, wenn nach Arti­kel 58 ein Haft­be­fehl oder eine Ladung ergan­gen ist und unter gebüh­ren­der Berück­sich­ti­gung der Beweis­kraft der Beweis­mit­tel und der Rech­te der betrof­fe­nen Par­tei­en, wie in die­sem Sta­tut und der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­hen.

 

Art. 58 Erlass eines Haft­be­fehls oder einer Ladung durch die Vor­ver­fah­rens­kam­mer[↑]

  1. Jeder­zeit nach Ein­lei­tung der Ermitt­lun­gen erlässt die Vor­ver­fah­rens­kam­mer auf Antrag des Anklä­gers einen Haft­be­fehl gegen eine Per­son, wenn sie nach Prü­fung des Antrags und der Beweis­mit­tel oder ande­rer vom Anklä­ger bei­ge­brach­ter Infor­ma­tio­nen zu der Über­zeu­gung gelangt ist,
    1. dass begrün­de­ter Ver­dacht besteht, dass die Per­son ein der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­des Ver­bre­chen began­gen hat, und
    2. dass die Fest­nah­me der Per­son not­wen­dig erscheint,
      1. um sicher­zu­stel­len, dass sie zur Ver­hand­lung erscheint,
      2. um sicher­zu­stel­len, dass sie die Ermitt­lun­gen oder das Gerichts­ver­fah­ren nicht behin­dert oder gefähr­det, oder
      3. um sie gege­be­nen­falls an der wei­te­ren Bege­hung die­ses Ver­bre­chens oder eines damit im Zusam­men­hang ste­hen­den, der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chens zu hin­dern, das sich aus den glei­chen Umstän­den ergibt.
  2. Der Antrag des Anklä­gers ent­hält
    1. den Namen der Per­son und alle ande­ren sach­dien­li­chen Anga­ben zu ihrer Iden­ti­fi­zie­rung,
    2. eine kon­kre­te Bezug­nah­me auf die der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chen, wel­che die Per­son began­gen haben soll,
    3. eine knap­pe Dar­stel­lung des Sach­ver­halts, der angeb­lich die Tat­be­stands­merk­ma­le die­ser Ver­bre­chen erfüllt,
    4. eine Zusam­men­fas­sung der Beweis­mit­tel sowie aller ande­ren Infor­ma­tio­nen, die den Ver­dacht begrün­den, dass die Per­son die­se Ver­bre­chen began­gen hat, und
    5. den Grund, aus dem der Anklä­ger die Fest­nah­me der Per­son für not­wen­dig hält.
  3. Der Haft­be­fehl ent­hält
    1. den Namen der Per­son und alle ande­ren sach­dien­li­chen Anga­ben zu ihrer Iden­ti­fi­zie­rung,
    2. eine kon­kre­te Bezug­nah­me auf die der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chen, derent­we­gen die Fest­nah­me der Per­son bean­tragt wird, und
    3. eine knap­pe Dar­stel­lung des Sach­ver­halts, der angeb­lich die Tat­be­stands­merk­ma­le die­ser Ver­bre­chen erfüllt.
  4. Der Haft­be­fehl bleibt bis zu einer anders lau­ten­den Anord­nung des Gerichts­hofs in Kraft.
  5. Auf der Grund­la­ge des Haft­be­fehls kann der Gerichts­hof um die vor­läu­fi­ge Fest­nah­me oder die Fest­nah­me und Über­stel­lung der Per­son nach Teil 9 ersu­chen.
  6. Der Anklä­ger kann bei der Vor­ver­fah­rens­kam­mer die Ände­rung des Haft­be­fehls durch Ände­rung der dar­in auf­ge­führ­ten Ver­bre­chen oder Auf­nah­me zusätz­li­cher Ver­bre­chen bean­tra­gen. Die Vor­ver­fah­rens­kam­mer ändert den Haft­be­fehl ent­spre­chend, wenn ihrer Über­zeu­gung nach begrün­de­ter Ver­dacht besteht, dass die Per­son die­se ande­ren oder zusätz­li­chen Ver­bre­chen began­gen hat.
  7. An Stel­le eines Haft­be­fehls kann der Anklä­ger bean­tra­gen, dass die Vor­ver­fah­rens­kam­mer die Per­son lädt. Besteht nach Über­zeu­gung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer begrün­de­ter Ver­dacht, dass die Per­son das ihr zur Last geleg­te Ver­bre­chen began­gen hat und dass eine Ladung aus­reicht, um ihr Erschei­nen vor dem Gerichts­hof sicher­zu­stel­len, so erlässt sie die Ladung, mit der frei­heits­be­schrän­ken­de Bedin­gun­gen (aus­ser Frei­heits­ent­zug) ver­knüpft sein kön­nen, wenn das ein­zel­staat­li­che Recht dies vor­sieht. Die Ladung ent­hält
    1. den Namen der Per­son und alle ande­ren sach­dien­li­chen Anga­ben zu ihrer Iden­ti­fi­zie­rung,
    2. den Ter­min, an dem die Per­son zu erschei­nen hat,
    3. eine kon­kre­te Bezug­nah­me auf die der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chen, wel­che die Per­son began­gen haben soll, und
    4. eine knap­pe Dar­stel­lung des Sach­ver­halts, der angeb­lich die Tat­be­stands­merk­ma­le des Ver­bre­chens erfüllt.

    Die Ladung ist der Per­son zuzu­stel­len.

 

Art. 59 Fest­nah­me­ver­fah­ren im Gewahr­sams­staat[↑]

  1. Ein Ver­trags­staat, dem ein Ersu­chen um vor­läu­fi­ge Fest­nah­me oder um Fest­nah­me und Über­stel­lung zuge­gan­gen ist, ergreift sofort Mass­nah­men zur Fest­nah­me der frag­li­chen Per­son in Über­ein­stim­mung mit sei­nen Rechts­vor­schrif­ten und mit Teil 9.
  2. Die fest­ge­nom­me­ne Per­son wird umge­hend der zustän­di­gen Jus­tiz­be­hör­de im Gewahr­sams­staat vor­ge­führt, die in Über­ein­stim­mung mit dem Recht die­ses Staa­tes fest­stellt, dass
    1. sich der Haft­be­fehl auf sie bezieht,
    2. sie ent­spre­chend einem ord­nungs­ge­mäs­sen Ver­fah­ren fest­ge­nom­men wur­de und
    3. ihre Rech­te geach­tet wur­den.
  3. Die fest­ge­nom­me­ne Per­son hat das Recht, bei der zustän­di­gen Behör­de im Gewahr­sams­staat die vor­läu­fi­ge Haft­ent­las­sung bis zur Über­stel­lung zu bean­tra­gen.
  4. Bei der Ent­schei­dung über einen sol­chen Antrag prüft die zustän­di­ge Behör­de im Gewahr­sams­staat, ob in Anbe­tracht der Schwe­re der angeb­li­chen Ver­bre­chen drin­gen­de und aus­ser­ge­wöhn­li­che Umstän­de vor­lie­gen, die eine vor­läu­fi­ge Haft­ent­las­sung recht­fer­ti­gen, und ob durch die not­wen­di­gen Sicher­heits­vor­keh­run­gen gewähr­leis­tet ist, dass der Gewahr­sams­staat sei­ne Pflicht zur Über­stel­lung der Per­son an den Gerichts­hof erfül­len kann. Der zustän­di­gen Behör­de des Gewahr­sams­staats steht es nicht frei, zu prü­fen, ob der Haft­be­fehl nach Arti­kel 58 Absatz 1 Buch­sta­ben a und b ord­nungs­ge­mäss erlas­sen wur­de.
  5. Die Vor­ver­fah­rens­kam­mer wird von jedem Antrag auf vor­läu­fi­ge Haft­ent­las­sung in Kennt­nis gesetzt und erteilt der zustän­di­gen Behör­de im Gewahr­sams­staat Emp­feh­lun­gen. Die­se zieht die Emp­feh­lun­gen, ein­schliess­lich etwai­ger Emp­feh­lun­gen betref­fend Mass­nah­men zur Ver­hü­tung der Flucht, voll­stän­dig in Betracht, bevor sie ihre Ent­schei­dung fällt.
  6. Wird der Per­son vor­läu­fi­ge Haft­ent­las­sung gewährt, so kann die Vor­ver­fah­rens­kam­mer hier­zu regel­mäs­si­ge Berich­te ver­lan­gen.
  7. Sobald eine Anord­nung auf Über­stel­lung der Per­son getrof­fen wur­de, ist die­se vom Gewahr­sams­staat so bald wie mög­lich an den Gerichts­hof zu über­stel­len.

 

Art. 60 Ein­lei­ten­de Ver­fah­rens­schrit­te vor dem Gerichts­hof[↑]

  1. Nach Über­stel­lung einer Per­son an den Gerichts­hof oder ihrem frei­wil­li­gen oder auf Grund einer Ladung erfolg­ten Erschei­nen vor dem Gerichts­hof über­zeugt sich die Vor­ver­fah­rens­kam­mer davon, dass die Per­son über die ihr zur Last geleg­ten Ver­bre­chen sowie über ihre Rech­te auf Grund die­ses Sta­tuts belehrt wor­den ist, ein­schliess­lich des Rechts, ihre vor­läu­fi­ge Haft­ent­las­sung bis zum Haupt­ver­fah­ren zu bean­tra­gen.
  2. Eine Per­son, gegen die ein Haft­be­fehl ergan­gen ist, kann ihre vor­läu­fi­ge Haft­ent­las­sung bis zum Haupt­ver­fah­ren bean­tra­gen. Lie­gen nach Über­zeu­gung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer die in Arti­kel 58 Absatz 1 genann­ten Vor­aus­set­zun­gen vor, so bleibt die Per­son wei­ter­hin in Haft. Andern­falls wird sie mit oder ohne Auf­la­gen auf frei­en Fuss gesetzt.
  3. Die Vor­ver­fah­rens­kam­mer über­prüft regel­mäs­sig ihre Ent­schei­dung über die Haft­ent­las­sung der Per­son oder die Auf­recht­erhal­tung der Haft; sie kann dies jeder­zeit auf Antrag des Anklä­gers oder der Per­son tun. Nach die­ser Über­prü­fung kann sie ihre Ent­schei­dung über die Auf­recht­erhal­tung der Haft, die Haft­ent­las­sung oder Auf­la­gen für die Haft­ent­las­sung ändern, wenn sie über­zeugt ist, dass ver­än­der­te Umstän­de dies erfor­dern.
  4. Die Vor­ver­fah­rens­kam­mer stellt sicher, dass eine Per­son nicht wegen unent­schuld­ba­rer Ver­zö­ge­run­gen sei­tens des Anklä­gers unan­ge­mes­sen lan­ge in Unter­su­chungs­haft gehal­ten wird. Tritt eine sol­che Ver­zö­ge­rung ein, so erwägt der Gerichts­hof die Haft­ent­las­sung der Per­son mit oder ohne Auf­la­gen.
  5. Bei Bedarf kann die Vor­ver­fah­rens­kam­mer einen Haft­be­fehl erlas­sen, um die Anwe­sen­heit einer auf frei­en Fuss gesetz­ten Per­son sicher­zu­stel­len.

 

Art. 61 Bestä­ti­gung der Ankla­ge vor dem Haupt­ver­fah­ren[↑]

  1. Vor­be­halt­lich des Absat­zes 2 hält die Vor­ver­fah­rens­kam­mer inner­halb einer ange­mes­se­nen Frist nach Über­stel­lung der Per­son oder ihrem frei­wil­li­gen Erschei­nen vor dem Gerichts­hof eine münd­li­che Ver­hand­lung ab, um die Ankla­ge­punk­te zu bestä­ti­gen, die der Anklä­ger zum Gegen­stand des Haupt­ver­fah­rens zu machen beab­sich­tigt. Die münd­li­che Ver­hand­lung fin­det in Anwe­sen­heit des Anklä­gers und des Ange­schul­dig­ten sowie sei­nes Rechts­bei­stands statt.
  2. Die Vor­ver­fah­rens­kam­mer kann auf Ersu­chen des Anklä­gers oder aus eige­ner Initia­ti­ve in Abwe­sen­heit des Ange­schul­dig­ten eine münd­li­che Ver­hand­lung abhal­ten, um die Ankla­ge­punk­te zu bestä­ti­gen, die der Anklä­ger zum Gegen­stand des Haupt­ver­fah­rens zu machen beab­sich­tigt, wenn der Ange­schul­dig­te
    1. auf sein Anwe­sen­heits­recht ver­zich­tet hat oder
    2. flüch­tig oder unauf­find­bar ist und alle ange­mes­se­nen Mass­nah­men ergrif­fen wor­den sind, um sein Erschei­nen vor dem Gerichts­hof sicher­zu­stel­len und ihn über die Ankla­ge­punk­te sowie über die bevor­ste­hen­de Ver­hand­lung betref­fend deren Bestä­ti­gung zu unter­rich­ten.

    In die­sem Fall wird der Ange­schul­dig­te durch einen Rechts­bei­stand ver­tre­ten, wenn die Vor­ver­fah­rens­kam­mer ent­schei­det, dass dies im Inter­es­se der Rechts­pfle­ge liegt.

  3. Inner­halb einer ange­mes­se­nen Frist vor der münd­li­chen Ver­hand­lung
    1. erhält der Ange­schul­dig­te eine Abschrift des Schrift­stücks, aus dem die Ankla­ge­punk­te her­vor­ge­hen, die der Anklä­ger zum Gegen­stand des Haupt­ver­fah­rens zu machen beab­sich­tigt, und
    2. wird der Ange­schul­dig­te von den Beweis­mit­teln in Kennt­nis gesetzt, auf die sich der Anklä­ger bei der münd­li­chen Ver­hand­lung zu stüt­zen beab­sich­tigt.

    Die Vor­ver­fah­rens­kam­mer kann die Offen­le­gung von Infor­ma­tio­nen für die Zwe­cke der Ver­hand­lung anord­nen.

  4. Vor der münd­li­chen Ver­hand­lung kann der Anklä­ger die Ermitt­lun­gen fort­set­zen, und er kann Ankla­ge­punk­te ändern oder zurück­neh­men. Der Ange­schul­dig­te wird unter Wah­rung einer ange­mes­se­nen Frist vor der münd­li­chen Ver­hand­lung von der Ände­rung oder Rück­nah­me von Ankla­ge­punk­ten in Kennt­nis gesetzt. Wer­den Ankla­ge­punk­te zurück­ge­nom­men, so teilt der Anklä­ger der Vor­ver­fah­rens­kam­mer die Grün­de dafür mit.
  5. Bei der münd­li­chen Ver­hand­lung belegt der Anklä­ger jeden Ankla­ge­punkt durch aus­rei­chen­de Bewei­se, um den drin­gen­den Ver­dacht zu begrün­den, dass der Ange­schul­dig­te das ihm zur Last geleg­te Ver­bre­chen began­gen hat. Der Anklä­ger kann sich auf schrift­li­che oder sum­ma­ri­sche Bewei­se stüt­zen und ist nicht gehal­ten, die Zeu­gen auf­zu­ru­fen, deren Aus­sa­ge bei dem Ver­fah­ren erwar­tet wird.
  6. Bei der Ver­hand­lung kann der Ange­schul­dig­te
    1. Ein­wen­dun­gen gegen die Ankla­ge­punk­te vor­brin­gen,
    2. die vom Anklä­ger bei­ge­brach­ten Beweis­mit­tel anfech­ten und
    3. Beweis­mit­tel bei­brin­gen.
  7. Die Vor­ver­fah­rens­kam­mer stellt auf der Grund­la­ge der münd­li­chen Ver­hand­lung fest, ob aus­rei­chen­de Bewei­se für den drin­gen­den Ver­dacht vor­lie­gen, dass der Ange­schul­dig­te jedes der ihm zur Last geleg­ten Ver­bre­chen began­gen hat. Auf der Grund­la­ge ihrer Fest­stel­lun­gen
    1. bestä­tigt die Vor­ver­fah­rens­kam­mer die­je­ni­gen Ankla­ge­punk­te, bezüg­lich deren sie ent­schie­den hat, dass aus­rei­chen­de Bewei­se vor­lie­gen, und weist den Ange­schul­dig­ten einer Haupt­ver­fah­rens­kam­mer zu, die das Haupt­ver­fah­ren hin­sicht­lich der bestä­tig­ten Ankla­ge­punk­te durch­führt;
    2. lehnt die Vor­ver­fah­rens­kam­mer die Bestä­ti­gung der­je­ni­gen Ankla­ge­punk­te ab, bezüg­lich deren sie ent­schie­den hat, dass kei­ne aus­rei­chen­den Bewei­se vor­lie­gen;
    3. ver­tagt die Vor­ver­fah­rens­kam­mer die münd­li­che Ver­hand­lung und ersucht den Anklä­ger zu erwä­gen,
      1. zu einem bestimm­ten Ankla­ge­punkt wei­te­re Beweis­mit­tel bei­zu­brin­gen oder wei­te­re Ermitt­lun­gen durch­zu­füh­ren oder
      2. einen Ankla­ge­punkt zu ändern, weil die bei­ge­brach­ten Beweis­mit­tel den Nach­weis für die Bege­hung eines ande­ren der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chens zu erbrin­gen schei­nen.
  8. Lehnt die Vor­ver­fah­rens­kam­mer die Bestä­ti­gung eines Ankla­ge­punkts ab, so schliesst dies nicht aus, dass der Anklä­ger spä­ter des­sen Bestä­ti­gung auf Grund zusätz­li­cher Beweis­mit­tel bean­tragt.
  9. Nach Bestä­ti­gung der Ankla­ge­punk­te und vor Beginn der Haupt­ver­hand­lung kann der Anklä­ger mit Geneh­mi­gung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer und nach Benach­rich­ti­gung des Ange­klag­ten die Ankla­ge­punk­te ändern. Beab­sich­tigt der Anklä­ger, wei­te­re Ankla­ge­punk­te hin­zu­zu­fü­gen oder bestehen­de Ankla­ge­punk­te durch schwe­rer wie­gen­de zu erset­zen, so muss zu deren Bestä­ti­gung eine münd­li­che Ver­hand­lung nach die­sem Arti­kel statt­fin­den. Nach Beginn der Haupt­ver­hand­lung kann der Anklä­ger mit Geneh­mi­gung der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer die Ankla­ge­punk­te zurück­neh­men.
  10. Jeder zuvor ergan­ge­ne Befehl tritt bezüg­lich aller Ankla­ge­punk­te aus­ser Kraft, die von der Vor­ver­fah­rens­kam­mer nicht bestä­tigt oder vom Anklä­ger zurück­ge­nom­men wor­den sind.
  11. Nach Bestä­ti­gung der Ankla­ge­punk­te in Über­ein­stim­mung mit die­sem Arti­kel setzt das Prä­si­di­um eine Haupt­ver­fah­rens­kam­mer ein, die vor­be­halt­lich des Absat­zes 9 und des Arti­kels 64 Absatz 4 für die Durch­füh­rung des anschlies­sen­den Ver­fah­rens zustän­dig ist und jede Auf­ga­be der Vor­ver­fah­rens­kam­mer wahr­neh­men kann, die in die­sem Ver­fah­ren von Belang ist und zur Anwen­dung kom­men kann.

 

Teil 6: Haupt­ver­fah­ren[↑]

Art. 62 Ort des Haupt­ver­fah­rens[↑]

Sofern nichts ande­res beschlos­sen wird, fin­det das Haupt­ver­fah­ren am Sitz des Gerichts­hofs statt.

 

Art. 63 Ver­hand­lung in Anwe­sen­heit des Ange­klag­ten[↑]

  1. Der Ange­klag­te hat wäh­rend der Ver­hand­lung anwe­send zu sein.
  2. Stört der vor dem Gerichts­hof anwe­sen­de Ange­klag­te wie­der­holt den Ver­lauf der Ver­hand­lung, so kann die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer ihn ent­fer­nen las­sen und sorgt dann dafür, dass er von aus­ser­halb des Gerichts­saals die Ver­hand­lung ver­fol­gen und sei­nem Rechts­bei­stand Wei­sun­gen ertei­len kann, bei Bedarf mit Hil­fe von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie. Die­se Mass­nah­men wer­den nur in Aus­nah­me­fäl­len, nach­dem sich ande­re ver­tret­ba­re Alter­na­ti­ven als unzu­läng­lich erwie­sen haben, und nur für die unbe­dingt not­wen­di­ge Dau­er getrof­fen.

 

Art. 64 Auf­ga­ben und Befug­nis­se der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer[↑]

  1. Die in die­sem Arti­kel genann­ten Auf­ga­ben und Befug­nis­se der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer wer­den in Über­ein­stim­mung mit die­sem Sta­tut sowie der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung wahr­ge­nom­men.
  2. Die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer stellt sicher, dass das Haupt­ver­fah­ren fair und zügig ver­läuft und unter vol­ler Beach­tung der Rech­te des Ange­klag­ten und gebüh­ren­der Berück­sich­ti­gung des Schut­zes der Opfer und Zeu­gen geführt wird.
  3. Die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer, der in Über­ein­stim­mung mit die­sem Sta­tut eine Sache für das Haupt­ver­fah­ren zuge­wie­sen wor­den ist,
    1. berät sich mit den Par­tei­en und beschliesst die Ver­fah­ren, die erfor­der­lich sind, um eine fai­re und zügi­ge Durch­füh­rung des Haupt­ver­fah­rens zu gewähr­leis­ten,
    2. bestimmt die im Haupt­ver­fah­ren zu ver­wen­den­de Spra­che oder zu ver­wen­den­den Spra­chen und
    3. sorgt vor­be­halt­lich ande­rer ein­schlä­gi­ger Bestim­mun­gen die­ses Sta­tuts recht­zei­tig vor Beginn der Ver­hand­lung für die Offen­le­gung zuvor nicht offen geleg­ter Schrift­stü­cke oder Infor­ma­tio­nen, damit eine hin­rei­chen­de Vor­be­rei­tung auf die Ver­hand­lung mög­lich ist.
  4. Soweit dies für ihre wirk­sa­me und fai­re Arbeits­wei­se erfor­der­lich ist, kann die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer Vor­fra­gen an die Vor­ver­fah­rens­kam­mer oder, im Bedarfs­fall, an einen ande­ren ver­füg­ba­ren Rich­ter in der Vor­ver­fah­rens­ab­tei­lung ver­wei­sen.
  5. Nach Benach­rich­ti­gung der Par­tei­en kann die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer gege­be­nen­falls ver­fü­gen, dass Ver­hand­lun­gen über Ankla­gen, die gegen meh­re­re Ange­klag­te erho­ben wor­den sind, ver­bun­den oder getrennt wer­den.
  6. In Wahr­neh­mung ihrer Auf­ga­ben vor oder wäh­rend der Haupt­ver­hand­lung kann die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer, soweit erfor­der­lich,
    1. alle in Arti­kel 61 Absatz 11 genann­ten Auf­ga­ben der Vor­ver­fah­rens­kam­mer wahr­neh­men;
    2. die Anwe­sen­heit und Aus­sa­ge von Zeu­gen und die Bei­brin­gung von Schrift­stü­cken und ande­ren Beweis­mit­teln ver­lan­gen, soweit not­wen­dig mit Hil­fe der Staa­ten, wie in die­sem Sta­tut vor­ge­se­hen;
    3. für den Schutz ver­trau­li­cher Infor­ma­tio­nen sor­gen;
    4. die Bei­brin­gung von Beweis­mit­teln zusätz­lich zu den von den Par­tei­en bereits vor dem Haupt­ver­fah­ren gesam­mel­ten oder wäh­rend des Haupt­ver­fah­rens vor­ge­leg­ten Beweis­mit­teln anord­nen;
    5. für den Schutz des Ange­klag­ten, der Zeu­gen und der Opfer sor­gen;
    6. alle sons­ti­gen Ange­le­gen­hei­ten ent­schei­den, die von Belang sind.
  7. Die Ver­hand­lung ist öffent­lich. Die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer kann jedoch fest­stel­len, dass auf Grund beson­de­rer Umstän­de bestimm­te Tei­le der Ver­hand­lung für die in Arti­kel 68 genann­ten Zwe­cke oder zum Schutz ver­trau­li­cher oder schutz­wür­di­ger Infor­ma­tio­nen, die im Zuge der Beweis­er­he­bung vor­ge­legt wer­den, unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit statt­fin­den müs­sen.
    1. Zu Beginn der Ver­hand­lung lässt die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer dem Ange­klag­ten die zuvor von der Vor­ver­fah­rens­kam­mer bestä­tig­te Ankla­ge vor­le­sen. Die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer über­zeugt sich davon, dass der Ange­klag­te die Art der gegen ihn erho­be­nen Ankla­ge ver­steht. Sie gibt ihm Gele­gen­heit, ein Geständ­nis in Über­ein­stim­mung mit Arti­kel 65 abzu­le­gen oder sich für nicht schul­dig zu erklä­ren.
    2. In der Ver­hand­lung kann der vor­sit­zen­de Rich­ter pro­zess­lei­ten­de Ver­fü­gun­gen erlas­sen, ins­be­son­de­re auch, um die fai­re und unpar­tei­ische Füh­rung des Ver­fah­rens sicher­zu­stel­len. Vor­be­halt­lich etwai­ger Ver­fü­gun­gen des vor­sit­zen­den Rich­ters kön­nen die Par­tei­en in Über­ein­stim­mung mit die­sem Sta­tut Beweis­mit­tel vor­le­gen.
  8. Die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer ist unter ande­rem befugt, auf Antrag einer Par­tei oder aus eige­ner Initia­ti­ve
    1. über die Zuläs­sig­keit bezie­hungs­wei­se Erheb­lich­keit von Beweis­mit­teln zu ent­schei­den und
    2. alle erfor­der­li­chen Mass­nah­men zur Auf­recht­erhal­tung der Ord­nung wäh­rend der Ver­hand­lung zu tref­fen.
  9. Die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer stellt sicher, dass ein voll­stän­di­ges Ver­hand­lungs­pro­to­koll, wel­ches das Ver­fah­ren kor­rekt wie­der­gibt, erstellt und vom Kanz­ler geführt und auf­be­wahrt wird.

 

Art. 65 Ver­fah­ren nach einem Geständ­nis[↑]

  1. Legt der Ange­klag­te ein Geständ­nis nach Arti­kel 64 Absatz 8 Buch­sta­be a ab, so stellt die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer fest, ob
    1. der Ange­klag­te die Art und die Fol­gen des Geständ­nis­ses ver­steht,
    2. das Geständ­nis vom Ange­klag­ten nach hin­rei­chen­der Bera­tung mit sei­nem Ver­tei­di­ger frei­wil­lig abge­legt wird und
    3. das Geständ­nis durch die Tat­sa­chen unter­mau­ert wird, die her­vor­ge­hen aus
      1. den vom Anklä­ger erho­be­nen Ankla­ge­punk­ten, die der Ange­klag­te zugibt,
      2. allen vom Anklä­ger vor­ge­leg­ten Unter­la­gen, wel­che die Ankla­ge erhär­ten und die der Ange­klag­te aner­kennt, und
      3. allen sons­ti­gen Beweis­mit­teln, bei­spiels­wei­se Zeu­gen­aus­sa­gen, die vom Anklä­ger oder vom Ange­klag­ten bei­ge­bracht wer­den.
  2. Ist die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer davon über­zeugt, dass die in Absatz 1 genann­ten Umstän­de erwie­sen sind, so erach­tet sie den gesam­ten Tat­be­stand des Ver­bre­chens, auf das sich das Geständ­nis bezieht, als durch das Geständ­nis und etwai­ge zusätz­lich bei­ge­brach­te Beweis­mit­tel erwie­sen; sie kann den Ange­klag­ten wegen die­ses Ver­bre­chens ver­ur­tei­len.
  3. Ist die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer nicht davon über­zeugt, dass die in Absatz 1 genann­ten Umstän­de erwie­sen sind, so erach­tet sie das Geständ­nis als nicht abge­legt; in die­sem Fall ord­net sie die Fort­set­zung des Haupt­ver­fah­rens nach dem in die­sem Sta­tut vor­ge­se­he­nen gewöhn­li­chen Ver­fah­ren an; sie kann die Sache an eine ande­re Haupt­ver­fah­rens­kam­mer ver­wei­sen.
  4. Ist die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer der Auf­fas­sung, dass im Inter­es­se der Gerech­tig­keit, ins­be­son­de­re im Inter­es­se der Opfer, eine voll­stän­di­ge­re Tat­sa­chen­dar­stel­lung erfor­der­lich ist, so kann die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer
    1. den Anklä­ger ersu­chen, zusätz­li­che Beweis­mit­tel, ein­schliess­lich Zeu­gen­aus­sa­gen, bei­zu­brin­gen, oder
    2. die Fort­set­zung des Haupt­ver­fah­rens nach dem in die­sem Sta­tut vor­ge­se­he­nen gewöhn­li­chen Ver­fah­ren anord­nen; in die­sem Fall erach­tet sie das Geständ­nis als nicht abge­legt; sie kann die Sache an eine ande­re Haupt­ver­fah­rens­kam­mer ver­wei­sen.
  5. Erör­te­run­gen zwi­schen dem Anklä­ger und der Ver­tei­di­gung in Bezug auf eine Ände­rung der Ankla­ge­punk­te, das Geständ­nis oder die zu ver­hän­gen­de Stra­fe sind für den Gerichts­hof nicht bin­dend.

 

Art. 66 Unschulds­ver­mu­tung[↑]

  1. Jeder gilt als unschul­dig, solan­ge sei­ne Schuld nicht in Über­ein­stim­mung mit dem anwend­ba­ren Recht vor dem Gerichts­hof nach­ge­wie­sen ist.
  2. Die Beweis­last für die Schuld des Ange­klag­ten liegt beim Anklä­ger.
  3. Für eine Ver­ur­tei­lung des Ange­klag­ten muss der Gerichts­hof von der Schuld des Ange­klag­ten so über­zeugt sein, dass kein ver­nünf­ti­ger Zwei­fel besteht.

 

Art. 67 Rech­te des Ange­klag­ten[↑]

  1. Der Ange­klag­te hat Anspruch dar­auf, dass über die gegen ihn erho­be­ne Ankla­ge öffent­lich nach Mass­ga­be die­ses Sta­tuts und in bil­li­ger Wei­se unpar­tei­isch ver­han­delt wird; aus­ser­dem hat er in glei­cher Wei­se Anspruch auf fol­gen­de Min­dest­ga­ran­ti­en:
    1. Er ist unver­züg­lich und im Ein­zel­nen in einer Spra­che, die er voll­stän­dig ver­steht und spricht, über Art, Grund und Inhalt der gegen ihn erho­be­nen Ankla­ge zu unter­rich­ten,
    2. er muss hin­rei­chend Zeit und Gele­gen­heit zur Vor­be­rei­tung sei­ner Ver­tei­di­gung und zum frei­en und ver­trau­li­chen Ver­kehr mit einem Ver­tei­di­ger sei­ner Wahl haben,
    3. es muss ohne unan­ge­mes­se­ne Ver­zö­ge­rung ein Urteil gegen ihn erge­hen,
    4. vor­be­halt­lich des Arti­kels 63 Absatz 2 muss er bei der Ver­hand­lung anwe­send sein und sich selbst ver­tei­di­gen dür­fen oder durch einen Ver­tei­di­ger sei­ner Wahl ver­tei­di­gen las­sen; falls er kei­nen Ver­tei­di­ger hat, ist er über das Recht, einen Ver­tei­di­ger in Anspruch zu neh­men, zu unter­rich­ten; ihm ist vom Gerichts­hof ein Ver­tei­di­ger bei­zu­ord­nen, wenn dies im Inter­es­se der Rechts­pfle­ge erfor­der­lich ist, und zwar unent­gelt­lich, wenn ihm die Mit­tel zur Bezah­lung eines Ver­tei­di­gers feh­len,
    5. er darf Fra­gen an die Belas­tungs­zeu­gen stel­len oder stel­len las­sen und das Erschei­nen und die Ver­neh­mung der Ent­las­tungs­zeu­gen unter den für die Belas­tungs­zeu­gen gel­ten­den Bedin­gun­gen erwir­ken. Er darf auch Grün­de, wel­che die Straf­bar­keit aus­schlies­sen, gel­tend machen und sons­ti­ge auf Grund die­ses Sta­tuts zuläs­si­ge Beweis­mit­tel bei­brin­gen,
    6. er kann die unent­gelt­li­che Bei­zie­hung eines sach­kun­di­gen Dol­met­schers und die Über­set­zun­gen ver­lan­gen, die erfor­der­lich sind, um dem Gebot der Fair­ness Genü­ge zu tun, wenn Tei­le des Ver­fah­rens oder dem Gerichts­hof vor­ge­leg­te Schrift­stü­cke nicht in einer Spra­che gehal­ten sind, die der Ange­klag­te voll­stän­dig ver­steht und spricht,
    7. er darf nicht gezwun­gen wer­den, gegen sich selbst als Zeu­ge aus­zu­sa­gen oder sich schul­dig zu beken­nen, und er darf schwei­gen, ohne dass sein Schwei­gen bei der Fest­stel­lung von Schuld oder Unschuld in Betracht gezo­gen wird,
    8. er kann eine unbe­ei­dig­te münd­li­che oder schrift­li­che Erklä­rung zu sei­ner Ver­tei­di­gung abge­ben, und
    9. es darf ihm weder eine Umkehr der Beweis­last noch eine Wider­le­gungs­pflicht auf­er­legt wer­den.
  2. Neben ande­ren in die­sem Sta­tut vor­ge­se­he­nen Offen­le­gun­gen legt der Anklä­ger, so bald wie mög­lich, der Ver­tei­di­gung die in sei­nem Besitz oder sei­ner Ver­fü­gungs­ge­walt befind­li­chen Beweis­mit­tel offen, die sei­ner Über­zeu­gung nach die Unschuld des Ange­klag­ten bewei­sen oder zu bewei­sen geeig­net sind, des­sen Schuld mil­dern oder die Glaub­wür­dig­keit der vom Anklä­ger bei­ge­brach­ten Beweis­mit­tel beein­träch­ti­gen kön­nen. Bei Zwei­feln hin­sicht­lich der Anwen­dung die­ses Absat­zes ent­schei­det der Gerichts­hof.

 

Art. 68 Schutz der Opfer und Zeu­gen und ihre Teil­nah­me am Ver­fah­ren[↑]

  1. Der Gerichts­hof trifft geeig­ne­te Mass­nah­men zum Schutz der Sicher­heit, des kör­per­li­chen und see­li­schen Woh­les, der Wür­de und der Pri­vat­sphä­re der Opfer und Zeu­gen. Dabei zieht der Gerichts­hof alle mass­geb­li­chen Umstän­de in Betracht, nament­lich Alter, Geschlecht im Sin­ne des Arti­kels 7 Absatz 3 und Gesund­heits­zu­stand sowie die Art des Ver­bre­chens, ins­be­son­de­re, jedoch nicht aus­schliess­lich, soweit es mit sexu­el­ler oder geschlechts­spe­zi­fi­scher Gewalt oder Gewalt gegen Kin­der zusam­men­hängt. Der Anklä­ger trifft die­se Mass­nah­men ins­be­son­de­re wäh­rend der Ermitt­lun­gen und der Straf­ver­fol­gung sol­cher Ver­bre­chen. Die­se Mass­nah­men dür­fen die Rech­te des Ange­klag­ten sowie die Fair­ness und Unpar­tei­lich­keit des Ver­fah­rens nicht beein­träch­ti­gen oder damit unver­ein­bar sein.
  2. Als Aus­nah­me vom Grund­satz der öffent­li­chen Ver­hand­lung nach Arti­kel 67 kön­nen die Kam­mern des Gerichts­hofs zum Schutz der Opfer und Zeu­gen oder des Ange­klag­ten einen Teil des Ver­fah­rens unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit füh­ren oder die Vor­la­ge von Bewei­sen mit­tels elek­tro­ni­scher oder sons­ti­ger beson­de­rer Mit­tel gestat­ten. Die­se Mass­nah­men wer­den ins­be­son­de­re im Fall eines Opfers sexu­el­ler Gewalt oder eines Kin­des getrof­fen, das Opfer oder Zeu­ge ist, es sei denn, der Gerichts­hof ord­net unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de, ins­be­son­de­re der Auf­fas­sun­gen der Opfer oder Zeu­gen, etwas ande­res an.
  3. Sind die per­sön­li­chen Inter­es­sen der Opfer betrof­fen, so gestat­tet der Gerichts­hof, dass ihre Auf­fas­sun­gen und Anlie­gen in von ihm für geeig­net befun­de­nen Ver­fah­rens­ab­schnit­ten in einer Wei­se vor­ge­tra­gen und behan­delt wer­den, wel­che die Rech­te des Ange­klag­ten sowie die Fair­ness und Unpar­tei­lich­keit des Ver­fah­rens nicht beein­träch­tigt oder damit unver­ein­bar ist. Die­se Auf­fas­sun­gen und Anlie­gen kön­nen in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung von den gesetz­li­chen Ver­tre­tern der Opfer vor­ge­tra­gen wer­den, wenn der Gerichts­hof dies für ange­bracht hält.
  4. Die Abtei­lung für Opfer und Zeu­gen kann den Anklä­ger und den Gerichts­hof im Hin­blick auf ange­mes­se­ne Schutz­mass­nah­men, Sicher­heits­vor­keh­run­gen, Bera­tung und Hil­fe nach Arti­kel 43 Absatz 6 bera­ten.
  5. Kann die Offen­le­gung von Beweis­mit­teln oder Infor­ma­tio­nen auf Grund die­ses Sta­tuts zu einer erns­ten Gefähr­dung der Sicher­heit eines Zeu­gen oder sei­ner Fami­lie füh­ren, so kann der Anklä­ger die­se für die Zwe­cke jedes vor Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens geführ­ten Ver­fah­rens zurück­hal­ten und statt­des­sen eine Zusam­men­fas­sung vor­le­gen. Die­se Mass­nah­men müs­sen in einer Wei­se ange­wen­det wer­den, wel­che die Rech­te des Ange­klag­ten sowie die Fair­ness und Unpar­tei­lich­keit des Ver­fah­rens nicht beein­träch­tigt oder damit unver­ein­bar ist.
  6. Ein Staat kann dar­um ersu­chen, dass die not­wen­di­gen Mass­nah­men zum Schutz sei­ner Bediens­te­ten oder Ver­tre­ter sowie ver­trau­li­cher oder schutz­wür­di­ger Infor­ma­tio­nen getrof­fen wer­den.

 

Art. 69 Beweis­mit­tel[↑]

  1. Vor sei­ner Aus­sa­ge ver­pflich­tet sich jeder Zeu­ge in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung, in sei­nem Zeug­nis die Wahr­heit zu sagen.
  2. Ein Zeu­ge muss für sein Zeug­nis in der Ver­hand­lung per­sön­lich erschei­nen, vor­be­halt­lich der in Arti­kel 68 oder in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­he­nen Mass­nah­men. Der Gerichts­hof kann auch nach Mass­ga­be die­ses Sta­tuts und in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung das mit Hil­fe der Video- oder Audio­tech­nik direkt über­tra­ge­ne (münd­li­che) oder auf­ge­zeich­ne­te Zeug­nis eines Zeu­gen sowie die Vor­la­ge von Schrift­stü­cken oder schrift­li­chen Wort­pro­to­kol­len gestat­ten. Die­se Mass­nah­men dür­fen die Rech­te des Ange­klag­ten nicht beein­träch­ti­gen oder mit ihnen unver­ein­bar sein.
  3. Die Par­tei­en kön­nen in Über­ein­stim­mung mit Arti­kel 64 die Beweis­mit­tel bei­brin­gen, die für die Sache erheb­lich sind. Der Gerichts­hof ist befugt, die Bei­brin­gung sämt­li­cher Beweis­mit­tel zu ver­lan­gen, die er für die Wahr­heits­fin­dung für erfor­der­lich hält.
  4. Der Gerichts­hof kann in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung über die Erheb­lich­keit oder Zuläs­sig­keit jedes Beweis­mit­tels ent­schei­den, wobei er unter ande­rem die Beweis­kraft des Beweis­mit­tels und alle Nach­tei­le in Betracht zieht, die sich für ein fai­res Ver­fah­ren oder für eine fai­re Bewer­tung des Zeug­nis­ses eines Zeu­gen mög­li­cher­wei­se dar­aus erge­ben.
  5. Der Gerichts­hof ach­tet und wahrt die in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­he­nen Rech­te in Bezug auf Ver­trau­lich­keit.
  6. Der Gerichts­hof ver­langt nicht den Nach­weis all­ge­mein bekann­ter Tat­sa­chen, kann sie jedoch als offen­kun­dig aner­ken­nen.
  7. Beweis­mit­tel, die durch Ver­let­zung die­ses Sta­tuts oder inter­na­tio­nal aner­kann­ter Men­schen­rech­te erlangt wur­den, sind nicht zuläs­sig, wenn
    1. die Ver­let­zung erheb­li­che Zwei­fel an ihrer Glaub­wür­dig­keit ent­ste­hen lässt oder
    2. ihre Zulas­sung im grund­sätz­li­chen Wider­spruch zur Ord­nungs­mäs­sig­keit des Ver­fah­rens ste­hen und die­ser schwe­ren Scha­den zufü­gen wür­de.
  8. Bei der Ent­schei­dung über die Erheb­lich­keit oder Zuläs­sig­keit der von einem Staat gesam­mel­ten Beweis­mit­tel ent­schei­det der Gerichts­hof nicht über die Anwen­dung der Rechts­vor­schrif­ten die­ses Staa­tes.

 

Art. 70 Straf­ta­ten gegen die Rechts­pfle­ge[↑]

  1. Der Gerichts­hof hat Gerichts­bar­keit über fol­gen­de Straf­ta­ten gegen sei­ne Rechts­pfle­ge, wenn die­se vor­sätz­lich ver­übt wer­den:
    1. Falsch­aus­sa­ge, wenn nach Arti­kel 69 Absatz 1 die Ver­pflich­tung bestand, die Wahr­heit zu sagen;
    2. Vor­la­ge von Beweis­mit­teln, von denen die Par­tei weiss, dass sie falsch, ge- oder ver­fälscht sind;
    3. Beein­flus­sung eines Zeu­gen durch Vor­teils­ge­wäh­rung, Behin­de­rung oder Stö­rung des Erschei­nens oder des Zeug­nis­ses eines Zeu­gen, Ver­gel­tungs­mass­nah­men gegen einen Zeu­gen wegen sei­nes Zeug­nis­ses, Ver­nich­tung oder Fäl­schung von Beweis­mit­teln oder Stö­rung der Beweis­auf­nah­me;
    4. Behin­de­rung oder Ein­schüch­te­rung eines Bediens­te­ten des Gerichts­hofs oder Beein­flus­sung des­sel­ben durch Vor­teils­ge­wäh­rung mit dem Ziel, ihn zu zwin­gen oder zu ver­an­las­sen, sei­ne Pflich­ten gar nicht oder nicht ord­nungs­ge­mäss wahr­zu­neh­men;
    5. Ver­gel­tungs­mass­nah­men gegen einen Bediens­te­ten des Gerichts­hofs wegen von ihm oder einem ande­ren Bediens­te­ten wahr­ge­nom­me­ner Pflich­ten;
    6. For­de­rung oder Annah­me einer Bestechung durch einen Bediens­te­ten des Gerichts­hofs im Zusam­men­hang mit sei­nen Dienst­pflich­ten.
  2. Der Gerichts­hof übt sei­ne Gerichts­bar­keit über Straf­ta­ten nach die­sem Arti­kel ent­spre­chend den in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­he­nen Grund­sät­zen und Ver­fah­ren aus. Die Bedin­gun­gen, unter denen dem Gerichts­hof inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit im Hin­blick auf sei­ne Ver­fah­ren nach die­sem Arti­kel gewährt wird, rich­ten sich nach dem inner­staat­li­chen Recht des ersuch­ten Staa­tes.
  3. Im Fall einer Ver­ur­tei­lung kann der Gerichts­hof eine Frei­heits­stra­fe von höchs­tens fünf Jah­ren oder eine Geld­stra­fe in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung oder bei­des ver­hän­gen.
    1. Jeder Ver­trags­staat dehnt sei­ne Straf­ge­set­ze, durch die Straf­ta­ten gegen sei­ne eige­nen Ermitt­lungs- oder Gerichts­ver­fah­ren unter Stra­fe gestellt wer­den, auf die in die­sem Arti­kel genann­ten Straf­ta­ten gegen die Rechts­pfle­ge aus, die in sei­nem Hoheits­ge­biet oder von einem sei­ner Staats­an­ge­hö­ri­gen began­gen wer­den.
    2. Auf Ersu­chen des Gerichts­hofs, wenn er dies für ange­bracht hält, unter­brei­tet der Ver­trags­staat die Sache sei­nen zustän­di­gen Behör­den zwecks Straf­ver­fol­gung. Die­se Behör­den behan­deln die­se Sachen mit Sorg­falt und stel­len aus­rei­chen­de Mit­tel zu deren wirk­sa­mer Abwick­lung bereit.

 

Art. 71 Straf­mass­nah­men wegen ord­nungs­wid­ri­gen Ver­hal­tens vor Gericht[↑]

  1. Der Gerichts­hof kann vor ihm anwe­sen­de Per­so­nen, die sich ord­nungs­wid­rig ver­hal­ten, etwa durch Stö­rung sei­nes Ver­fah­rens oder vor­sätz­li­che Wei­ge­rung, sei­ne Anord­nun­gen zu befol­gen, durch Ord­nungs­mit­tel wie vor­über­ge­hen­de oder dau­ern­de Ent­fer­nung aus dem Gerichts­saal, Geld­stra­fe oder ande­re ähn­li­che in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­he­ne Mass­nah­men, nicht jedoch durch Frei­heits­stra­fe, bestra­fen.
  2. Die in Absatz 1 ent­hal­te­nen Mass­nah­men wer­den nach den in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­he­nen Ver­fah­ren ver­hängt.

 

Art. 72 Schutz von Infor­ma­tio­nen betref­fend die natio­na­le Sicher­heit[↑]

  1. Die­ser Arti­kel fin­det in jedem Fall Anwen­dung, in dem die Offen­le­gung von Infor­ma­tio­nen oder Schrift­stü­cken eines Staa­tes nach des­sen Auf­fas­sung sei­ne natio­na­len Sicher­heits­in­ter­es­sen beein­träch­ti­gen wür­de. Dazu gehö­ren die Fäl­le, die in den Gel­tungs­be­reich des Arti­kels 56 Absät­ze 2 und 3, des Arti­kels 61 Absatz 3, des Arti­kels 64 Absatz 3, des Arti­kels 67 Absatz 2, des Arti­kels 68 Absatz 6, des Arti­kels 87 Absatz 6 und des Arti­kels 93 fal­len, sowie die Fäl­le, die in einem sons­ti­gen Ver­fah­rens­ab­schnitt auf­tre­ten, in dem sich die Fra­ge einer sol­chen Offen­le­gung stel­len kann.
  2. Die­ser Arti­kel fin­det auch Anwen­dung, wenn eine Per­son, die zur Bei­brin­gung von Infor­ma­tio­nen oder Beweis­mit­teln auf­ge­for­dert wur­de, die­se ver­wei­gert oder die Ange­le­gen­heit aus dem Grund an den Staat ver­wie­sen hat, dass eine Offen­le­gung die natio­na­len Sicher­heits­in­ter­es­sen die­ses Staa­tes beein­träch­ti­gen wür­de, und der betref­fen­de Staat bestä­tigt, dass eine Offen­le­gung sei­ner Auf­fas­sung nach sei­ne natio­na­len Sicher­heits­in­ter­es­sen beein­träch­ti­gen wür­de.
  3. Die­ser Arti­kel lässt die Erfor­der­nis­se der Ver­trau­lich­keit nach Arti­kel 54 Absatz 3 Buch­sta­ben e und f und die Anwen­dung des Arti­kels 73 unbe­rührt.
  4. Erfährt ein Staat, dass Infor­ma­tio­nen oder Unter­la­gen die­ses Staa­tes in irgend­ei­nem Abschnitt des Ver­fah­rens offen gelegt wer­den oder wahr­schein­lich offen gelegt wer­den sol­len, und ist er der Auf­fas­sung, dass die Offen­le­gung sei­ne natio­na­len Sicher­heits­in­ter­es­sen beein­träch­ti­gen wür­de, so hat er das Recht, dem Ver­fah­ren bei­zu­tre­ten, um eine Rege­lung die­ser Fra­ge in Über­ein­stim­mung mit die­sem Arti­kel her­bei­zu­füh­ren.
  5. Wür­de die Offen­le­gung von Infor­ma­tio­nen nach Auf­fas­sung eines Staa­tes des­sen natio­na­le Sicher­heits­in­ter­es­sen beein­träch­ti­gen, so unter­nimmt die­ser Staat alle ange­mes­se­nen Schrit­te, um gemein­sam mit dem Anklä­ger, der Ver­tei­di­gung oder der Vor­ver­fah­rens­kam­mer bezie­hungs­wei­se der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer zu ver­su­chen, die Ange­le­gen­heit auf dem Weg der Zusam­men­ar­beit zu regeln. Dabei kann es sich ins­be­son­de­re um fol­gen­de Schrit­te han­deln:
    1. Ände­rung oder Klar­stel­lung des Ersu­chens,
    2. eine Ent­schei­dung des Gerichts­hofs über die Erheb­lich­keit der ver­lang­ten Infor­ma­tio­nen oder Beweis­mit­tel oder eine Ent­schei­dung, ob die Beweis­mit­tel, obzwar erheb­lich, nicht von einer ande­ren Stel­le als dem ersuch­ten Staat erlangt wer­den könn­ten oder wur­den,
    3. Erlan­gung der Infor­ma­tio­nen oder Beweis­mit­tel von einer ande­ren Stel­le oder in ande­rer Form oder
    4. Eini­gung über die Bedin­gun­gen, unter denen die ver­lang­te Hil­fe gewährt wer­den könn­te, so unter ande­rem durch die Bei­brin­gung von Zusam­men­fas­sun­gen oder redi­gier­ten Text­fas­sun­gen, Beschrän­kung der Offen­le­gung, Ver­fah­ren unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit oder der Gegen­par­tei oder sons­ti­ge auf Grund des Sta­tuts und der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung zuläs­si­ge Schutz­mass­nah­men.
  6. Wur­den alle ange­mes­se­nen Schrit­te unter­nom­men, um die Ange­le­gen­heit auf dem Weg der Zusam­men­ar­beit zu regeln, und gibt es nach Auf­fas­sung des Staa­tes kei­ne Mög­lich­kei­ten oder Vor­aus­set­zun­gen für die Bereit­stel­lung oder Offen­le­gung der Infor­ma­tio­nen oder Unter­la­gen, ohne dass sei­ne natio­na­len Sicher­heits­in­ter­es­sen beein­träch­tigt wer­den, so teilt er dem Anklä­ger oder dem Gerichts­hof die kon­kre­ten Grün­de für sei­ne Ent­schei­dung mit, sofern nicht die kon­kre­te Dar­le­gung der Grün­de selbst zwangs­läu­fig zu einer Beein­träch­ti­gung der natio­na­len Sicher­heits­in­ter­es­sen die­ses Staa­tes füh­ren wür­de.
  7. Danach kann der Gerichts­hof, sofern er ent­schei­det, dass die Beweis­mit­tel erheb­lich und für den Nach­weis der Schuld oder Unschuld des Ange­klag­ten erfor­der­lich sind, fol­gen­de Mass­nah­men ergrei­fen:
    1. Wird die Offen­le­gung der Infor­ma­tio­nen oder der Unter­la­ge auf Grund eines Ersu­chens um Zusam­men­ar­beit nach Teil 9 oder unter den in Absatz 2 beschrie­be­nen Umstän­den ver­langt und hat der Staat den in Arti­kel 93 Absatz 4 genann­ten Ableh­nungs­grund gel­tend gemacht, so kann der Gerichts­hof,
      1. bevor er zu einem in Absatz 7 Buch­sta­be a Zif­fer ii genann­ten Schluss gelangt, um wei­te­re Kon­sul­ta­tio­nen zur Prü­fung der Dar­le­gun­gen des Staa­tes ersu­chen, wozu gege­be­nen­falls auch Ver­hand­lun­gen unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit und der Gegen­par­tei gehö­ren kön­nen,
      2. wenn er zu dem Schluss gelangt, dass der ersuch­te Staat durch Gel­tend­ma­chung des Ableh­nungs­grunds nach Arti­kel 93 Absatz 4 unter den gege­be­nen Umstän­den nicht in Über­ein­stim­mung mit sei­nen Ver­pflich­tun­gen aus dem Sta­tut han­delt, die Ange­le­gen­heit unter Anga­be der Grün­de für sei­nen Schluss in Über­ein­stim­mung mit Arti­kel 87 Absatz 7 ver­wei­sen und
      3. im Ver­fah­ren gegen den Ange­klag­ten hin­sicht­lich des Erwie­sen­seins oder Nicht­er­wie­sen­seins einer Tat­sa­che die Schlüs­se zie­hen, die unter den Umstän­den ange­bracht erschei­nen, oder
    2. unter allen ande­ren Umstän­den
      1. die Offen­le­gung anord­nen oder,
      2. soweit er die Offen­le­gung nicht anord­net, im Ver­fah­ren gegen den Ange­klag­ten hin­sicht­lich des Erwie­sen­seins oder Nicht­er­wie­sen­seins einer Tat­sa­che die Schlüs­se zie­hen, die unter den Umstän­den ange­bracht erschei­nen.

 

Art. 73 Infor­ma­tio­nen oder Unter­la­gen von Drit­ten[↑]

Wird ein Ver­trags­staat vom Gerichts­hof ersucht, Unter­la­gen oder Infor­ma­tio­nen zur Ver­fü­gung zu stel­len, die sich in sei­nem Gewahr­sam, in sei­nem Besitz oder unter sei­ner Ver­fü­gungs­ge­walt befin­den und die ihm von einem Staat, einer zwi­schen­staat­li­chen oder inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on unter dem Vor­be­halt der Ver­trau­lich­keit offen gelegt wor­den sind, so ersucht er den Urhe­ber um sei­ne Zustim­mung zu deren Offen­le­gung. Ist der Urhe­ber ein Ver­trags­staat, so gibt er ent­we­der die Zustim­mung zur Offen­le­gung der Infor­ma­tio­nen oder Unter­la­gen oder ver­pflich­tet sich, vor­be­halt­lich des Arti­kels 72 die Fra­ge der Offen­le­gung mit dem Gerichts­hof zu regeln. Ist der Urhe­ber kein Ver­trags­staat und ver­wei­gert er die Zustim­mung zur Offen­le­gung, so teilt der ersuch­te Staat dem Gerichts­hof mit, dass er wegen einer gegen­über dem Urhe­ber zuvor ein­ge­gan­ge­nen Ver­pflich­tung zur Geheim­hal­tung nicht in der Lage ist, die Unter­la­gen oder Infor­ma­tio­nen zur Ver­fü­gung zu stel­len.

 

Art. 74 Anfor­de­run­gen an das Urteil[↑]

  1. Alle Rich­ter der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer sind in jeder Pha­se der Ver­hand­lung und wäh­rend der gesam­ten Dau­er ihrer Bera­tun­gen anwe­send. Das Prä­si­di­um kann fall­wei­se, soweit ver­füg­bar, einen oder meh­re­re Ersatz­rich­ter bestim­men, die der Ver­hand­lung in jeder Pha­se bei­woh­nen und an die Stel­le eines Mit­glieds der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer tre­ten, wenn die­ses nicht in der Lage ist, wei­ter anwe­send zu sein.
  2. Das Urteil der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer grün­det sich auf ihre Beweis­wür­di­gung und das gesam­te Ver­fah­ren. Das Urteil darf nicht über die in der Ankla­ge dar­ge­stell­ten Tat­sa­chen und Umstän­de und etwai­ge Ände­run­gen der Ankla­ge hin­aus­ge­hen. Der Gerichts­hof darf sei­nem Urteil ledig­lich die Beweis­mit­tel zu Grun­de legen, die wäh­rend der Ver­hand­lung bei­ge­bracht und vor ihm erör­tert wur­den.
  3. Die Rich­ter bemü­hen sich, ihr Urteil ein­stim­mig zu fäl­len; gelingt dies nicht, so ergeht das Urteil durch die Mehr­heit der Rich­ter.
  4. Die Bera­tun­gen der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer blei­ben geheim.
  5. Das Urteil ergeht schrift­lich und ent­hält eine voll­stän­di­ge und begrün­de­te Dar­stel­lung der Ergeb­nis­se der Beweis­wür­di­gung und der Schluss­fol­ge­run­gen der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer. Die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer erlässt ein ein­heit­li­ches Urteil. Besteht kei­ne Ein­stim­mig­keit, so ent­hält das Urteil der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer die Auf­fas­sun­gen der Mehr­heit und die der Min­der­heit. Das Urteil oder eine Zusam­men­fas­sung des Urteils wird in öffent­li­cher Sit­zung ver­kün­det.

 

Art. 75 Wie­der­gut­ma­chung für die Opfer[↑]

  1. Der Gerichts­hof stellt Grund­sät­ze für die Wie­der­gut­ma­chung auf, die an oder in Bezug auf die Opfer zu leis­ten ist, ein­schliess­lich Rück­erstat­tung, Ent­schä­di­gung und Reha­bi­li­tie­rung. Auf die­ser Grund­la­ge kann der Gerichts­hof in sei­ner Ent­schei­dung ent­we­der auf Antrag oder unter aus­ser­ge­wöhn­li­chen Umstän­den aus eige­ner Initia­ti­ve den Umfang und das Aus­mass des Scha­dens, Ver­lus­tes oder Nach­teils fest­stel­len, der den Opfern oder in Bezug auf die Opfer ent­stan­den ist, wobei er die Grund­sät­ze nennt, auf Grund deren er tätig wird.
  2. Der Gerichts­hof kann eine Anord­nung unmit­tel­bar gegen den Ver­ur­teil­ten erlas­sen, in der er die den Opfern oder in Bezug auf die Opfer zu leis­ten­de ange­mes­se­ne Wie­der­gut­ma­chung, wie Rück­erstat­tung, Ent­schä­di­gung und Reha­bi­li­tie­rung, im Ein­zel­nen festlegt.Gegebenenfalls kann der Gerichts­hof anord­nen, dass die zuer­kann­te Wie­der­gut­ma­chung über den in Arti­kel 79 vor­ge­se­he­nen Treu­hand­fonds erfolgt.
  3. Vor Erlass einer Anord­nung nach die­sem Arti­kel kann der Gerichts­hof zu Ein­ga­ben sei­tens oder zu Guns­ten des Ver­ur­teil­ten, der Opfer, ande­rer inter­es­sier­ter Per­so­nen oder inter­es­sier­ter Staa­ten auf­for­dern, die er berück­sich­tigt.
  4. In Wahr­neh­mung sei­ner Befug­nis nach die­sem Arti­kel kann der Gerichts­hof, nach­dem eine Per­son wegen eines der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chens ver­ur­teilt wor­den ist, ent­schei­den, ob es not­wen­dig ist, Mass­nah­men nach Arti­kel 93 Absatz 1 tref­fen zu las­sen, um eine von ihm nach dem vor­lie­gen­den Arti­kel erlas­se­ne Anord­nung in Kraft zu set­zen.
  5. Ein Ver­trags­staat setzt eine nach die­sem Arti­kel ergan­ge­ne Ent­schei­dung in Kraft, als fän­de Arti­kel 109 auf die­sen Arti­kel Anwen­dung.
  6. Die­ser Arti­kel ist nicht so aus­zu­le­gen, als beein­träch­ti­ge er die Rech­te der Opfer nach ein­zel­staat­li­chem Recht oder nach dem Völ­ker­recht.

 

Art. 76 Straf­spruch[↑]

  1. Im Fall einer Ver­ur­tei­lung prüft die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer die zu ver­hän­gen­de ange­mes­se­ne Stra­fe und berück­sich­tigt dabei die wäh­rend der Ver­hand­lung bei­ge­brach­ten Beweis­mit­tel und die Anträ­ge, die für den Straf­spruch von Bedeu­tung sind.
  2. Sofern nicht Arti­kel 65 Anwen­dung fin­det und vor Abschluss der Ver­hand­lung kann die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer aus eige­ner Initia­ti­ve bezie­hungs­wei­se muss sie auf Antrag des Anklä­gers oder des Ange­klag­ten in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung eine wei­te­re münd­li­che Ver­hand­lung abhal­ten, um zusätz­li­che Beweis­mit­tel oder Anträ­ge ent­ge­gen­zu­neh­men, die für den Straf­spruch von Bedeu­tung sind.
  3. Fin­det Absatz 2 Anwen­dung, so wer­den Ein­ga­ben nach Arti­kel 75 bei der in Absatz 2 genann­ten wei­te­ren münd­li­chen Ver­hand­lung und erfor­der­li­chen­falls bei jeder zusätz­li­chen münd­li­chen Ver­hand­lung ent­ge­gen­ge­nom­men.
  4. Die Stra­fe wird in öffent­li­cher Sit­zung und soweit mög­lich in Anwe­sen­heit des Ange­klag­ten ver­kün­det.

 

Teil 7: Stra­fen[↑]

Art. 77 Anwend­ba­re Stra­fen[↑]

  1. Vor­be­halt­lich des Arti­kels 110 kann der Gerichts­hof über eine Per­son, die wegen eines in Arti­kel 5 die­ses Sta­tuts genann­ten Ver­bre­chens ver­ur­teilt wor­den ist, eine der fol­gen­den Stra­fen ver­hän­gen:
    1. eine zeit­lich begrenz­te Frei­heits­stra­fe bis zu einer Höchst­dau­er von 30 Jah­ren;
    2. eine lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe, wenn dies durch die aus­ser­ge­wöhn­li­che Schwe­re des Ver­bre­chens und die per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se des Ver­ur­teil­ten gerecht­fer­tigt ist.
  2. Neben der Frei­heits­stra­fe kann der Gerichts­hof Fol­gen­des anord­nen:
    1. eine Geld­stra­fe nach den in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung ent­hal­te­nen Kri­te­ri­en;
    2. die Ein­zie­hung des Erlö­ses, des Eigen­tums und der Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de, die unmit­tel­bar oder mit­tel­bar aus die­sem Ver­bre­chen stam­men, unbe­scha­det der Rech­te gut­gläu­bi­ger Drit­ter.

 

Art. 78 Fest­set­zung der Stra­fe[↑]

  1. Bei der Fest­set­zung der Stra­fe berück­sich­tigt der Gerichts­hof in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung Fak­to­ren wie die Schwe­re des Ver­bre­chens und die per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se des Ver­ur­teil­ten.
  2. Bei der Ver­hän­gung einer Frei­heits­stra­fe rech­net der Gerichts­hof die auf Grund sei­ner Anord­nung zuvor in Haft ver­brach­te Zeit an. Der Gerichts­hof kann alle sonst im Zusam­men­hang mit dem Ver­hal­ten, das dem Ver­bre­chen zu Grun­de liegt, in Haft ver­brach­ten Zei­ten anrech­nen.
  3. Ist eine Per­son mehr als eines Ver­bre­chens für schul­dig befun­den wor­den, so ver­hängt der Gerichts­hof eine Stra­fe für jedes Ver­bre­chen und eine Gesamt­stra­fe unter Anga­be der Gesamt­län­ge der Frei­heits­stra­fe. Die­se darf nicht kür­zer sein als die höchs­te ver­häng­te Ein­zel­stra­fe; sie darf 30 Jah­re Frei­heits­ent­zug oder eine lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe ent­spre­chend Arti­kel 77 Absatz 1 Buch­sta­be b nicht über­schrei­ten.

 

Art. 79 Treu­hand­fonds[↑]

  1. Auf Beschluss der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten wird zu Guns­ten der Opfer von Ver­bre­chen, die der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen, und der Ange­hö­ri­gen der Opfer ein Treu­hand­fonds errich­tet.
  2. Der Gerichts­hof kann anord­nen, dass durch Geld­stra­fen oder Ein­zie­hung erlang­te Gel­der und sons­ti­ges Eigen­tum auf Anord­nung des Gerichts­hofs an den Treu­hand­fonds über­wie­sen wer­den.
  3. Der Treu­hand­fonds wird nach Kri­te­ri­en ver­wal­tet, die von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten fest­zu­le­gen sind.

 

Art. 80 Unbe­rührt­heit der ein­zel­staat­li­chen Anwen­dung von Stra­fen und ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten[↑]

Die­ser Teil lässt die Anwen­dung der in den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten vor­ge­se­he­nen Stra­fen durch die Staa­ten eben­so unbe­rührt wie die Rechts­vor­schrif­ten von Staa­ten, wel­che die in die­sem Teil vor­ge­se­he­nen Stra­fen nicht ken­nen.

 

Teil 8: Beru­fung und Wie­der­auf­nah­me[↑]

Art. 81 Beru­fung gegen Frei- oder Schuld­spruch oder gegen den Straf­spruch[↑]

  1. Gegen ein Urteil nach Arti­kel 74 kann in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung wie folgt Beru­fung ein­ge­legt wer­den:
    1. Der Anklä­ger kann aus einem der fol­gen­den Grün­de Beru­fung ein­le­gen:
      1. Ver­fah­rens­feh­ler,
      2. feh­ler­haf­te Tat­sa­chen­fest­stel­lung oder
      3. feh­ler­haf­te Rechts­an­wen­dung.
    2. Der Ver­ur­teil­te oder zu sei­nen Guns­ten der Anklä­ger kann aus einem der fol­gen­den Grün­de Beru­fung ein­le­gen:
      1. Ver­fah­rens­feh­ler,
      2. feh­ler­haf­te Tat­sa­chen­fest­stel­lung,
      3. feh­ler­haf­te Rechts­an­wen­dung oder
      4. jeder ande­re Grund, der die Fair­ness oder Ver­läss­lich­keit des Ver­fah­rens oder des Urteils beein­träch­tigt.
    1. Gegen den Straf­spruch kann der Anklä­ger oder der Ver­ur­teil­te in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung wegen der Unver­hält­nis­mäs­sig­keit zwi­schen Ver­bre­chen und Straf­mass Beru­fung ein­le­gen.
    2. Gelangt der Gerichts­hof aus Anlass einer Beru­fung gegen den Straf­spruch zu der Auf­fas­sung, dass Grün­de für eine voll­stän­di­ge oder teil­wei­se Auf­he­bung des Schuld­spruchs vor­lie­gen, so kann er den Anklä­ger und den Ver­ur­teil­ten auf­for­dern, Grün­de nach Absatz 1 Buch­sta­be a oder b vor­zu­brin­gen; er kann in Über­ein­stim­mung mit Arti­kel 83 eine Ent­schei­dung über den Schuld­spruch fäl­len.
    3. Das glei­che Ver­fah­ren fin­det Anwen­dung, wenn der Gerichts­hof aus Anlass einer allein gegen den Schuld­spruch gerich­te­ten Beru­fung zu der Auf­fas­sung gelangt, dass Grün­de für die Her­ab­set­zung des Straf­mas­ses nach Absatz 2 Buch­sta­be a vor­lie­gen.
    1. Soweit die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer nichts ande­res anord­net, bleibt ein Ver­ur­teil­ter wäh­rend des Beru­fungs­ver­fah­rens in Haft.
    2. Über­schrei­tet die Haft­zeit eines Ver­ur­teil­ten die ver­häng­te Frei­heits­stra­fe, so wird er frei­ge­las­sen; hat indes­sen der Anklä­ger eben­falls Beru­fung ein­ge­legt, so kann die Haft­ent­las­sung nach Mass­ga­be der unter Buch­sta­be c genann­ten Bedin­gun­gen erfol­gen.
    3. Im Fall eines Frei­spruchs wird der Ange­klag­te vor­be­halt­lich der fol­gen­den Bestim­mun­gen sofort frei­ge­las­sen:
      1. unter aus­ser­ge­wöhn­li­chen Umstän­den und mit Rück­sicht unter ande­rem auf die kon­kre­te Flucht­ge­fahr, die Schwe­re der zur Last geleg­ten Straf­tat und die Wahr­schein­lich­keit eines erfolg­rei­chen Aus­gangs der Beru­fung kann die Haupt­ver­fah­rens­kam­mer auf Antrag des Anklä­gers den Frei­ge­spro­che­nen wäh­rend des Beru­fungs­ver­fah­rens wei­ter­hin in Haft hal­ten;
      2. gegen eine Ent­schei­dung der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer nach Buch­sta­be c Zif­fer i kann in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung Beschwer­de ein­ge­legt wer­den.
  2. Vor­be­halt­lich des Absat­zes 3 Buch­sta­ben a und b wird die Voll­stre­ckung des Urteils bezie­hungs­wei­se der Stra­fe wäh­rend der zuläs­si­gen Beru­fungs­frist und für die Dau­er des Beru­fungs­ver­fah­rens aus­ge­setzt.

 

Art. 82 Beschwer­de gegen sons­ti­ge Ent­schei­dun­gen[↑]

  1. Jede der Par­tei­en kann in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung gegen jede der nach­ste­hen­den Ent­schei­dun­gen Beschwer­de ein­le­gen:
    1. eine Ent­schei­dung betref­fend die Gerichts­bar­keit oder Zuläs­sig­keit;
    2. eine Ent­schei­dung, mit der die Haft­ent­las­sung der Per­son, gegen die sich die Ermitt­lun­gen oder die Straf­ver­fol­gung rich­ten, gewährt bezie­hungs­wei­se abge­lehnt wird;
    3. eine Ent­schei­dung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer, nach Arti­kel 56 Absatz 3 aus eige­ner Initia­ti­ve tätig zu wer­den;
    4. eine Ent­schei­dung betref­fend eine Fra­ge, wel­che die fai­re und zügi­ge Durch­füh­rung des Ver­fah­rens oder das Ergeb­nis des Haupt­ver­fah­rens mass­geb­lich beein­flus­sen wür­de und deren sofor­ti­ge Rege­lung durch die Beru­fungs­kam­mer das Ver­fah­ren nach Auf­fas­sung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer oder der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer wesent­lich vor­an­brin­gen kann.
  2. Gegen eine Ent­schei­dung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer nach Arti­kel 57 Absatz 3 Buch­sta­be d kann der betrof­fe­ne Staat bezie­hungs­wei­se der Anklä­ger mit Zustim­mung der Vor­ver­fah­rens­kam­mer Beschwer­de ein­le­gen. Über die Beschwer­de wird beschleu­nigt ver­han­delt.
  3. Eine Beschwer­de hat nur dann auf­schie­ben­de Wir­kung, wenn die Beru­fungs­kam­mer dies auf ent­spre­chen­den Antrag in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung anord­net.
  4. Der gesetz­li­che Ver­tre­ter der Opfer, der Ver­ur­teil­te oder ein gut­gläu­bi­ger Eigen­tü­mer von Ver­mö­gens­ge­gen­stän­den, auf die sich eine Anord­nung nach Arti­kel 75 nach­tei­lig aus­wirkt, kann ent­spre­chend der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung gegen die Anord­nung zur Leis­tung von Wie­der­gut­ma­chung Beschwer­de ein­le­gen.

 

Art. 83 Beru­fungs­ver­fah­ren[↑]

  1. Für die Zwe­cke eines Ver­fah­rens nach Arti­kel 81 und die­sem Arti­kel ver­fügt die Beru­fungs­kam­mer über alle Befug­nis­se der Haupt­ver­fah­rens­kam­mer.
  2. Befin­det die Beru­fungs­kam­mer, dass es dem Ver­fah­ren, gegen das Beru­fung ein­ge­legt wur­de, in einer Wei­se an Fair­ness man­gel­te, dass die Ver­läss­lich­keit des Urteils oder des Straf­spruchs beein­träch­tigt wur­de, oder dass das Urteil oder der Straf­spruch, gegen die Beru­fung ein­ge­legt wur­de, durch feh­ler­haf­te Tat­sa­chen­fest­stel­lung, feh­ler­haf­te Rechts­an­wen­dung oder Ver­fah­rens­feh­ler wesent­lich beein­träch­tigt wur­de, so kann sie
    1. das Urteil oder den Straf­spruch auf­he­ben oder abän­dern oder
    2. eine neue Ver­hand­lung vor einer ande­ren Haupt­ver­fah­rens­kam­mer anord­nen.

    Zu die­sem Zweck kann die Beru­fungs­kam­mer eine Tat­sa­chen­fra­ge an die ursprüng­li­che Haupt­ver­fah­rens­kam­mer zur Ent­schei­dung und ent­spre­chen­den Bericht­erstat­tung zurück­ver­wei­sen, oder sie kann selbst Beweis erhe­ben, um die Fra­ge zu ent­schei­den. Wenn nur der Ver­ur­teil­te oder zu sei­nen Guns­ten der Anklä­ger Beru­fung gegen das Urteil oder den Straf­spruch ein­ge­legt hat, kann das Urteil oder der Straf­spruch nicht zum Nach­teil des Ver­ur­teil­ten abge­än­dert wer­den.

  3. Stellt die Beru­fungs­kam­mer bei einer Beru­fung gegen den Straf­spruch fest, dass das Straf­mass in kei­nem Ver­hält­nis zum Ver­bre­chen steht, so kann sie das Straf­mass in Über­ein­stim­mung mit Teil 7 abän­dern.
  4. Das Urteil der Beru­fungs­kam­mer ergeht mit der Stim­men­mehr­heit der Rich­ter; es wird in öffent­li­cher Sit­zung ver­kün­det. Das Urteil ent­hält eine Urteils­be­grün­dung. Besteht kei­ne Ein­stim­mig­keit, so ent­hält das Urteil die Auf­fas­sun­gen der Mehr­heit und die der Min­der­heit, doch kön­nen die Rich­ter auch per­sön­li­che oder abwei­chen­de Mei­nun­gen zu Rechts­fra­gen abge­ben.
  5. Die Beru­fungs­kam­mer kann ihr Urteil in Abwe­sen­heit des Frei­ge­spro­che­nen oder des Ver­ur­teil­ten ver­kün­den.

 

Art. 84 Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens hin­sicht­lich des Schuld­spruchs oder des Straf­spruchs[↑]

  1. Der Ver­ur­teil­te oder nach sei­nem Tod sein Ehe­part­ner, sei­ne Kin­der, Eltern oder eine zum Zeit­punkt des Todes des Ver­ur­teil­ten leben­de Per­son, die vom Ver­ur­teil­ten aus­drück­lich schrift­li­che Anwei­sun­gen erhal­ten hat, einen sol­chen Antrag zu stel­len, oder zu Guns­ten des Ver­ur­teil­ten der Anklä­ger kön­nen bei der Beru­fungs­kam­mer einen Antrag auf Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens hin­sicht­lich des rechts­kräf­ti­gen Schuld­spruchs oder Straf­spruchs stel­len mit der Begrün­dung, dass
    1. neue Beweis­mit­tel bekannt gewor­den sind, die
      1. zum Zeit­punkt der Ver­hand­lung nicht vor­la­gen, ohne dass dies ganz oder teil­wei­se der antrag­stel­len­den Par­tei zuzu­schrei­ben war, und
      2. so wich­tig sind, dass sie wahr­schein­lich zu einem ande­ren Urteil geführt hät­ten, wenn sie wäh­rend der Ver­hand­lung ent­spre­chend gewür­digt wor­den wären;
    2. erst jetzt ent­deckt wur­de, dass ent­schei­den­de Beweis­mit­tel, die bei der Ver­hand­lung berück­sich­tigt wur­den und auf denen der Schuld­spruch beruht, falsch sind, ge- oder ver­fälscht wur­den;
    3. ein oder meh­re­re an dem Schuld­spruch oder der Bestä­ti­gung der Ankla­ge betei­lig­te Rich­ter in die­ser Sache eine so schwe­re Ver­feh­lung oder Amts­pflicht­ver­let­zung began­gen haben, dass ihre Amts­ent­he­bung nach Arti­kel 46 gerecht­fer­tigt ist.
  2. Die Beru­fungs­kam­mer ver­wirft den Wie­der­auf­nah­me­an­trag, wenn sie ihn für unbe­grün­det hält. Erach­tet sie den Antrag als begrün­det, so kann sie je nach Sach­la­ge
    1. die ursprüng­li­che Haupt­ver­fah­rens­kam­mer wie­der ein­be­ru­fen;
    2. eine neue Haupt­ver­fah­rens­kam­mer bil­den oder
    3. selbst die Zustän­dig­keit für die Ange­le­gen­heit behal­ten,

    mit dem Ziel, nach Anhö­rung der Par­tei­en in einer der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung ent­spre­chen­den Wei­se zu ent­schei­den, ob das Urteil revi­diert wer­den soll.

 

Art. 85 Ent­schä­di­gung an Fest­ge­nom­me­ne oder Ver­ur­teil­te[↑]

  1. Jeder, der unrecht­mäs­sig fest­ge­nom­men oder in Haft gehal­ten wor­den ist, hat einen Anspruch auf Ent­schä­di­gung.
  2. Ist jemand wegen einer straf­ba­ren Hand­lung rechts­kräf­tig ver­ur­teilt und ist das Urteil spä­ter auf­ge­ho­ben wor­den, weil eine neue oder neu bekannt gewor­de­ne Tat­sa­che schlüs­sig beweist, dass ein Fehl­ur­teil vor­lag, so ist der­je­ni­ge, der auf Grund eines sol­chen Urteils eine Stra­fe ver­büsst hat, nach recht­li­chen Vor­schrif­ten zu ent­schä­di­gen, sofern nicht nach­ge­wie­sen wird, dass das nicht recht­zei­ti­ge Bekannt wer­den der betref­fen­den Tat­sa­che ganz oder teil­wei­se ihm zuzu­schrei­ben ist.
  3. Unter aus­ser­ge­wöhn­li­chen Umstän­den kann der Gerichts­hof, wenn er schlüs­si­ge Tat­sa­chen fest­stellt, aus denen her­vor­geht, dass es zu einem schwer wie­gen­den und offen­kun­di­gen Fehl­ur­teil gekom­men ist, nach eige­nem Ermes­sen in Über­ein­stim­mung mit den in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­he­nen Kri­te­ri­en einer Per­son Ent­schä­di­gung zuer­ken­nen, die nach einem rechts­kräf­ti­gen Frei­spruch oder einer aus die­sem Grund erfolg­ten Ver­fah­rens­ein­stel­lung aus der Haft ent­las­sen wor­den ist.

 

Teil 9: Inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit und Rechts­hil­fe[↑]

Art. 86 All­ge­mei­ne Ver­pflich­tung zur Zusam­men­ar­beit[↑]

Die Ver­trags­staa­ten arbei­ten nach Mass­ga­be die­ses Sta­tuts bei den Ermitt­lun­gen in Bezug auf Ver­bre­chen, die der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen, und bei deren straf­recht­li­cher Ver­fol­gung unein­ge­schränkt mit dem Gerichts­hof zusam­men.

 

Art. 87 Ersu­chen um Zusam­men­ar­beit: All­ge­mei­ne Bestim­mun­gen[↑]

    1. Der Gerichts­hof ist befugt, die Ver­trags­staa­ten um Zusam­men­ar­beit zu ersu­chen. Die­se Ersu­chen wer­den auf diplo­ma­ti­schem oder jedem sons­ti­gen geeig­ne­ten Weg über­mit­telt, den die Ver­trags­staa­ten bei der Rati­fi­ka­ti­on, Annah­me oder Geneh­mi­gung des Sta­tuts oder dem Bei­tritt dazu fest­le­gen.
      Spä­te­re Ände­run­gen der Fest­le­gung wer­den von jedem Ver­trags­staat in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­nom­men.
    2. Gege­be­nen­falls kön­nen unbe­scha­det des Buch­sta­bens a die Ersu­chen auch über die Inter­na­tio­na­le Kri­mi­nal­po­li­zei­li­che Orga­ni­sa­ti­on oder eine geeig­ne­te Regio­nal­or­ga­ni­sa­ti­on über­mit­telt wer­den.
  1. Ersu­chen um Zusam­men­ar­beit und alle zu ihrer Begrün­dung bei­ge­füg­ten Unter­la­gen wer­den in einer Amts­spra­che des ersuch­ten Staa­tes oder einer der Arbeits­spra­chen des Gerichts­hofs abge­fasst, oder sie wer­den von einer Über­set­zung in eine die­ser Spra­chen beglei­tet, ent­spre­chend der Wahl, die der Staat bei der Rati­fi­ka­ti­on, Annah­me oder Geneh­mi­gung des Sta­tuts oder dem Bei­tritt dazu getrof­fen hat.Spätere Ände­run­gen die­ser Wahl wer­den in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­nom­men.
  2. Der ersuch­te Staat behan­delt ein Ersu­chen um Zusam­men­ar­beit und alle zu sei­ner Begrün­dung bei­ge­füg­ten Unter­la­gen ver­trau­lich, soweit eine Offen­le­gung nicht für die Erle­di­gung des Ersu­chens erfor­der­lich ist.
  3. In Bezug auf die nach die­sem Teil gestell­ten Rechts­hil­fe­er­su­chen kann der Gerichts­hof alle not­wen­di­gen Mass­nah­men tref­fen, ein­schliess­lich Mass­nah­men zum Schutz von Infor­ma­tio­nen, um die Sicher­heit oder das kör­per­li­che oder see­li­sche Wohl der Opfer, mög­li­chen Zeu­gen und deren Ange­hö­ri­gen zu gewähr­leis­ten. Der Gerichts­hof kann dar­um ersu­chen, dass alle nach die­sem Teil zur Ver­fü­gung gestell­ten Infor­ma­tio­nen in einer Wei­se bereit­ge­stellt und gehand­habt wer­den, wel­che die Sicher­heit und das kör­per­li­che oder see­li­sche Wohl der Opfer, mög­li­cher Zeu­gen und deren Ange­hö­ri­ger schützt.
    1. Der Gerichts­hof kann jeden Staat, der nicht Ver­trags­par­tei die­ses Sta­tuts ist, ersu­chen, auf Grund einer Ad-hoc-Ver­ein­ba­rung, einer Über­ein­kunft mit die­sem Staat oder auf jeder ande­ren geeig­ne­ten Grund­la­ge Unter­stüt­zung nach die­sem Teil zu leis­ten.
    2. Leis­tet ein Staat, der nicht Ver­trags­par­tei die­ses Sta­tuts ist und der eine Ad-hoc-Ver­ein­ba­rung oder eine Über­ein­kunft mit dem Gerichts­hof getrof­fen hat, einem auf Grund der Ver­ein­ba­rung oder Über­ein­kunft gestell­ten Ersu­chen um Zusam­men­ar­beit nicht Fol­ge, so kann der Gerichts­hof die Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten oder, wenn der Sicher­heits­rat die Ange­le­gen­heit dem Gerichts­hof unter­brei­tet hat, den Sicher­heits­rat davon unter­rich­ten.
  4. Der Gerichts­hof kann jede zwi­schen­staat­li­che Orga­ni­sa­ti­on ersu­chen, Infor­ma­tio­nen oder Unter­la­gen bei­zu­brin­gen. Der Gerichts­hof kann auch um ande­re For­men der Zusam­men­ar­beit und Unter­stüt­zung bit­ten, die mit die­ser Orga­ni­sa­ti­on ver­ein­bart wer­den und mit ihrer Zustän­dig­keit oder ihrem Auf­trag ver­ein­bar sind.
  5. Leis­tet ein Ver­trags­staat ent­ge­gen die­sem Sta­tut einem Ersu­chen des Gerichts­hofs um Zusam­men­ar­beit nicht Fol­ge und hin­dert er dadurch den Gerichts­hof an der Wahr­neh­mung sei­ner Auf­ga­ben und Befug­nis­se auf Grund die­ses Sta­tuts, so kann der Gerichts­hof eine ent­spre­chen­de Fest­stel­lung tref­fen und die Ange­le­gen­heit der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten oder, wenn der Sicher­heits­rat die Ange­le­gen­heit dem Gerichts­hof unter­brei­tet hat, dem Sicher­heits­rat über­ge­ben.

 

Art. 88 Nach inner­staat­li­chem Recht zur Ver­fü­gung ste­hen­de Ver­fah­ren[↑]

Die Ver­trags­staa­ten sor­gen dafür, dass in ihrem inner­staat­li­chen Recht für alle in die­sem Teil vor­ge­se­he­nen For­men der Zusam­men­ar­beit Ver­fah­ren zur Ver­fü­gung ste­hen.

 

Art. 89 Über­stel­lung von Per­so­nen an den Gerichts­hof[↑]

  1. Der Gerichts­hof kann jedem Staat, in des­sen Hoheits­ge­biet sich eine Per­son ver­mut­lich befin­det, ein Ersu­chen um Fest­nah­me und Über­stel­lung die­ser Per­son samt den in Arti­kel 91 genann­ten zu sei­ner Begrün­dung bei­ge­füg­ten Unter­la­gen über­mit­teln und die­sen Staat um Zusam­men­ar­beit bei der Fest­nah­me und Über­stel­lung der Per­son ersu­chen. Die Ver­trags­staa­ten leis­ten Ersu­chen um Fest­nah­me und Über­stel­lung in Über­ein­stim­mung mit die­sem Teil und den in ihrem inner­staat­li­chen Recht vor­ge­se­he­nen Ver­fah­ren Fol­ge.
  2. Ficht die Per­son, um deren Über­stel­lung ersucht wur­de, vor einem inner­staat­li­chen Gericht auf der Grund­la­ge des in Arti­kel 20 fest­ge­leg­ten Grund­sat­zes ne bis in idem die Über­stel­lung an, so kon­sul­tiert der ersuch­te Staat sofort den Gerichts­hof, um fest­zu­stel­len, ob eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit ergan­gen ist. Ist die Sache zuläs­sig, so fährt der ersuch­te Staat mit der Erle­di­gung des Ersu­chens fort. Steht eine Zuläs­sig­keits­ent­schei­dung noch aus, so kann der ersuch­te Staat die Erle­di­gung des Ersu­chens um Über­stel­lung so lan­ge auf­schie­ben, bis der Gerichts­hof eine Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit fällt.
    1. Ein Ver­trags­staat geneh­migt in Über­ein­stim­mung mit sei­nem inner­staat­li­chen Ver­fah­rens­recht die Beför­de­rung einer von einem ande­ren Staat an den Gerichts­hof über­stell­ten Per­son durch sein Hoheits­ge­biet, soweit nicht die Durch­be­för­de­rung durch die­sen Staat die Über­stel­lung ver­hin­dern oder ver­zö­gern wür­de.
    2. Ein Durch­be­för­de­rungs­er­su­chen des Gerichts­hofs wird in Über­ein­stim­mung mit Arti­kel 87 über­mit­telt. Das Durch­be­för­de­rungs­er­su­chen ent­hält
      1. eine Beschrei­bung der zu beför­dern­den Per­son,
      2. eine kur­ze Dar­le­gung des Sach­ver­halts und des­sen recht­li­che Wür­di­gung und
      3. den Haft­be­fehl und das Über­stel­lungs­er­su­chen.
    3. Wäh­rend der Durch­be­för­de­rung ist die beför­der­te Per­son in Haft zu hal­ten.
    4. Eine Geneh­mi­gung ist nicht erfor­der­lich, wenn die Per­son auf dem Luft­weg beför­dert wird und eine Zwi­schen­lan­dung im Hoheits­ge­biet des Durch­be­för­de­rungs­staats nicht vor­ge­se­hen ist.
    5. Kommt es zu einer unvor­her­ge­se­he­nen Zwi­schen­lan­dung im Hoheits­ge­biet des Durch­be­för­de­rungs­staats, so kann die­ser Staat den Gerichts­hof um ein Durch­be­för­de­rungs­er­su­chen nach Buch­sta­be b ersu­chen. Der Durch­be­för­de­rungs­staat hält die beför­der­te Per­son so lan­ge in Haft, bis das Durch­be­för­de­rungs­er­su­chen ein­ge­trof­fen und die Durch­be­för­de­rung erfolgt ist; die Haft im Sin­ne die­ses Buch­sta­bens darf 96 Stun­den von der unvor­her­ge­se­he­nen Zwi­schen­lan­dung an nicht über­schrei­ten, es sei denn, das Ersu­chen geht inner­halb die­ser Frist ein.
  3. Wird im ersuch­ten Staat gegen die gesuch­te Per­son gericht­lich vor­ge­gan­gen oder ver­büsst sie dort eine Stra­fe wegen eines ande­ren Ver­bre­chens als des­je­ni­gen, des­sent­we­gen die Über­stel­lung an den Gerichts­hof ver­langt wird, so kon­sul­tiert der ersuch­te Staat den Gerichts­hof, nach­dem er beschlos­sen hat, dem Ersu­chen statt­zu­ge­ben.

 

Art. 90 Kon­kur­rie­ren­de Ersu­chen[↑]

  1. Ein Ver­trags­staat, der ein Ersu­chen des Gerichts­hofs um Über­stel­lung einer Per­son nach Arti­kel 89 und aus­ser­dem von einem ande­ren Staat ein Ersu­chen um Aus­lie­fe­rung der­sel­ben Per­son wegen des­sel­ben Ver­hal­tens erhält, das die Grund­la­ge für das Ver­bre­chen bil­det, des­sent­we­gen der Gerichts­hof um die Über­stel­lung der Per­son ersucht, teilt dies dem Gerichts­hof und dem ersu­chen­den Staat mit.
  2. Ist der ersu­chen­de Staat ein Ver­trags­staat, so räumt der ersuch­te Staat dem Ersu­chen des Gerichts­hofs Vor­rang ein, wenn
    1. der Gerichts­hof nach Arti­kel 18 oder 19 ent­schie­den hat, dass die Sache, derent­we­gen die Über­stel­lung ver­langt wird, zuläs­sig ist, und bei sei­ner Ent­schei­dung die Ermitt­lun­gen oder die Straf­ver­fol­gung des ersu­chen­den Staa­tes in Bezug auf des­sen Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen berück­sich­tigt hat, oder
    2. der Gerichts­hof die unter Buch­sta­be a beschrie­be­ne Ent­schei­dung auf Grund der Mit­tei­lung des ersuch­ten Staa­tes nach Absatz 1 trifft.
  3. Wur­de kei­ne Ent­schei­dung nach Absatz 2 Buch­sta­be a getrof­fen, so kann der ersuch­te Staat nach eige­nem Ermes­sen bis zur Ent­schei­dung des Gerichts­hofs nach Absatz 2 Buch­sta­be b das Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen des ersu­chen­den Staa­tes wei­ter­be­han­deln, lie­fert die Per­son jedoch nicht aus, bis der Gerichts­hof ent­schie­den hat, dass die Sache unzu­läs­sig ist. Die Ent­schei­dung des Gerichts­hofs wird beschleu­nigt gefällt.
  4. Han­delt es sich beim ersu­chen­den Staat um einen Staat, der nicht Ver­trags­par­tei die­ses Sta­tuts ist, so räumt der ersuch­te Staat, sofern er nicht völ­ker­recht­lich ver­pflich­tet ist, die Per­son an den ersu­chen­den Staat aus­zu­lie­fern, dem Über­stel­lungs­er­su­chen des Gerichts­hofs Vor­rang ein, wenn der Gerichts­hof ent­schie­den hat, dass die Sache zuläs­sig ist.
  5. Hat der Gerichts­hof nicht ent­schie­den, dass eine Sache nach Absatz 4 zuläs­sig ist, so kann der ersuch­te Staat nach eige­nem Ermes­sen das Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen des ersu­chen­den Staa­tes wei­ter­be­han­deln.
  6. Fin­det Absatz 4 Anwen­dung, ist der ersuch­te Staat jedoch völ­ker­recht­lich ver­pflich­tet, die Per­son an den ersu­chen­den Staat, der nicht Ver­trags­par­tei die­ses Sta­tuts ist, aus­zu­lie­fern, so ent­schei­det der ersuch­te Staat, ob er die Per­son an den Gerichts­hof über­stellt oder an den ersu­chen­den Staat aus­lie­fert. Bei sei­ner Ent­schei­dung berück­sich­tigt der ersuch­te Staat alle mass­geb­li­chen Umstän­de, ins­be­son­de­re, jedoch nicht aus­schliess­lich,
    1. das jewei­li­ge Datum der Ersu­chen,
    2. die Inter­es­sen des ersu­chen­den Staa­tes, dar­un­ter gege­be­nen­falls die Fra­ge, ob das Ver­bre­chen in sei­nem Hoheits­ge­biet began­gen wur­de, und die Staats­an­ge­hö­rig­keit der Opfer und der gesuch­ten Per­son und
    3. die Mög­lich­keit einer spä­te­ren Über­stel­lung der Per­son zwi­schen dem Gerichts­hof und dem ersu­chen­den Staat.
  7. Erhält ein Ver­trags­staat vom Gerichts­hof ein Ersu­chen um Über­stel­lung einer Per­son und aus­ser­dem von einem Staat ein Ersu­chen um Aus­lie­fe­rung der­sel­ben Per­son wegen eines ande­ren Ver­hal­tens als des­je­ni­gen, das den Tat­be­stand des Ver­bre­chens erfüllt, des­sent­we­gen der Gerichts­hof die Über­stel­lung der Per­son ver­langt,
    1. so räumt der ersuch­te Staat, soweit er nicht völ­ker­recht­lich ver­pflich­tet ist, die Per­son an den ersu­chen­den Staat aus­zu­lie­fern, dem Ersu­chen des Gerichts­hofs Vor­rang ein;
    2. so ent­schei­det der ersuch­te Staat, sofern er völ­ker­recht­lich ver­pflich­tet ist, die Per­son an den ersu­chen­den Staat aus­zu­lie­fern, ob er die Per­son an den Gerichts­hof über­stellt oder an den ersu­chen­den Staat aus­lie­fert. Bei sei­ner Ent­schei­dung berück­sich­tigt der ersuch­te Staat alle mass­geb­li­chen Umstän­de, ins­be­son­de­re, jedoch nicht aus­schliess­lich, die in Absatz 6 genann­ten Umstän­de; beson­de­re Berück­sich­ti­gung fin­den dabei jedoch das Wesen und die Schwe­re des frag­li­chen Ver­hal­tens im jewei­li­gen Fall.
  8. Hat der Gerichts­hof auf Grund einer Mit­tei­lung nach die­sem Arti­kel ent­schie­den, dass eine Sache unzu­läs­sig ist, und wird spä­ter die Aus­lie­fe­rung an den ersu­chen­den Staat abge­lehnt, so teilt der ersuch­te Staat dem Gerichts­hof die­se Ent­schei­dung mit.

 

Art. 91 Inhalt des Fest­nah­me- und Über­stel­lungs­er­su­chens[↑]

  1. Ein Fest­nah­me- und Über­stel­lungs­er­su­chen erfolgt schrift­lich. In drin­gen­den Fäl­len kann ein Ersu­chen über jedes Medi­um erfol­gen, das in der Lage ist, eine schrift­li­che Auf­zeich­nung zu hin­ter­las­sen; aller­dings muss das Ersu­chen auf dem in Arti­kel 87 Absatz 1 Buch­sta­be a vor­ge­se­he­nen Weg bestä­tigt wer­den.
  2. Ein Ersu­chen um Fest­nah­me und Über­stel­lung einer Per­son, gegen die von der Vor­ver­fah­rens­kam­mer ein Haft­be­fehl nach Arti­kel 58 erlas­sen wur­de, ent­hält bezie­hungs­wei­se wird beglei­tet durch
    1. eine Beschrei­bung der gesuch­ten Per­son, die aus­reicht, um sie zu iden­ti­fi­zie­ren, sowie Anga­ben über den Ort, an dem sie sich ver­mut­lich auf­hält,
    2. eine Abschrift des Haft­be­fehls und
    3. die Unter­la­gen, Erklä­run­gen oder Infor­ma­tio­nen, die erfor­der­lich sind, um den Vor­schrif­ten für das Über­stel­lungs­ver­fah­ren im ersuch­ten Staat Genü­ge zu tun; die­se Vor­schrif­ten sol­len jedoch kei­ne grös­se­re Belas­tung als die auf Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen auf Grund von Ver­trä­gen oder Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen dem ersuch­ten Staat und ande­ren Staa­ten anwend­ba­ren Vor­schrif­ten dar­stel­len; sie sol­len viel­mehr unter Berück­sich­ti­gung des beson­de­ren Cha­rak­ters des Gerichts­hofs mög­lichst eine gerin­ge­re Belas­tung dar­stel­len.
  3. Ein Ersu­chen um Fest­nah­me und Über­stel­lung eines bereits Ver­ur­teil­ten ent­hält bezie­hungs­wei­se wird beglei­tet durch
    1. eine Abschrift jedes Haft­be­fehls gegen die­se Per­son,
    2. eine Abschrift des Schuld­spruchs,
    3. Infor­ma­tio­nen, aus denen her­vor­geht, dass es sich bei der gesuch­ten Per­son um die­je­ni­ge han­delt, die im Schuld­spruch genannt ist, und
    4. wenn ein Straf­spruch gegen die gesuch­te Per­son ergan­gen ist, eine Abschrift des Straf­spruchs, und im Fall einer Frei­heits­stra­fe eine Erklä­rung über die bereits ver­büss­te und die noch zu ver­büs­sen­de Frei­heits­stra­fe.
  4. Auf Ersu­chen des Gerichts­hofs kon­sul­tiert ein Ver­trags­staat den Gerichts­hof ent­we­der all­ge­mein oder in Bezug auf eine bestimm­te Ange­le­gen­heit hin­sicht­lich aller Vor­schrif­ten sei­nes inner­staat­li­chen Rechts, die nach Absatz 2 Buch­sta­be c Anwen­dung fin­den kön­nen. Dabei setzt der Ver­trags­staat den Gerichts­hof von den beson­de­ren Vor­schrif­ten sei­nes inner­staat­li­chen Rechts in Kennt­nis.

 

Art. 92 Vor­läu­fi­ge Fest­nah­me[↑]

  1. In drin­gen­den Fäl­len kann der Gerichts­hof bis zur Vor­la­ge des Über­stel­lungs­er­su­chens und der in Arti­kel 91 genann­ten Unter­la­gen um vor­läu­fi­ge Fest­nah­me der gesuch­ten Per­son ersu­chen.
  2. Das Ersu­chen um vor­läu­fi­ge Fest­nah­me kann über jedes Medi­um erfol­gen, das in der Lage ist, eine schrift­li­che Auf­zeich­nung zu hin­ter­las­sen; es ent­hält
    1. eine Beschrei­bung der gesuch­ten Per­son, die aus­reicht, um sie zu iden­ti­fi­zie­ren, sowie Anga­ben über den Ort, an dem sie sich ver­mut­lich auf­hält,
    2. eine knap­pe Dar­stel­lung der Ver­bre­chen, derent­we­gen die Fest­nah­me der gesuch­ten Per­son ver­langt wird, sowie der Tat­sa­chen, die angeb­lich den Tat­be­stand die­ser Ver­bre­chen erfül­len, ein­schliess­lich, soweit mög­lich, des Datums und des Ortes der Ver­bre­chens­be­ge­hung,
    3. eine Erklä­rung über das Vor­lie­gen eines Haft­be­fehls oder eines Schuld­spruchs gegen die gesuch­te Per­son und
    4. eine Erklä­rung, dass ein Über­stel­lungs­er­su­chen nach­ge­reicht wer­den wird.
  3. Eine vor­läu­fig fest­ge­nom­me­ne Per­son kann aus der Haft ent­las­sen wer­den, wenn der ersuch­te Staat das Über­stel­lungs­er­su­chen und die in Arti­kel 91 genann­ten Unter­la­gen nicht inner­halb der in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­he­nen Fris­ten erhal­ten hat. Die Per­son kann jedoch vor Ablauf die­ser Frist der Über­stel­lung zustim­men, wenn das Recht des ersuch­ten Staa­tes dies zulässt. In die­sem Fall nimmt der ersuch­te Staat ihre Über­stel­lung an den Gerichts­hof so bald wie mög­lich vor.
  4. Die Tat­sa­che, dass die gesuch­te Per­son nach Absatz 3 aus der Haft ent­las­sen wur­de, schliesst ihre spä­te­re Fest­nah­me und Über­stel­lung nicht aus, wenn das Über­stel­lungs­er­su­chen und die bei­ge­füg­ten Unter­la­gen zu einem spä­te­ren Zeit­punkt über­mit­telt wer­den.

 

Art. 93 Ande­re For­men der Zusam­men­ar­beit[↑]

  1. Die Ver­trags­staa­ten ent­spre­chen in Über­ein­stim­mung mit die­sem Teil und nach den im inner­staat­li­chen Recht vor­ge­se­he­nen Ver­fah­ren den Ersu­chen des Gerichts­hofs um die nach­ste­hen­den For­men der Rechts­hil­fe im Zusam­men­hang mit Ermitt­lun­gen oder Straf­ver­fol­gun­gen:
    1. Iden­ti­fi­zie­rung und Fest­stel­lung des Ver­bleibs von Per­so­nen oder Loka­li­sie­rung von Gegen­stän­den,
    2. Beweis­auf­nah­me, ein­schliess­lich beei­de­ter Zeu­gen­aus­sa­gen, und Bei­brin­gung von Beweis­mit­teln, ein­schliess­lich Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten und Berich­ten, die der Gerichts­hof benö­tigt,
    3. Ver­neh­mung von Per­so­nen, gegen die ermit­telt wird oder die straf­recht­lich ver­folgt wer­den,
    4. Zustel­lung von Unter­la­gen, ein­schliess­lich gericht­li­cher Schrift­stü­cke,
    5. Erleich­te­rung des frei­wil­li­gen Erschei­nens von Per­so­nen als Zeu­gen oder Sach­ver­stän­di­ge vor dem Gerichts­hof,
    6. zeit­wei­li­ge Über­ga­be von Per­so­nen nach Absatz 7,
    7. Unter­su­chung von Orten oder Stät­ten, ein­schliess­lich Exhu­mie­rung und Unter­su­chung von Grab­stät­ten,
    8. Durch­füh­rung von Durch­su­chun­gen und Beschlag­nah­men,
    9. Bei­brin­gung von Akten und Unter­la­gen, ein­schliess­lich amt­li­cher Akten und Unter­la­gen,
    10. Schutz von Opfern und Zeu­gen und Sicher­stel­lung von Beweis­mit­teln,
    11. Iden­ti­fi­zie­rung, Auf­spü­ren und Ein­frie­ren oder Beschlag­nah­me von Erlö­sen, Eigen­tum und Ver­mö­gens­ge­gen­stän­den sowie Tat­werk­zeu­gen zum Zweck der spä­te­ren Ein­zie­hung, unbe­scha­det der Rech­te gut­gläu­bi­ger Drit­ter, und
    12. jede ande­re Form der Rechts­hil­fe, die nach dem Recht des ersuch­ten Staa­tes nicht ver­bo­ten ist, mit dem Ziel, die Ermitt­lun­gen in Bezug auf Ver­bre­chen, die der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen, und deren straf­recht­li­che Ver­fol­gung zu erleich­tern.
  2. Der Gerichts­hof ist befugt, einem vor dem Gerichts­hof erschei­nen­den Zeu­gen oder Sach­ver­stän­di­gen die Zusi­che­rung zu geben, dass er wegen einer Hand­lung oder Unter­las­sung, die vor sei­ner Abrei­se aus dem ersuch­ten Staat erfolg­te, vom Gerichts­hof nicht straf­recht­lich ver­folgt, in Haft genom­men oder einer sons­ti­gen Ein­schrän­kung sei­ner per­sön­li­chen Frei­heit unter­wor­fen wird.
  3. Ist die Durch­füh­rung einer in einem Ersu­chen nach Absatz 1 genann­ten beson­de­ren Rechts­hil­fe­mass­nah­me im ersuch­ten Staat auf Grund eines bestehen­den, all­ge­mein gül­ti­gen wesent­li­chen Rechts­grund­sat­zes ver­bo­ten, so kon­sul­tiert der ersuch­te Staat umge­hend den Gerichts­hof, um zu ver­su­chen, die Ange­le­gen­heit zu regeln. Dabei soll­te geprüft wer­den, ob die Rechts­hil­fe auf ande­re Wei­se oder unter bestimm­ten Bedin­gun­gen geleis­tet wer­den kann. Kann die Ange­le­gen­heit auch nach den Kon­sul­ta­tio­nen nicht gere­gelt wer­den, so ändert der Gerichts­hof das Ersu­chen soweit erfor­der­lich ab.
  4. Ein Ver­trags­staat kann ein Rechts­hil­fe­er­su­chen nur dann nach Arti­kel 72 ganz oder teil­wei­se ableh­nen, wenn das Ersu­chen die Bei­brin­gung von Unter­la­gen oder die Offen­le­gung von Beweis­mit­teln betrifft, die sei­ne natio­na­le Sicher­heit betref­fen.
  5. Vor Ableh­nung eines Rechts­hil­fe­er­su­chens nach Absatz 1 Buch­sta­be l prüft der ersuch­te Staat, ob die Rechts­hil­fe unter bestimm­ten Bedin­gun­gen oder zu einem spä­te­ren Zeit­punkt oder auf ande­re Art und Wei­se geleis­tet wer­den kann; nimmt der Gerichts­hof oder der Anklä­ger jedoch die Rechts­hil­fe unter die­sen Bedin­gun­gen an, so muss sich der Gerichts­hof oder der Anklä­ger an die­se Bedin­gun­gen hal­ten.
  6. Wird ein Rechts­hil­fe­er­su­chen abge­lehnt, so setzt der ersuch­te Ver­trags­staat den Gerichts­hof oder den Anklä­ger umge­hend von den Grün­den für die Ableh­nung in Kennt­nis.
    1. Der Gerichts­hof kann um zeit­wei­li­ge Über­ga­be eines Häft­lings zum Zweck der Iden­ti­fi­zie­rung, der Ver­neh­mung oder einer sons­ti­gen Form der Rechts­hil­fe ersu­chen. Der Häft­ling kann unter den fol­gen­den Bedin­gun­gen über­ge­ben wer­den:
      1. er gibt aus frei­en Stü­cken in Kennt­nis sämt­li­cher Umstän­de sei­ne Zustim­mung zur Über­ga­be, und
      2. der ersuch­te Staat stimmt der Über­ga­be unter den zwi­schen ihm und dem Gerichts­hof ver­ein­bar­ten Bedin­gun­gen zu.
    2. Die über­ge­be­ne Per­son bleibt in Haft. Sind die Zwe­cke der Über­ga­be erfüllt, so sorgt der Gerichts­hof für ihre unver­züg­li­che Rück­über­stel­lung an den ersuch­ten Staat.
    1. Der Gerichts­hof stellt die Ver­trau­lich­keit der Unter­la­gen und Infor­ma­tio­nen sicher, soweit die in dem Ersu­chen beschrie­be­nen Ermitt­lun­gen und Ver­fah­ren nichts ande­res erfor­dern.
    2. Der ersuch­te Staat kann dem Anklä­ger, soweit not­wen­dig, Unter­la­gen oder Infor­ma­tio­nen ver­trau­lich über­mit­teln. Die­se kön­nen vom Anklä­ger sodann nur zum Zweck der Erlan­gung neu­er Beweis­mit­tel benutzt wer­den.
    3. Der ersuch­te Staat kann von sich aus oder auf Ersu­chen des Anklä­gers spä­ter der Offen­le­gung die­ser Unter­la­gen oder Infor­ma­tio­nen zustim­men. Sie kön­nen sodann nach den Tei­len 5 und 6 und in Über­ein­stim­mung mit der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung als Beweis­mit­tel ver­wen­det wer­den.
      1. Erhält ein Ver­trags­staat vom Gerichts­hof und im Rah­men einer völ­ker­recht­li­chen Ver­pflich­tung von einem ande­ren Staat kon­kur­rie­ren­de Ersu­chen zu einem ande­ren Zweck als zur Über­stel­lung oder Aus­lie­fe­rung, so bemüht sich der Ver­trags­staat nach Rück­spra­che mit dem Gerichts­hof und dem ande­ren Staat, bei­den Ersu­chen nach­zu­kom­men, indem er, soweit erfor­der­lich, das eine oder das ande­re Ersu­chen zurück­stellt oder Bedin­gun­gen damit ver­knüpft.
      2. Andern­falls wer­den kon­kur­rie­ren­de Ersu­chen nach den in Arti­kel 90 fest­ge­leg­ten Grund­sät­zen gere­gelt.
    1. Betrifft das Ersu­chen des Gerichts­hofs jedoch Infor­ma­tio­nen, Eigen­tum oder Per­so­nen, die auf Grund einer inter­na­tio­na­len Über­ein­kunft der Ver­fü­gungs­ge­walt eines Dritt­staats oder einer inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on unter­lie­gen, so setzt der ersuch­te Staat den Gerichts­hof davon in Kennt­nis; der Gerichts­hof rich­tet sein Ersu­chen dann an den Dritt­staat oder die inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on.
    1. Der Gerichts­hof kann auf ent­spre­chen­des Ersu­chen mit einem Ver­trags­staat zusam­men­ar­bei­ten und ihm Rechts­hil­fe leis­ten, wenn die­ser Staat Ermitt­lun­gen oder ein Ver­fah­ren durch­führt wegen eines Ver­hal­tens, das den Tat­be­stand eines der Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs unter­lie­gen­den Ver­bre­chens oder eines schwe­ren Ver­bre­chens nach dem inner­staat­li­chen Recht des ersu­chen­den Staa­tes erfüllt.
      1. Die nach Buch­sta­be a geleis­te­te Rechts­hil­fe umfasst unter ande­rem
        1. die Über­mitt­lung von Erklä­run­gen, Unter­la­gen oder sons­ti­gen Beweis­mit­teln, die im Lauf der Ermitt­lun­gen oder des Ver­fah­rens erlangt wor­den sind, wel­che der Gerichts­hof durch­ge­führt hat, und
        2. die Ver­neh­mung einer auf Anord­nung des Gerichts­hofs inhaf­tier­ten Per­son;
      2. im Fall der Rechts­hil­fe nach Zif­fer i Unter­ab­satz a gilt Fol­gen­des:
        1. Wur­den die Unter­la­gen oder sons­ti­gen Beweis­mit­tel mit Hil­fe eines Staa­tes erlangt, so bedarf die Über­mitt­lung sei­ner Zustim­mung;
        2. wur­den die Erklä­run­gen, Unter­la­gen oder sons­ti­gen Beweis­mit­tel durch einen Zeu­gen oder Sach­ver­stän­di­gen bei­ge­bracht, so erfolgt die Über­mitt­lung vor­be­halt­lich des Arti­kels 68.
    2. Der Gerichts­hof kann unter den in die­sem Absatz genann­ten Bedin­gun­gen einem von einem Staat, der nicht Ver­trags­par­tei die­ses Sta­tuts ist, gestell­ten Rechts­hil­fe­er­su­chen nach die­sem Absatz statt­ge­ben.

 

Art. 94 Auf­schub der Erle­di­gung eines Ersu­chens wegen lau­fen­der Ermitt­lun­gen oder lau­fen­der Straf­ver­fol­gung[↑]

  1. Wür­de die sofor­ti­ge Erle­di­gung eines Ersu­chens die lau­fen­den Ermitt­lun­gen oder die lau­fen­de Straf­ver­fol­gung in einer ande­ren Sache als der­je­ni­gen beein­träch­ti­gen, auf die sich das Ersu­chen bezieht, so kann der ersuch­te Staat die Erle­di­gung des Ersu­chens um eine mit dem Gerichts­hof ver­ein­bar­te Zeit­span­ne auf­schie­ben. Der Auf­schub darf jedoch nicht län­ger dau­ern, als not­wen­dig ist, um die ent­spre­chen­den Ermitt­lun­gen oder die Straf­ver­fol­gung im ersuch­ten Staat zum Abschluss zu brin­gen. Vor der Ent­schei­dung über den Auf­schub soll der ersuch­te Staat prü­fen, ob die erbe­te­ne Rechts­hil­fe unter bestimm­ten Bedin­gun­gen sofort geleis­tet wer­den kann.
  2. Wird nach Absatz 1 ein Auf­schub beschlos­sen, so kann der Anklä­ger den­noch nach Arti­kel 93 Absatz 1 Buch­sta­be j um Mass­nah­men zur Beweis­si­che­rung ersu­chen.

 

Art. 95 Auf­schub der Erle­di­gung eines Ersu­chens wegen Anfech­tung der Zuläs­sig­keit[↑]

Prüft der Gerichts­hof eine Anfech­tung der Zuläs­sig­keit nach Arti­kel 18 oder 19, so kann der ersuch­te Staat die Erle­di­gung eines Ersu­chens nach die­sem Teil bis zu einer Ent­schei­dung durch den Gerichts­hof auf­schie­ben, sofern der Gerichts­hof nicht aus­drück­lich ange­ord­net hat, dass der Anklä­ger die Beweis­auf­nah­me nach Arti­kel 18 oder 19 fort­set­zen kann.

 

Art. 96 Inhalt eines Ersu­chens um ande­re For­men der Rechts­hil­fe nach Arti­kel 93[↑]

  1. Ein Ersu­chen um die in Arti­kel 93 genann­ten ande­ren For­men der Rechts­hil­fe erfolgt schrift­lich. In drin­gen­den Fäl­len kann ein Ersu­chen über jedes Medi­um erfol­gen, das in der Lage ist, eine schrift­li­che Auf­zeich­nung zu hin­ter­las­sen; aller­dings muss das Ersu­chen auf dem in Arti­kel 87 Absatz 1 Buch­sta­be a vor­ge­se­he­nen Weg bestä­tigt wer­den.
  2. Das Ersu­chen ent­hält bezie­hungs­wei­se wird beglei­tet durch, soweit anwend­bar,
    1. eine knap­pe Dar­stel­lung des Zwe­ckes des Ersu­chens und der erbe­te­nen Rechts­hil­fe, ein­schliess­lich der Rechts­grund­la­ge und der Grün­de für das Ersu­chen,
    2. mög­lichst aus­führ­li­che Infor­ma­tio­nen über den Auf­ent­halts­ort oder die Iden­ti­fi­zie­rung von Per­so­nen oder die Orte, die gefun­den oder iden­ti­fi­ziert wer­den müs­sen, damit die erbe­te­ne Rechts­hil­fe geleis­tet wer­den kann,
    3. eine knap­pe Dar­stel­lung des wesent­li­chen Sach­ver­halts, der dem Ersu­chen zu Grun­de liegt,
    4. die Grün­de für alle ein­zu­hal­ten­den Ver­fah­ren oder Bedin­gun­gen und deren Ein­zel­hei­ten,
    5. alle Infor­ma­tio­nen, die nach dem Recht des ersuch­ten Staa­tes erfor­der­lich sind, damit dem Ersu­chen ent­spro­chen wer­den kann, und
    6. alle sons­ti­gen Infor­ma­tio­nen, die von Bedeu­tung sind, damit die erbe­te­ne Rechts­hil­fe geleis­tet wer­den kann.
  3. Auf Ersu­chen des Gerichts­hofs kon­sul­tiert ein Ver­trags­staat den Gerichts­hof ent­we­der all­ge­mein oder in Bezug auf eine bestimm­te Ange­le­gen­heit hin­sicht­lich aller Vor­schrif­ten sei­nes inner­staat­li­chen Rechts, die nach Absatz 2 Buch­sta­be e Anwen­dung fin­den kön­nen. Dabei setzt der Ver­trags­staat den Gerichts­hof von den beson­de­ren Vor­schrif­ten sei­nes inner­staat­li­chen Rechts in Kennt­nis.
  4. Die­ser Arti­kel fin­det gege­be­nen­falls auch auf ein an den Gerichts­hof gerich­te­tes Rechts­hil­fe­er­su­chen Anwen­dung.

 

Art. 97 Kon­sul­ta­tio­nen[↑]

Erhält ein Ver­trags­staat ein Ersu­chen auf Grund die­ses Tei­les, in des­sen Zusam­men­hang er Pro­ble­me fest­stellt, wel­che die Erle­di­gung des Ersu­chens be- oder ver­hin­dern kön­nen, so kon­sul­tiert der Ver­trags­staat unver­züg­lich den Gerichts­hof, um die Ange­le­gen­heit zu regeln. Bei die­sen Pro­ble­men kann es sich unter ande­rem um Fol­gen­des han­deln:

  1. unzu­rei­chen­de Infor­ma­tio­nen für die Erle­di­gung des Ersu­chens,
  2. im Fall eines Über­stel­lungs­er­su­chens der Umstand, dass die gesuch­te Per­son trotz aller Anstren­gun­gen nicht aus­fin­dig gemacht wer­den kann oder dass die Ermitt­lun­gen erge­ben haben, dass die im ersuch­ten Staat befind­li­che Per­son ein­deu­tig nicht die im Haft­be­fehl genann­te Per­son ist, oder
  3. der Umstand, dass die Erle­di­gung des Ersu­chens in sei­ner der­zei­ti­gen Form vom ersuch­ten Staat ver­lan­gen wür­de, eine gegen­über einem ande­ren Staat bereits bestehen­de ver­trag­li­che Ver­pflich­tung zu ver­let­zen.

 

Art. 98 Zusam­men­ar­beit im Hin­blick auf den Ver­zicht auf Immu­ni­tät und die Zustim­mung zur Über­stel­lung[↑]

  1. Der Gerichts­hof darf kein Über­stel­lungs- oder Rechts­hil­fe­er­su­chen stel­len, das vom ersuch­ten Staat ver­lan­gen wür­de, in Bezug auf die Staa­ten­im­mu­ni­tät oder die diplo­ma­ti­sche Immu­ni­tät einer Per­son oder des Eigen­tums eines Dritt­staats ent­ge­gen sei­nen völ­ker­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen zu han­deln, sofern der Gerichts­hof nicht zuvor die Zusam­men­ar­beit des Dritt­staats im Hin­blick auf den Ver­zicht auf Immu­ni­tät errei­chen kann.
  2. Der Gerichts­hof darf kein Über­stel­lungs­er­su­chen stel­len, das vom ersuch­ten Staat ver­lan­gen wür­de, ent­ge­gen sei­nen Ver­pflich­tun­gen aus völ­ker­recht­li­chen Über­ein­künf­ten zu han­deln, denen zufol­ge die Über­stel­lung eines Ange­hö­ri­gen des Ent­sen­de­staats an den Gerichts­hof der Zustim­mung die­ses Staa­tes bedarf, sofern der Gerichts­hof nicht zuvor die Zusam­men­ar­beit des Ent­sen­de­staats im Hin­blick auf die Zustim­mung zur Über­stel­lung errei­chen kann.

 

Art. 99 Erle­di­gung von Ersu­chen nach den Arti­keln 93 und 96[↑]

  1. Rechts­hil­fe­er­su­chen wer­den nach dem im Recht des ersuch­ten Staa­tes vor­ge­se­he­nen Ver­fah­ren und, soweit durch die­ses Recht nicht ver­bo­ten, in der in dem Ersu­chen ange­ge­be­nen Wei­se erle­digt; in die­sem Sin­ne hält der ersuch­te Staat ins­be­son­de­re jedes beschrie­be­ne Ver­fah­ren ein oder gestat­tet den im Ersu­chen genann­ten Per­so­nen, bei der Erle­di­gung anwe­send und behilf­lich zu sein.
  2. Im Fall eines drin­gen­den Ersu­chens wer­den die bei­ge­brach­ten Unter­la­gen oder Beweis­mit­tel auf Ersu­chen des Gerichts­hofs beschleu­nigt ver­sandt.
  3. Ant­wor­ten des ersuch­ten Staa­tes wer­den in ihrer Ori­gi­nal­spra­che und -form über­mit­telt.
  4. Unbe­scha­det ande­rer Arti­kel die­ses Tei­les kann der Anklä­ger, sofern dies für die erfolg­rei­che Erle­di­gung eines Ersu­chens not­wen­dig ist, das ohne Zwangs­mass­nah­men erle­digt wer­den kann — so ins­be­son­de­re auch die Befra­gung einer Per­son oder die Beweis­er­he­bung von ihr auf frei­wil­li­ger Grund­la­ge, ein­schliess­lich einer sol­chen Vor­ge­hens­wei­se in Abwe­sen­heit der Behör­den des ersuch­ten Ver­trags­staats, falls dies für die Erle­di­gung des Ersu­chens ent­schei­dend ist, und die nicht mit der Vor­nah­me von Ver­än­de­run­gen ver­bun­de­ne Unter­su­chung einer öffent­li­chen Stät­te oder eines sons­ti­gen öffent­li­chen Ortes -, die­ses Ersu­chen wie folgt unmit­tel­bar im Hoheits­ge­biet eines Staa­tes erle­di­gen:
    1. Wenn der ersuch­te Ver­trags­staat der Staat ist, in des­sen Hoheits­ge­biet das Ver­bre­chen began­gen wor­den sein soll, und nach Arti­kel 18 oder 19 eine Ent­schei­dung ergan­gen ist, dass die Sache zuläs­sig ist, kann der Anklä­ger das Ersu­chen nach sämt­li­chen mög­li­chen Kon­sul­ta­tio­nen mit dem ersuch­ten Ver­trags­staat unmit­tel­bar erle­di­gen;
    2. in ande­ren Fäl­len kann der Anklä­ger das Ersu­chen nach Kon­sul­ta­tio­nen mit dem ersuch­ten Ver­trags­staat und unter allen sinn­vol­len Bedin­gun­gen oder Anlie­gen die­ses Ver­trags­staats erle­di­gen. Stellt der ersuch­te Ver­trags­staat Pro­ble­me bei der Erle­di­gung eines Ersu­chens nach die­sem Buch­sta­ben fest, so kon­sul­tiert er unver­züg­lich den Gerichts­hof, um die Ange­le­gen­heit zu regeln.
  5. Die Bestim­mun­gen, auf Grund deren es einer vom Gerichts­hof ange­hör­ten oder ver­nom­me­nen Per­son nach Arti­kel 72 gestat­tet ist, Ein­schrän­kun­gen gel­tend zu machen, um die Offen­le­gung ver­trau­li­cher Infor­ma­tio­nen im Zusam­men­hang mit der natio­na­len Sicher­heit zu ver­hin­dern, fin­den auch auf die Erle­di­gung von Rechts­hil­fe­er­su­chen nach die­sem Arti­kel Anwen­dung.

 

Art. 100 Kos­ten[↑]

  1. Die gewöhn­li­chen Kos­ten der Erle­di­gung von Ersu­chen im Hoheits­ge­biet des ersuch­ten Staa­tes gehen zu des­sen Las­ten, mit Aus­nah­me fol­gen­der Kos­ten, die zu Las­ten des Gerichts­hofs gehen:
    1. Kos­ten im Zusam­men­hang mit den Rei­sen und der Sicher­heit von Zeu­gen und Sach­ver­stän­di­gen oder der Über­ga­be von Häft­lin­gen nach Arti­kel 93,
    2. Über­set­zungs-, Dol­metsch- und Tran­skrip­ti­ons­kos­ten,
    3. Rei­se­kos­ten und Tage­gel­der für die Rich­ter, den Anklä­ger, die Stell­ver­tre­ten­den Anklä­ger, den Kanz­ler, den Stell­ver­tre­ten­den Kanz­ler und das Per­so­nal der Orga­ne des Gerichts­hofs,
    4. Kos­ten etwai­ger vom Gerichts­hof ange­for­der­ter Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten oder -berich­te,
    5. Kos­ten im Zusam­men­hang mit der Beför­de­rung einer Per­son, die vom Gewahr­sams­staat an den Gerichts­hof über­stellt wird, und
    6. nach Kon­sul­ta­tio­nen alle aus­ser­ge­wöhn­li­chen Kos­ten, die sich aus der Erle­di­gung eines Ersu­chens erge­ben kön­nen.
  2. Absatz 1 gilt ent­spre­chend auch für Ersu­chen, die von Ver­trags­staa­ten an den Gerichts­hof gerich­tet wer­den. In die­sem Fall trägt der Gerichts­hof die gewöhn­li­chen Kos­ten der Erle­di­gung.

 

Art. 101 Grund­satz der Spe­zia­li­tät[↑]

  1. Eine Per­son, die auf Grund die­ses Sta­tuts an den Gerichts­hof über­stellt wird, darf nicht wegen eines ande­ren vor der Über­stel­lung began­ge­nen Ver­hal­tens straf­recht­lich ver­folgt, bestraft oder in Haft genom­men wer­den als des­je­ni­gen Ver­hal­tens oder der­je­ni­gen Ver­hal­tens­wei­se, wel­che die Grund­la­ge der Ver­bre­chen bil­det, derent­we­gen sie über­stellt wird.
  2. Der Gerichts­hof kann den Staat, der die Per­son an den Gerichts­hof über­stellt hat, dar­um ersu­chen, ihn von den Anfor­de­run­gen des Absat­zes 1 zu befrei­en; der Gerichts­hof bringt bei Bedarf zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen nach Arti­kel 91 bei. Die Ver­trags­staa­ten sind befugt und sol­len sich bemü­hen, dem Gerichts­hof die­se Befrei­ung zu gewäh­ren.

 

Art. 102 Begriffs­be­stim­mun­gen[↑]

Im Sin­ne die­ses Sta­tuts

  1. bedeu­tet «Über­stel­lung» die Ver­brin­gung einer Per­son durch einen Staat an den Gerichts­hof auf Grund die­ses Sta­tuts;
  2. bedeu­tet «Aus­lie­fe­rung» die in einem Ver­trag, einem Über­ein­kom­men oder dem inner­staat­li­chen Recht vor­ge­se­he­ne Ver­brin­gung einer Per­son durch einen Staat in einen ande­ren Staat.

 

Teil 10: Voll­stre­ckung[↑]

Art. 103 Rol­le der Staa­ten bei der Voll­stre­ckung von Frei­heits­stra­fen[↑]

    1. Eine Frei­heits­stra­fe wird in einem Staat ver­büsst, der vom Gerichts­hof anhand einer Lis­te von Staa­ten bestimmt wird, die dem Gerichts­hof ihre Bereit­schaft bekun­det haben, Ver­ur­teil­te zu über­neh­men.
    2. Zu dem Zeit­punkt, zu dem ein Staat sei­ne Bereit­schaft zur Über­nah­me von Ver­ur­teil­ten bekun­det, kann er mit Zustim­mung des Gerichts­hofs und in Über­ein­stim­mung mit die­sem Teil Bedin­gun­gen an die Über­nah­me knüp­fen.
    3. Ein Staat, der im Ein­zel­fall bestimmt wird, setzt den Gerichts­hof umge­hend davon in Kennt­nis, ob er die vom Gerichts­hof vor­ge­nom­me­ne Bestim­mung aner­kennt.
    1. Der Voll­stre­ckungs­staat teilt dem Gerichts­hof alle Umstän­de mit, nament­lich die Anwen­dung von nach Absatz 1 ver­ein­bar­ten Bedin­gun­gen, die sich wesent­lich auf die Bedin­gun­gen oder die Län­ge der Frei­heits­stra­fe aus­wir­ken könn­ten. Sol­che bekann­ten oder vor­her­seh­ba­ren Umstän­de sind dem Gerichts­hof min­des­tens 45 Tage im Vor­aus mit­zu­tei­len. Wäh­rend die­ser Frist ergreift der Voll­stre­ckungs­staat kei­ne Mass­nah­men, die zu sei­nen Ver­pflich­tun­gen nach Arti­kel 110 im Wider­spruch ste­hen könn­ten.
    2. Kann sich der Gerichts­hof mit den unter Buch­sta­be a genann­ten Umstän­den nicht ein­ver­stan­den erklä­ren, so teilt er dies dem Voll­stre­ckungs­staat mit und ver­fährt in Über­ein­stim­mung mit Arti­kel 104 Absatz 1.
  1. In Aus­übung sei­nes Ermes­sens bei der Bestim­mung eines Voll­stre­ckungs­staats nach Absatz 1 berück­sich­tigt der Gerichts­hof
    1. den Grund­satz, dass die Ver­trags­staa­ten sich in Über­ein­stim­mung mit den in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­he­nen Grund­sät­zen der aus­ge­wo­ge­nen Ver­tei­lung die Ver­ant­wor­tung für die Straf­voll­stre­ckung tei­len sol­len,
    2. die Anwen­dung all­ge­mein aner­kann­ter Nor­men völ­ker­recht­li­cher Ver­trä­ge betref­fend die Behand­lung von Straf­ge­fan­ge­nen,
    3. die Auf­fas­sun­gen des Ver­ur­teil­ten,
    4. die Staats­an­ge­hö­rig­keit des Ver­ur­teil­ten und
    5. sons­ti­ge Fak­to­ren im Zusam­men­hang mit den Umstän­den des Ver­bre­chens, dem Ver­ur­teil­ten oder der wirk­sa­men Straf­voll­stre­ckung, die für die Bestim­mung des Voll­stre­ckungs­staats in Betracht kom­men.
  2. Wird nach Absatz 1 kein Staat bestimmt, so wird die Frei­heits­stra­fe in einer Voll­zugs­an­stalt ver­büsst, die der Gast­staat ent­spre­chend den Bedin­gun­gen des in Arti­kel 3 Absatz 2 genann­ten Sitz­ab­kom­mens zur Ver­fü­gung gestellt hat. In die­sem Fall wer­den die Kos­ten der Straf­voll­stre­ckung vom Gerichts­hof getra­gen.

 

Art. 104 Wech­sel der Bestim­mung des Voll­stre­ckungs­staats[↑]

  1. Der Gerichts­hof kann jeder­zeit beschlies­sen, einen Ver­ur­teil­ten in eine Voll­zugs­an­stalt eines ande­ren Staa­tes zu ver­le­gen.
  2. Ein Ver­ur­teil­ter kann jeder­zeit beim Gerichts­hof eine Ver­le­gung aus dem Voll­stre­ckungs­staat bean­tra­gen.

 

Art. 105 Voll­stre­ckung der Stra­fe[↑]

  1. Vor­be­halt­lich der von einem Staat in Über­ein­stim­mung mit Arti­kel 103 Absatz 1 Buch­sta­be b erklär­ten Bedin­gun­gen ist die ver­häng­te Frei­heits­stra­fe für die Ver­trags­staa­ten bin­dend und darf von ihnen nicht geän­dert wer­den.
  2. Der Gerichts­hof allein hat das Recht, über einen Beru­fungs- und Wie­der­auf­nah­me­an­trag zu ent­schei­den. Der Voll­stre­ckungs­staat hin­dert einen Ver­ur­teil­ten nicht dar­an, einen sol­chen Antrag zu stel­len.

 

Art. 106 Auf­sicht über die Straf­voll­stre­ckung und Haft­be­din­gun­gen[↑]

  1. Die Voll­stre­ckung einer Frei­heits­stra­fe unter­liegt der Auf­sicht des Gerichts­hofs; sie steht im Ein­klang mit den all­ge­mein aner­kann­ten Nor­men völ­ker­recht­li­cher Ver­trä­ge betref­fend die Behand­lung von Straf­ge­fan­ge­nen.
  2. Die Haft­be­din­gun­gen wer­den durch das Recht des Voll­stre­ckungs­staats gere­gelt; sie ste­hen im Ein­klang mit den all­ge­mein aner­kann­ten Nor­men völ­ker­recht­li­cher Ver­trä­ge betref­fend die Behand­lung von Straf­ge­fan­ge­nen; sie dür­fen kei­nes­falls güns­ti­ger oder ungüns­ti­ger sein als die­je­ni­gen für Straf­ge­fan­ge­ne, die im Voll­stre­ckungs­staat wegen ähn­li­cher Straf­ta­ten ver­ur­teilt wur­den.
  3. Der Ver­kehr zwi­schen einem Ver­ur­teil­ten und dem Gerichts­hof ist unge­hin­dert und ver­trau­lich.

 

Art. 107 Ver­brin­gung einer Per­son nach ver­büss­ter Stra­fe[↑]

  1. Eine Per­son, die nicht Staats­an­ge­hö­ri­ge des Voll­stre­ckungs­staats ist, kann nach ver­büss­ter Stra­fe, sofern der Voll­stre­ckungs­staat der Per­son nicht den Ver­bleib in sei­nem Hoheits­ge­biet gestat­tet, in Über­ein­stim­mung mit dem Recht des Voll­stre­ckungs­staats in einen Staat ver­bracht wer­den, der zu ihrer Auf­nah­me ver­pflich­tet ist, oder in einen ande­ren Staat, der in ihre Auf­nah­me ein­wil­ligt, wobei die Wün­sche der in die­sen Staat zu ver­brin­gen­den Per­son mit berück­sich­tigt wer­den.
  2. Wer­den die aus der Ver­brin­gung der Per­son in einen ande­ren Staat nach Absatz 1 ent­ste­hen­den Kos­ten nicht von einem Staat getra­gen, so trägt sie der Gerichts­hof.
  3. Vor­be­halt­lich des Arti­kels 108 kann der Voll­stre­ckungs­staat in Über­ein­stim­mung mit sei­nem inner­staat­li­chen Recht die Per­son auch an einen Staat aus­lie­fern oder auf ande­re Wei­se über­stel­len, der um ihre Aus­lie­fe­rung oder Über­stel­lung zum Zweck eines Straf­ver­fah­rens oder der Straf­voll­stre­ckung ersucht hat.

 

Art. 108 Ein­schrän­kung der Straf­ver­fol­gung oder Bestra­fung wegen ande­rer Straf­ta­ten[↑]

  1. Ein Ver­ur­teil­ter im Gewahr­sam des Voll­stre­ckungs­staats darf für Hand­lun­gen, die er vor sei­ner Ver­brin­gung in den Voll­stre­ckungs­staat vor­ge­nom­men hat, nicht straf­recht­lich ver­folgt, bestraft oder an einen Dritt­staat aus­ge­lie­fert wer­den, es sei denn, der Gerichts­hof hat die­se Mass­nah­me auf Ersu­chen des Voll­stre­ckungs­staats geneh­migt.
  2. Der Gerichts­hof ent­schei­det die Ange­le­gen­heit nach Anhö­rung des Ver­ur­teil­ten.
  3. Absatz 1 fin­det kei­ne Anwen­dung, wenn der Ver­ur­teil­te frei­wil­lig län­ger als 30 Tage im Hoheits­ge­biet des Voll­stre­ckungs­staats bleibt, nach­dem er die gesam­te vom Gerichts­hof ver­häng­te Stra­fe ver­büsst hat, oder wenn er in das Hoheits­ge­biet die­ses Staa­tes zurück­kehrt, nach­dem er es ver­las­sen hat­te.

 

Art. 109 Voll­stre­ckung von Geld­stra­fen und Ein­zie­hungs­an­ord­nun­gen[↑]

  1. Die Ver­trags­staa­ten voll­stre­cken Geld­stra­fen oder eine Ein­zie­hung, die der Gerichts­hof nach Teil 7 ange­ord­net hat, unbe­scha­det der Rech­te gut­gläu­bi­ger Drit­ter und in Über­ein­stim­mung mit dem Ver­fah­ren ihres inner­staat­li­chen Rechts.
  2. Ist ein Ver­trags­staat nicht in der Lage, eine ange­ord­ne­te Ein­zie­hung zu voll­stre­cken, so trifft er Mass­nah­men zur Ein­trei­bung des Gegen­werts der Erlö­se, des Eigen­tums oder der Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de, deren Ein­zie­hung der Gerichts­hof ange­ord­net hat­te, unbe­scha­det der Rech­te gut­gläu­bi­ger Drit­ter.
  3. Eigen­tum oder die Erlö­se aus dem Ver­kauf von Grund­ei­gen­tum oder gege­be­nen­falls dem Ver­kauf ande­ren Eigen­tums, die ein Ver­trags­staat durch die Voll­stre­ckung eines Urteils des Gerichts­hofs erlangt, wer­den auf den Gerichts­hof über­tra­gen.

 

Art. 110 Über­prü­fung einer Her­ab­set­zung des Straf­mas­ses durch den Gerichts­hof[↑]

  1. Der Voll­stre­ckungs­staat ent­lässt den Ver­ur­teil­ten nicht vor Ablauf der vom Gerichts­hof ver­häng­ten Stra­fe aus dem Straf­voll­zug.
  2. Der Gerichts­hof allein hat das Recht, über eine Her­ab­set­zung des Straf­mas­ses zu ent­schei­den; er trifft sei­ne Ent­schei­dung in der Ange­le­gen­heit nach Anhö­rung des Ver­ur­teil­ten.
  3. Hat der Ver­ur­teil­te zwei Drit­tel sei­ner Stra­fe oder bei lebens­lan­ger Frei­heits­stra­fe 25 Jah­re ver­büsst, so über­prüft der Gerichts­hof die Stra­fe, um zu ent­schei­den, ob sie her­ab­ge­setzt wer­den soll. Die­se Über­prü­fung fin­det nicht vor dem genann­ten Zeit­punkt statt.
  4. Bei sei­ner Über­prü­fung nach Absatz 3 kann der Gerichts­hof das Straf­mass her­ab­set­zen, wenn er fest­stellt, dass einer oder meh­re­re der nach­ste­hen­den Fak­to­ren gege­ben sind:
    1. die früh­zei­ti­ge und fort­ge­setz­te Bereit­schaft des Ver­ur­teil­ten, mit dem Gerichts­hof bei sei­nen Ermitt­lun­gen und Straf­ver­fol­gun­gen zusam­men­zu­ar­bei­ten,
    2. die frei­wil­li­ge Hil­fe des Ver­ur­teil­ten bei der Durch­set­zung von Ent­schei­dun­gen und Anord­nun­gen des Gerichts­hofs in ande­ren Sachen, ins­be­son­de­re die Hil­fe bei der Loka­li­sie­rung von Ver­mö­gens­ge­gen­stän­den, hin­sicht­lich deren eine Geld­stra­fe, eine Ein­zie­hung oder eine Wie­der­gut­ma­chung ange­ord­net wur­de und die zu Guns­ten der Opfer ver­wen­det wer­den kön­nen, oder
    3. sons­ti­ge in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­he­ne Fak­to­ren, die eine deut­li­che und beacht­li­che Ände­rung der Ver­hält­nis­se erken­nen las­sen, die aus­reicht, um eine Her­ab­set­zung des Straf­mas­ses zu recht­fer­ti­gen.
  5. Stellt der Gerichts­hof bei sei­ner ers­ten Über­prü­fung nach Absatz 3 fest, dass eine Her­ab­set­zung des Straf­mas­ses nicht ange­bracht ist, so über­prüft er die Fra­ge einer Her­ab­set­zung des Straf­mas­ses danach in den Zeit­ab­stän­den und nach den Kri­te­ri­en, die in der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung vor­ge­se­hen sind.

 

Art. 111 Flucht[↑]

Ent­weicht ein Ver­ur­teil­ter aus der Haft und flieht er aus dem Voll­stre­ckungs­staat, so kann die­ser Staat nach Rück­spra­che mit dem Gerichts­hof den Staat, in dem sich der Flüch­ti­ge auf­hält, auf Grund bestehen­der zwei­sei­ti­ger oder mehr­sei­ti­ger Über­ein­künf­te um des­sen Über­stel­lung ersu­chen oder den Gerichts­hof ersu­chen, die Über­stel­lung des Flüch­ti­gen in Über­ein­stim­mung mit Teil 9 zu erwir­ken. Der Gerichts­hof kann ver­fü­gen, dass der Flüch­ti­ge in den Staat, in dem er die Stra­fe ver­büss­te, oder in einen ande­ren vom Gerichts­hof bestimm­ten Staat ver­bracht wird.

 

Teil 11: Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten[↑]

Art. 112 Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten[↑]

  1. Hier­mit wird die Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten die­ses Sta­tuts gebil­det. Jeder Ver­trags­staat hat einen Ver­tre­ter in der Ver­samm­lung, der von Stell­ver­tre­tern und Bera­tern beglei­tet sein kann. Ande­re Staa­ten, die die­ses Sta­tut oder die Schluss­ak­te unter­zeich­net haben, kön­nen als Beob­ach­ter an der Ver­samm­lung teil­neh­men.
  2. Die Ver­samm­lung
    1. erör­tert Emp­feh­lun­gen der Vor­be­rei­tungs­kom­mis­si­on und nimmt sie gege­be­nen­falls an;
    2. hat die Auf­sicht über das Prä­si­di­um, den Anklä­ger und den Kanz­ler betref­fend die Ver­wal­tung des Gerichts­hofs;
    3. erör­tert die Berich­te und Tätig­kei­ten des nach Absatz 3 geschaf­fe­nen Büros und trifft dies­be­züg­lich die ent­spre­chen­den Mass­nah­men;
    4. erör­tert und beschliesst den Haus­halt des Gerichts­hofs;
    5. beschliesst, ob in Über­ein­stim­mung mit Arti­kel 36 die Anzahl der Rich­ter zu ändern ist;
    6. erör­tert nach Arti­kel 87 Absät­ze 5 und 7 jede Fra­ge in Bezug auf feh­len­de Zusam­men­ar­beit;
    7. nimmt alle ande­ren Auf­ga­ben wahr, die mit die­sem Sta­tut oder der Ver­fah­rens- und Beweis­ord­nung ver­ein­bar sind.
    1. Die Ver­samm­lung hat ein Büro, das aus einem Prä­si­den­ten, zwei Vize­prä­si­den­ten und acht­zehn von der Ver­samm­lung für eine drei­jäh­ri­ge Amts­zeit gewähl­ten Mit­glie­dern besteht.
    2. Das Büro hat reprä­sen­ta­ti­ven Cha­rak­ter, ins­be­son­de­re unter Berück­sich­ti­gung einer aus­ge­wo­ge­nen geo­gra­fi­schen Ver­tei­lung und einer ange­mes­se­nen Ver­tre­tung der haupt­säch­li­chen Rechts­sys­te­me der Welt.
    3. Das Büro tritt so oft wie nötig, min­des­tens jedoch ein­mal im Jahr zusam­men. Es hilft der Ver­samm­lung bei der Wahr­neh­mung ihrer Auf­ga­ben.
  3. Die Ver­samm­lung kann Neben­or­ga­ne ein­set­zen, soweit dies erfor­der­lich ist, ein­schliess­lich einer unab­hän­gi­gen Auf­sichts­in­stanz für die Inspek­ti­on, Bewer­tung und Über­prü­fung des Gerichts­hofs, mit dem Ziel, sei­ne Leis­tungs­fä­hig­keit und Wirt­schaft­lich­keit zu erhö­hen.
  4. Der Prä­si­dent des Gerichts­hofs, der Anklä­ger und der Kanz­ler oder ihre Stell­ver­tre­ter kön­nen nach Bedarf an den Sit­zun­gen der Ver­samm­lung und des Büros teil­neh­men.
  5. Die Ver­samm­lung tritt ein­mal im Jahr am Sitz des Gerichts­hofs oder am Sitz der Ver­ein­ten Natio­nen zusam­men; wenn die Umstän­de es erfor­dern, hält sie aus­ser­or­dent­li­che Tagun­gen ab. Soweit die­ses Sta­tut nichts ande­res bestimmt, beruft das Büro die aus­ser­or­dent­li­chen Tagun­gen ent­we­der von sich aus oder auf Ersu­chen eines Drit­tels der Ver­trags­staa­ten ein.
  6. Jeder Ver­trags­staat hat eine Stim­me. Es wer­den alle Anstren­gun­gen unter­nom­men, um Ent­schei­dun­gen in der Ver­samm­lung und im Büro durch Kon­sens zu tref­fen. Wenn kein Kon­sens erzielt wer­den kann und das Sta­tut nichts ande­res bestimmt,
    1. müs­sen Beschlüs­se über Sach­fra­gen von der Zwei­drit­tel­mehr­heit der Anwe­sen­den und Abstim­men­den ange­nom­men wer­den, wobei die Ver­samm­lung beschluss­fä­hig ist, wenn die abso­lu­te Mehr­heit der Ver­trags­staa­ten ver­tre­ten ist;
    2. wer­den Beschlüs­se über Ver­fah­rens­fra­gen von der ein­fa­chen Mehr­heit der anwe­sen­den und abstim­men­den Ver­trags­staa­ten gefasst.
  7. Ein Ver­trags­staat, der mit der Zah­lung sei­ner finan­zi­el­len Bei­trä­ge zur Deckung der Kos­ten des Gerichts­hofs im Rück­stand ist, hat in der Ver­samm­lung und im Büro kein Stimm­recht, wenn die Höhe sei­ner Rück­stän­de den Betrag sei­ner Bei­trä­ge für die vor­an­ge­gan­ge­nen zwei vol­len Jah­re erreicht oder über­steigt. Die Ver­samm­lung kann ihm jedoch die Aus­übung des Stimm­rechts in der Ver­samm­lung und im Büro gestat­ten, wenn nach ihrer Über­zeu­gung der Zah­lungs­ver­zug auf Umstän­de zurück­zu­füh­ren ist, die der Ver­trags­staat nicht zu ver­tre­ten hat.
  8. Die Ver­samm­lung gibt sich eine Geschäfts­ord­nung.
  9. Die Amts- und Arbeits­spra­chen der Ver­samm­lung sind die­je­ni­gen der Gene­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen.

 

Teil 12: Finan­zie­rung[↑]

Art. 113 Finanz­vor­schrif­ten[↑]

Soweit nicht aus­drück­lich etwas ande­res vor­ge­se­hen ist, wer­den alle finan­zi­el­len Ange­le­gen­hei­ten im Zusam­men­hang mit dem Gerichts­hof und den Sit­zun­gen der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten, ein­schliess­lich ihres Büros und ihrer Neben­or­ga­ne, durch die­ses Sta­tut sowie durch die von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten ange­nom­me­nen Finanz­vor­schrif­ten und Finanz­ord­nung gere­gelt.

 

Art. 114 Kos­ten­re­ge­lung[↑]

Die Kos­ten des Gerichts­hofs und der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten ein­schliess­lich ihres Büros und ihrer Neben­or­ga­ne wer­den aus den finan­zi­el­len Mit­teln des Gerichts­hofs bestrit­ten.

 

Art. 115 Finan­zi­el­le Mit­tel des Gerichts­hofs und der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten[↑]

Die Kos­ten des Gerichts­hofs und der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten ein­schliess­lich ihres Büros und ihrer Neben­or­ga­ne, die in dem von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten beschlos­se­nen Haus­halt vor­ge­se­hen sind, wer­den aus fol­gen­den Quel­len bestrit­ten:

  1. den berech­ne­ten Bei­trä­gen der Ver­trags­staa­ten;
  2. den von den Ver­ein­ten Natio­nen vor­be­halt­lich der Zustim­mung der Gene­ral­ver­samm­lung bereit­ge­stell­ten finan­zi­el­len Mit­teln, ins­be­son­de­re im Zusam­men­hang mit den Kos­ten, die infol­ge von durch den Sicher­heits­rat unter­brei­te­ten Situa­tio­nen ent­stan­den sind.

 

Art. 116 Frei­wil­li­ge Bei­trä­ge[↑]

Unbe­scha­det des Arti­kels 115 kann der Gerichts­hof von Regie­run­gen, inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen, Ein­zel­per­so­nen, Unter­neh­men und ande­ren Rechts­trä­gern in Über­ein­stim­mung mit den von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten ange­nom­me­nen dies­be­züg­li­chen Kri­te­ri­en frei­wil­li­ge Bei­trä­ge als zusätz­li­che finan­zi­el­le Mit­tel ent­ge­gen­neh­men und ver­wen­den.

 

Art. 117 Bei­trags­be­rech­nung[↑]

Die Bei­trä­ge der Ver­trags­staa­ten wer­den nach einem ver­ein­bar­ten Bei­trags­schlüs­sel berech­net, dem der von den Ver­ein­ten Natio­nen für ihren ordent­li­chen Haus­halt beschlos­se­ne Bei­trags­schlüs­sel zu Grun­de liegt und der in Über­ein­stim­mung mit den Grund­sät­zen ange­passt wird, auf denen die­ser Bei­trags­schlüs­sel beruht.

 

Art. 118 Jähr­li­che Rech­nungs­prü­fung[↑]

Die Unter­la­gen, Bücher und Kon­ten des Gerichts­hofs, ein­schliess­lich sei­ner Jah­res­ab­schlüs­se, wer­den all­jähr­lich von einem unab­hän­gi­gen Rech­nungs­prü­fer geprüft.

 

Teil 13: Schluss­be­stim­mun­gen[↑]

Art. 119 Bei­le­gung von Strei­tig­kei­ten[↑]

  1. Strei­tig­kei­ten über die rich­ter­li­chen Auf­ga­ben des Gerichts­hofs wer­den durch eine Ent­schei­dung des Gerichts­hofs bei­ge­legt.
  2. Jede ande­re Strei­tig­keit zwi­schen zwei oder mehr Ver­trags­staa­ten über die Aus­le­gung oder Anwen­dung die­ses Sta­tuts, die nicht bin­nen drei Mona­ten nach ihrem Beginn durch Ver­hand­lung bei­ge­legt wird, wird der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten vor­ge­legt. Die Ver­samm­lung selbst kann die Strei­tig­keit bei­zu­le­gen ver­su­chen oder wei­te­re Mit­tel der Streit­bei­le­gung emp­feh­len, ein­schliess­lich der Vor­la­ge an den Inter­na­tio­na­len Gerichts­hof in Über­ein­stim­mung mit des­sen Sta­tut.

 

Art. 120 Vor­be­hal­te[↑]

Vor­be­hal­te zu die­sem Sta­tut sind nicht zuläs­sig.

 

Art. 121 Ände­run­gen[↑]

  1. Nach Ablauf von sie­ben Jah­ren nach Inkraft­tre­ten die­ses Sta­tuts kann jeder Ver­trags­staat Ände­run­gen des Sta­tuts vor­schla­gen. Der Wort­laut jedes Ände­rungs­vor­schlags wird dem Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen unter­brei­tet, der ihn umge­hend an alle Ver­trags­staa­ten wei­ter­lei­tet.
  2. Frü­hes­tens drei Mona­te nach dem Zeit­punkt der Noti­fi­ka­ti­on beschliesst die nächs­te Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten auf ihrer nächs­ten Sit­zung mit der Mehr­heit der Anwe­sen­den und Abstim­men­den, ob der Vor­schlag behan­delt wer­den soll. Die Ver­samm­lung kann sich mit dem Vor­schlag unmit­tel­bar befas­sen oder eine Über­prü­fungs­kon­fe­renz ein­be­ru­fen, wenn die Ange­le­gen­heit dies recht­fer­tigt.
  3. Die Annah­me einer Ände­rung, über die auf einer Sit­zung der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten oder auf einer Über­prü­fungs­kon­fe­renz kein Kon­sens erzielt wer­den kann, bedarf der Zwei­drit­tel­mehr­heit der Ver­trags­staa­ten.
  4. Soweit in Absatz 5 nichts ande­res vor­ge­se­hen ist, tritt eine Ände­rung für alle Ver­trags­staa­ten ein Jahr nach dem Zeit­punkt in Kraft, zu dem sie­ben Ach­tel der Ver­trags­staa­ten ihre Rati­fi­ka­ti­ons- oder Annah­meur­kun­den beim Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ei­nen Natio­nen hin­ter­legt haben.
  5. Eine Ände­rung der Arti­kel 5, 6, 7 und 8 die­ses Sta­tuts tritt für die Ver­trags­staa­ten, wel­che die Ände­rung ange­nom­men haben, ein Jahr nach Hin­ter­le­gung ihrer Rati­fi­ka­ti­ons- oder Annah­meur­kun­de in Kraft. Hin­sicht­lich eines Ver­trags­staats, der die Ände­rung nicht ange­nom­men hat, übt der Gerichts­hof sei­ne Gerichts­bar­keit über ein von der Ände­rung erfass­tes Ver­bre­chen nicht aus, wenn das Ver­bre­chen von Staats­an­ge­hö­ri­gen des betref­fen­den Ver­trags­staats oder in des­sen Hoheits­ge­biet began­gen wur­de.
  6. Ist eine Ände­rung in Über­ein­stim­mung mit Absatz 4 von sie­ben Ach­teln der Ver­trags­staa­ten ange­nom­men wor­den, so kann ein Ver­trags­staat, der die Ände­rung nicht ange­nom­men hat, unge­ach­tet des Arti­kels 127 Absatz 1, jedoch vor­be­halt­lich des Arti­kels 127 Absatz 2 durch Kün­di­gung spä­tes­tens ein Jahr nach Inkraft­tre­ten der Ände­rung mit sofor­ti­ger Wir­kung von dem Sta­tut zurück­tre­ten.
  7. Der Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen lei­tet eine auf einer Sit­zung der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten oder einer Über­prü­fungs­kon­fe­renz ange­nom­me­ne Ände­rung an alle Ver­trags­staa­ten wei­ter.

 

Art. 122 Ände­run­gen der insti­tu­tio­nel­len Bestim­mun­gen[↑]

  1. Ände­run­gen der Bestim­mun­gen des Sta­tuts, die aus­schliess­lich insti­tu­tio­nel­ler Art sind, näm­lich Arti­kel 35, Arti­kel 36 Absät­ze 8 und 9, Arti­kel 37, Arti­kel 38, Arti­kel 39 Absät­ze 1 (Sät­ze 1 und 2), 2 und 4, Arti­kel 42 Absät­ze 4 bis 9, Arti­kel 43 Absät­ze 2 und 3 und die Arti­kel 44, 46, 47 und 49 kön­nen unge­ach­tet des Arti­kels 121 Absatz 1 jeder­zeit von einem Ver­trags­staat vor­ge­schla­gen wer­den. Der Wort­laut eines Ände­rungs­vor­schlags wird dem Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen oder einer von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten bestimm­ten ande­ren Per­son unter­brei­tet; die­se oder der Gene­ral­se­kre­tär lei­tet sie umge­hend an alle Ver­trags­staa­ten und die ande­ren Teil­neh­mer der Ver­samm­lung wei­ter.
  2. Ände­run­gen auf Grund die­ses Arti­kels, über die kein Kon­sens erzielt wer­den kann, wer­den von der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten oder von einer Über­prü­fungs­kon­fe­renz mit Zwei­drit­tel­mehr­heit der Ver­trags­staa­ten ange­nom­men. Die Ände­run­gen tre­ten für alle Ver­trags­staa­ten sechs Mona­te nach ihrer Annah­me durch die Ver­samm­lung oder durch die Kon­fe­renz in Kraft.

 

Art. 123 Über­prü­fung des Sta­tuts[↑]

  1. Sie­ben Jah­re nach Inkraft­tre­ten die­ses Sta­tuts beruft der Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen eine Über­prü­fungs­kon­fe­renz zur Prü­fung etwai­ger Ände­run­gen des Sta­tuts ein. Eine sol­che Über­prü­fung kann ins­be­son­de­re, jedoch nicht aus­schliess­lich, die in Arti­kel 5 ent­hal­te­ne Lis­te der Ver­bre­chen umfas­sen. Die Kon­fe­renz steht allen Teil­neh­mern der Ver­samm­lung der Ver­trags­staa­ten zu den­sel­ben Bedin­gun­gen offen.
  2. Jeder­zeit danach beruft der Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen auf Ersu­chen eines Ver­trags­staats und für den in Absatz 1 genann­ten Zweck nach Geneh­mi­gung der Mehr­heit der Ver­trags­staa­ten eine Über­prü­fungs­kon­fe­renz ein.
  3. Arti­kel 121 Absät­ze 3 bis 7 fin­det auf die Annah­me und das Inkraft­tre­ten jeder auf einer Über­prü­fungs­kon­fe­renz behan­del­ten Ände­rung des Sta­tuts Anwen­dung.

 

Art. 124 Über­gangs­be­stim­mung[↑]

Unge­ach­tet des Arti­kels 12 Absät­ze 1 und 2 kann ein Staat, wenn er Ver­trags­par­tei die­ses Sta­tuts wird, erklä­ren, dass er für einen Zeit­raum von sie­ben Jah­ren, nach­dem das Sta­tut für ihn in Kraft getre­ten ist, die Gerichts­bar­keit des Gerichts­hofs für die Kate­go­rie der in Arti­kel 8 bezeich­ne­ten Ver­bre­chen nicht aner­kennt, wenn angeb­lich ein Ver­bre­chen von sei­nen Staats­an­ge­hö­ri­gen oder in sei­nem Hoheits­ge­biet began­gen wor­den ist. Eine Erklä­rung nach die­sem Arti­kel kann jeder­zeit zurück­ge­nom­men wer­den. Die­ser Arti­kel wird auf der in Über­ein­stim­mung mit Arti­kel 123 Absatz 1 ein­be­ru­fe­nen Über­prü­fungs­kon­fe­renz über­prüft.

 

Art. 125 Unter­zeich­nung, Rati­fi­ka­ti­on, Annah­me, Geneh­mi­gung oder Bei­tritt[↑]

  1. Die­ses Sta­tut liegt am 17. Juli 1998 für alle Staa­ten am Sitz der Ernäh­rungs- und Land­wirt­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen in Rom zur Unter­zeich­nung auf. Danach liegt es bis zum 17. Okto­ber 1998 im Minis­te­ri­um für aus­wär­ti­ge Ange­le­gen­hei­ten Ita­li­ens in Rom zur Unter­zeich­nung auf. Nach die­sem Zeit­punkt liegt es bis zum 31. Dezem­ber 2000 am Sitz der Ver­ein­ten Natio­nen in New York zur Unter­zeich­nung auf.
  2. Die­ses Sta­tut bedarf der Rati­fi­ka­ti­on, Annah­me oder Geneh­mi­gung durch die Unter­zeich­ner­staa­ten. Die Rati­fi­ka­ti­ons-, Annah­me- oder Geneh­mi­gungs­ur­kun­den wer­den beim Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen hin­ter­legt.
  3. Die­ses Sta­tut steht allen Staa­ten zum Bei­tritt offen. Die Bei­tritts­ur­kun­den wer­den beim Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen hin­ter­legt.

 

Art. 126 Inkraft­tre­ten[↑]

  1. Die­ses Sta­tut tritt am ers­ten Tag des Monats in Kraft, der auf den sech­zigs­ten Tag nach Hin­ter­le­gung der sech­zigs­ten Rati­fi­ka­ti­ons-, Annah­me-, Geneh­mi­gungs- oder Bei­tritts­ur­kun­de beim Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen folgt.
  2. Für jeden Staat, der das Sta­tut nach Hin­ter­le­gung der sech­zigs­ten Rati­fi­ka­ti­ons-, Annah­me-, Geneh­mi­gungs- oder Bei­tritts­ur­kun­de rati­fi­ziert, annimmt, geneh­migt oder ihm bei­tritt, tritt es am ers­ten Tag des Monats in Kraft, der auf den sech­zigs­ten Tag nach Hin­ter­le­gung sei­ner Rati­fi­ka­ti­ons-, Annah­me-, Geneh­mi­gungs- oder Bei­tritts­ur­kun­de folgt.

 

Art. 127 Rück­tritt[↑]

  1. Ein Ver­trags­staat kann durch eine an den Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen gerich­te­te schrift­li­che Noti­fi­ka­ti­on von die­sem Sta­tut zurück­tre­ten. Der Rück­tritt wird ein Jahr nach Ein­gang der Noti­fi­ka­ti­on wirk­sam, sofern in der Noti­fi­ka­ti­on nicht ein spä­te­rer Zeit­punkt ange­ge­ben ist.
  2. Der Rück­tritt ent­bin­det einen Staat nicht von den Ver­pflich­tun­gen, ein­schliess­lich etwai­ger finan­zi­el­ler Ver­pflich­tun­gen, die ihm als Ver­trags­par­tei die­ses Sta­tuts erwach­sen sind. Sein Rück­tritt berührt nicht eine etwai­ge Zusam­men­ar­beit mit dem Gerichts­hof im Zusam­men­hang mit straf­recht­li­chen Ermitt­lun­gen und Ver­fah­ren, bei denen der zurück­tre­ten­de Staat zur Zusam­men­ar­beit ver­pflich­tet war und die begon­nen wur­den, bevor der Rück­tritt wirk­sam wur­de; er berührt auch nicht die wei­te­re Behand­lung einer Ange­le­gen­heit, mit wel­cher der Gerichts­hof bereits befasst war, bevor der Rück­tritt wirk­sam wur­de.

 

Art. 128 Ver­bind­li­che Wort­lau­te[↑]

Die Urschrift die­ses Sta­tuts, des­sen ara­bi­scher, chi­ne­si­scher, eng­li­scher, fran­zö­si­scher, rus­si­scher und spa­ni­scher Wort­laut glei­cher­mas­sen ver­bind­lich ist, wird beim Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen hin­ter­legt; die­ser lei­tet allen Staa­ten beglau­big­te Abschrif­ten zu.

Zu Urkund des­sen haben die von ihren Regie­run­gen hier­zu gehö­rig befug­ten Unter­zeich­ne­ten die­ses Sta­tut unter­schrie­ben.

Gesche­hen zu Rom am 17. Juli 1998